Persönlichkeitsstörung - Diagnose oder Werturteil

Houdini
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Beitragvon Houdini » Mi 31. Mai 2006, 09:01

Hallo nila,

ich habe nachgedacht über das, was du geschrieben hast.

Es ist nicht leicht, darauf zu antworten. Vor allem weil ich immer Angst habe, nicht richtig verstanden zu werden.

Was ist eine Tugend? Was verstehe ich darunter?

Mir ist leider kein passender Begriff eingefallen, aber mit Tugend meine ich zum Beispiel, daß man auf andere Rücksicht nimmt.

Ich habe den Eindruck, daß Rücksicht nehmen in dieser Welt nicht besonders gefragt ist. Schließlich ist es damit verbunden, daß man die eigenen Belange etwas zurücknimmt. Deshalb macht diese Tugend auch nicht glücklich.

Arbeite ich nun in einem Team, daß rücksichtslos auf seinen Vorteil bedacht ist, so muß ich eine Entscheidung treffen.

Entweder ich bin genauso rücksichtslos wie die anderen, verkaufe meine Ideale und damit mich selbst und kann fortan nicht mehr ohne Schuldgefühle leben...


...oder ich halte an meinen Idealen fest, nehme dafür die Verachtung des Teams in Kauf, doch ich bewahre mir meine Selbstachtung. Wenn ich stark genug bin.

Ich habe mich für die zweite Möglichkeit entschieden. Ich nehme es in Kauf, daß ich darum als persönlichkeitsgestört gelte. Ein charakterschwacher Psychopath.

Gruß

Houdini

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nila
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Beitragvon nila » Mi 31. Mai 2006, 09:59

Hallo houdini!
Entweder....oder...
Es gibt eben auch noch was dazwischen :!: Auch wir "Nicht-Perfektionisten" verkaufen nicht alle unsere Ideale. Ich glaube immer noch, dass man mit einem guten Mittelmaß am besten durchs Leben kommt, letztendlich auch für sich selbst am besten.
Wieso solltest du "gestört" bleiben wollen? Du verdienst gesunde soziale Kontakte genauso, wie jeder andere. Aber ich verstehe schon, dass es dir im Moment leichter erscheint, an deinen Idealen festzuhalten. Veränderung macht immer Angst und solche Strukturen aufzubrechen, ist auch keine Kleinigkeit. Da kann dir vielleicht dein Therapeut helfen. Und wenn das alles so schnell und einfach ginge, wären ja die meisten Therapeuten arbeitslos...:wink:

Herzliche Grüße
nila

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Beitragvon Houdini » Mi 31. Mai 2006, 10:45

Hallo nila,

entweder ich bleibe bei meinen Idealen und bleibe wie ich bin, oder ich bewege mich davon weg und verändere mich. Da ist nichts dazwischen. Der Grad der Veränderung kann groß oder klein sein.

Mein Psychologe hat sein "Urteil Persönlichkeitsgestört" in Frage gestellt.
Zunächst mal ist er von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Er kennt ja nur einen kleinen Teil von mir, er hat daraus falsche Schlussfolgerungen gezogen.

Er hat die falschen Beispiele gonommen argumentiert, er hat meine postiven Eigenschaften ins Gegenteil verdreht, anstatt mir meine tatsächlichen Fehler aufzuzeigen.

Es bleibt ein gewisser Rest, an dem ich noch arbeiten muß/will. Aber deshalb betrachte ich mich selber nicht als gestört, das überlasse ich anderen.

Lieben Gruß

Houdini

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nila
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Beitragvon nila » Mi 31. Mai 2006, 11:18

Hallo houdini!
Aber deshalb betrachte ich mich selber nicht als gestört,
Du weisst ja schon, wie ich "gestört sein" meine. Und ich bin nun mal davon ausgegangen, du hättest Kontaktstörungen.
Der Rest sind einfach meine Gedanken dazu. Du musst selbst wissen, ob du was damit anfangen kannst oder nicht...

LG
nila

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Beitragvon Houdini » Mi 31. Mai 2006, 14:28

Halli nila,

Kontaktstörungen habe ich, ganz ohne Frage. Woran liegt das? Was unterscheidet mich von kontaktfreudigen oder kontaktfähigen Menschen? Was machen die anders?

