Persönlichkeitsstörung

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Franz Engels
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Persönlichkeitsstörung

Beitragvon Franz Engels » Mo 14. Okt 2002, 19:24

Zur Einführung:
Die Diagnose "Persönlichkeitsstörung" erfreut sich sowohl in der Volksseele, als auch in der psychiatrisch-psychotherpeutischen Landschaft einer ausserordentlichen Beliebtheit. Dies findet u.a. einen Niederschlag in der Häufigkeit der Diagnosestellung. In krassem Gegensatz dazu steht die nur sehr geringe Validität der theoretischen Konzeptionalisierung dieser Störungsgruppe. Besonders brisant erscheint diese Diskrepanz zwischen Diagnoseeifer einerseits und mangelhafter wissenschaftlicher Fundierung andererseits vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die Diagnose einer "Persönlichkeitsstörung" sich vorwiegend auf Zuschreibungen von Anderen stützt und kaum auf das eigene Erleben und Leiden der Betroffenen. Wie handhaben Sie die Diagnose einer "Persönlichkeitsstörung"? Handelt es sich um eine fachspezifische Diagnose oder um ein gesellschaftliches Werturteil? Gibt es eindeutige Fälle, fliessende Übergänge? Wo legen Sie den Schnitt?

gnk
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Diagnose, kein Werturteil!

Beitragvon gnk » So 25. Jan 2004, 11:24

Hallo!

An mir selbst wurde vor etwa einem Jahr eine "Persönlichkeitsstörung" diagnostiziert. Das geschah im Rahmen einer viermonatigen stationären Therapie, also recht fundiert.

Natürlich steht die Diagnose "Persönlichkeitsstörung" auf einer ganz anderen Ebene als
etwa "Depression". Das Werturteil wird aber meisst von ganz anderen Personen und meisst früher gefällt. Menschen mit schweren Persönlichkeitsstörungen leiden bereits VOR der Diagnose an den Folgen ihrer Eigenschaften. Meisst ist das Urteil über sie durch die Umgebung längst gefällt.

Ich habe meine schweren Probleme nicht wegen einer Diagnose. Diese gibt dem Kind nur einen Namen.

Das Werturteil wird ganz anders gefällt. Menschen mit einer "dissozialen Störung" werden nicht als "dissozial" sondern als (bitte entschuldigt die Direktheit") "boshaft, gefährlich,kriminell" gewertet. Schizoide nicht als schizoid sondern "seltsam, komisch, lächerlich".

Die Diagnose relativiert eher diese Werturteile und beschreibt die von der Gesellschaft als "schlecht" bezeichneten Menschen auch als krank. Und damit entsteht die Möglichkeit zu helfen und zu versuchen die Situation zu verbessern.

lg,
gnk

rhapsodie
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Beitragvon rhapsodie » Do 22. Jul 2004, 12:25

Hallo Tessa,
ich war mal in einer ähnlichen Situation wie du nur dass ich mit dem Mann zusammengelebt habe (7 Jahre lang). Ich bin auch depressiv und hatte während der "beziehung" ettliche Nevenzusammenbrüche. In der Zeit war ich innerlich so tod, dass ich wäre ich in der Nacht gestorben, ich morgens keinen Unterschied bemerkt hätte. Mit Hilfe von Freunden konnte ich mich befreien (Wohnung organisiert, Blitzauszug, etc.).
Ich kann dir nur raten dich auch aus dieser Situation zu befreien. Er wird dich irgendwann so einsperren dass du nicht mehr viele Auswege siehst...
Egal was er über dich weiss, ich wäre lieber 7 Jahre im Gefängnis gewesen als das durchzustehen.
Sprich mit einem Anwalt und mit deinen Freunden und überlegt was zu tun ist. Nimm alle Drohungen ernst ohne in Panik zu verfallen.
Ich wünsche dir dass du bald wieder in Ruhe dein Leben geniessen kannst.
Hier noch ein Link wo du vielleicht Hilfe wegen des Stalking bekommen kannst:
http://www.webstalking.de/

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Do 22. Jul 2004, 12:32

Hallo rhapsodie,

Stalking ist wirklich ein riesiges Problem und wird erst ganz allmählich von der Justiz beachtet. Es gibt offenbar noch gar keine rechtlichen Grundlagen, um dagegen vorzugehen, weil immer erst etwas Schlimmes passieren muß, damit die Justiz eine Handhabe hat.
Danke für Ihren Beitrag und den Linktipp!