Meine Kontaktstörungen bestehen, seit ich mich erinnern kann. Schon als Kind wurde ich "überall" abgelehnt. Mein Fehler war, daß ich anders war. Ich habe versucht mich anzupassen, doch es hat nicht funktioniert. Andere haben ebenfalls versucht mich anzupassen, hat nicht geklappt. Jeder Anpassungsversuch hat Spuren hinterlassen. Doch ich durfte nicht so sein, wie ich bin. Letztlich habe ich gelernt, möglichst unauffällig zu bleiben.

Doch perfekt kann das nicht gelingen, der Mensch ist nunmal kein Serienprodukt.

Lieben Gruß

Houdini

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nila
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Beitragvon nila » Mi 31. Mai 2006, 16:13

Hallo houdini!
Was unterscheidet mich von kontaktfreudigen oder kontaktfähigen Menschen? Was machen die anders?
Ich denke, das sind genau die Fragen, die in deiner Therapie bearbeitet gehören. Ich bin jedenfalls sicher, dass du dieses soziale Manko nicht als "gottgegeben" und unveränderbar betrachten solltest, aber darauf zu warten, dass sich die Welt nach dir richtet, das funktioniert auch nicht. Du musst selbst bereit sein, etwas zu verändern. Ich denke, das Geheimnis ist, mit Hilfe deines Therapeuten dein Verhalten in Frage stellen zu können, ohne dich dabei selbst als Person in Frage gestellt zu fühlen. Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber das geht, wenn man die alten Verhaltensmuster nicht wertet oder gar verurteilt, sondern sie wertfrei als das betrachtet was sie sind: die Art, wie du bisher versucht hast, mit der Umwelt zurechtzukommen. Daran ist nichts zu verurteilen und trotzdem kann es ja andere und bessere Wege geben.
Jeder Anpassungsversuch hat Spuren hinterlassen. Doch ich durfte nicht so sein, wie ich bin.
Das liegt sicher daran, dass nicht du dich verändert hast, sondern nur Druck von aussen kam. Die Veränderung muss von innen kommen, und deshalb bist du ja auch in Therapie.
Doch perfekt kann das nicht gelingen, der Mensch ist nunmal kein Serienprodukt.
Perfekt sicher nicht, aber sicher so, dass du mit deinen Mitmenschen einen für alle Seiten angenehmen Umgang pflegen kannst. Etwas provokant gesagt, es wäre doch gelacht, wenn "die anderen" das könnten, nur du nicht.

Herzliche Grüße
nila

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Beitragvon Houdini » Mi 31. Mai 2006, 19:55

Hallo nila,
Ich denke, das sind genau die Fragen, die in deiner Therapie bearbeitet gehören. Ich bin jedenfalls sicher, dass du dieses soziale Manko nicht als "gottgegeben" und unveränderbar betrachten solltest,
Es gibt Dinge, die nicht zu ändern sind. Diese gelassen hinzunehmen, das kann man in einer Therapie lernen. Doch eine Therapie ist nicht für alles eine Lösung.
aber darauf zu warten, dass sich die Welt nach dir richtet, das funktioniert auch nicht.
Das ist ein Witz. Die Menschen erwarten von mir, daß ich mich anpasse bis zum Gehtnichtmehr, sind aber nicht dazu bereit, sich ein wenig an mich anzupassen. Wozu denn? Ich erwarte schon lange nicht mehr, daß sich irgendwer oder -was nach mir richtet.
Das liegt sicher daran, dass nicht du dich verändert hast, sondern nur Druck von aussen kam.
Ich bin tatsächlich ein sehr veränderungswilliger Mensch, habe mich schon oft verändert. Doch in letzer Zeit denke ich , daß genau das ein schwerer Fehler war. Nach all den Veränderungen frage mich ernsthaft, ob ich wirklich noch ich selber bin.

[quote="nila]
Daran ist nichts zu verurteilen und trotzdem kann es ja andere und bessere Wege geben.[/quote]

Das hoffe ich. Darum bin ich ja in Therapie.
Perfekt sicher nicht, aber sicher so, dass du mit deinen Mitmenschen einen für alle Seiten angenehmen Umgang pflegen kannst.
Ich weiß nicht, ob ich das noch will. Früher habe ich mir das gewünscht, doch inzwischen wünsche ich mir mehr die Einsamkeit. Die Rolle als Störenfried in der Gesellschaft mag mir nicht so recht gefallen, aber vielleicht ändert das sich ja auch noch.

So ganz weg ist die Hoffnung ja nicht. Ich bin doch in dieses Forum gekommen, um zumindest virtuell ein paar Menschen zu begegnen, die mir ein wenig ähnlicher sind als der Rest der Welt. Das war wohl nix aber das macht auch nix. Ich bin gar nicht so allein, wie sich das jetzt anhört. Nur innerlich, da bin ich sehr allein. Es fängt an, mir zu gefallen.

Gruß

Houdini

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Beitragvon danny » Fr 2. Jun 2006, 09:55

Hallo Houdini,

nachdem ich einige Deiner ersten Beiträge gelesen habe, habe ich lange gezögert und mich gefragt, ob ich antworten soll. Aber da ich denke, Du postest hier, weil Du vll einen Ansatz haben willst, sollte ich es doch tun.
Du schreibst, Du hast Kontaktschwierigkeiten. In manchen Beiträgen fällt mir auf, das Du sehr schnell verletzt bist und Dich persönlich angegriffen fühlst, obwohl das nicht die Intention des Gegenübers war. Klar, wer sich angegriffen fühlt, der geht in Verteidigungsposition - ganz normal, mache ich auch, wenn ich mich attackiert fühle. Und schon sind die Fronten aufgebaut...
Manchmal ist es auch so, das jemand, der aggressiv wirkt, einfach ein Problem mit sich selbst hat. Und Du bist dann halt gerade der, der sich in den Weg stellt und bekommt es ab. Das ist dann auch nicht wirklich gegen Dich gerichtet, auch wenn es nciht die feine englische Art ist. Sowas läßt man besser an sich abprallen - um des eigenen Friedens Willen.

Das hier meine ich überhaupt nicht wertend, es ist mir einfach nur aufgefallen. Ich kann mir vorstellen, das es absolut schwer ist, sowas abzustellen. Wenn man sich getroffen fühlt, so geschieht das innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde - das ist nicht durch den Verstand gesteuert, sondern etwas emotionales. Was Du aber versuchen kannst, ist, vor einer Reaktion Dich zu fragen, ob das Gegenüber das vll gar nicht so gemeint haben könnte. Ja, der bittere Beigeschmack dessen, das man sich verletzt fühlt, der bleibt. Aber man gerät zumindest nicht ganz so schnell in eine Auseinandersetzung, bzw. kann sich selbst wieder etwas runterfahren.

Mit der zwanghaften Persönlichkeitsstörung habe ich keine Erfahrung.
In Deinem ersten Beitrag klingt soviel Frust heraus, das Du Dein bestes gibst, aber statt Anerkennung eher Mißmut erntest. Das klingt sehr frustrierend. Ich wünsche Dir, das Du einen Weg findest mit Dir zufrieden zu sein und mehr über die Blicke der anderen drüber zu stehen. Leicht gesagt, ja. Aber eigentlich sollten wir usn eigene Maßstäbe schaffen und nicht mit anderen vergleichen, das macht nur unglücklich.

Liebe Grüße

Houdini
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Beitragvon Houdini » Mo 5. Jun 2006, 14:16

Hallo danny,

ja, man sagt mir nach, daß ich mich schnell angegriffen fühle. Doch ich habe beobachtet, daß andere sich genauso schnell angegriffen fühlen. Das kannst du auch hier im Forum beobachten.

Andere wiederum sagen, ich würde gar nicht reagieren, wenn man mich proviziert. Ob ich das nicht merken würde. Tja, ich merks wohl nicht. Keine Ahnung.

Ich sehe nicht ein, warum ich um des lieben Frieden willen der Sündenbock für andere sein soll. Meinem inneren Frieden ist damit auch nicht gedient.
Aber eigentlich sollten wir usn eigene Maßstäbe schaffen und nicht mit anderen vergleichen, das macht nur unglücklich.
Wie schafft man sich eigene Maßstäbe? Woran orientiert man sich, wenn nicht an anderen?

Du hast recht. Was ich geschrieben habe klingt ziemlich frustriert. Manches klingt ein bisschen heftiger, als es eigentlich ist. Ich weiß bloß nicht, wie ich mich anders ausdrücken soll. Das Leben ist manchmal so kompliziert.

Meinen Weg habe ich bisher nicht gefunden. Aber ich suche weiter.

Liebe Grüße

Houdini


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