Freundliche Grüße

Franz Engels (Webmaster)
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kayo
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Persönlichkeitsstörung vs. Vulnerabilität

Beitragvon kayo » Mi 4. Aug 2004, 08:10

Hallo Herr Engels,

eine Persönlichkeitsstörung als Diagnose empfinde ich als anmassend! Bewusstseinsstörung wäre in der akuten Phase der korrekte Ausdruck. Die Vulnerabiltät, oder besser eine erhöhte Vulnerabilität scheint doch die Grundlage für Bewusstseinsstörungen zu sein. Das ist doch einfach ein Produkt der Natur und ich frage mich manchmal ob sich überhaupt der Begriff Krankheit dafür eignet ? Für mich sind meine 'formalen Denkstörungen' eher so etwas wie eine Legasthenie, die sich auf die Wirklichkeit zweiter Ordnung bezieht. Legasthenie kann man doch durch Training überwinden, oder ?!

Jedenfalls kann man meiner Meinung nach die Schizophrenie überwinden, wenn man die richtige Psychotherapie für die spezielle Person findet und diese Person unter den Medikamenten in der Lage ist die Welt genügend bewusst wahrzunehmen. Bei mir ist das erst seit einem Jahr unter Ciatyl-Z der Fall. Unter Fluanxol war meine Wahrnehmung nicht gut genug. Ich konnte zwar als Programmierer arbeiten, das wars dann. . Ich war nicht in der Lage wissenschaftliche Ideen aus Psychologie und Philosophie klar genug zu verstehen. Das ist aber für mich wichtig um mein Problem in den Griff zu bekommen.

Gruss Kay
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Beitragvon home » Fr 24. Sep 2004, 10:03

Ich kann Angelita nur zustimmen.
Ich selbst habe bei meinem ersten Klinikaufenthalt die Diagnose "Anpassungsstörung", sprich Depression erhalten. Zwei Jahre später geriet ich wieder in eine akute Krise und der Arzt erzählte was von "Persönlichkeitsstörung" und irgendwelchen Überschneidungen. Er könne daher noch keine konkrete Diagnose stellen.
Für mich war es schon krass. Der Begriff Persönlichkeitsstörung ist erschreckend und ruft Gefühle und Gedanken herbei, die das Leid erstrecht verstärken.
"Meine gesamte Persönlichkeit ist gestört, ich bin nicht lebesfähig, ich gehöre nicht dazu, ich bin nicht ganz... :shock: "
Das ganze hat mich schon verunsichert und ich habe mit einer Pflegerin darüber gesprochen, die meine Reaktion überhaupt nicht verstehen konnte.
"Für sie ändert sich doch nichts!" Und ich dachte, sei Du mal in meiner Situation, dann will ich Dich mal sehen.
Heute denke ich, das die Diagnose nebensächlich ist und die Hauptsache darin besteht, das ich meine Lebensprobleme erkenne und bewältigen lerne.
Ich muß mich nicht stigmatisieren und für krank erklären lassen. Davon grenze ich mich ab, denn ich bin nicht weniger Mensch als andere.
Borderline hin, oder her. Der Begriff allein hilft mir auch nicht. Außerdem gibt es einiges an Vorurteilen, die mit dieser Diagnose einhergehen.

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Fr 24. Sep 2004, 11:39

Hallo home,
Der Begriff Persönlichkeitsstörung ist erschreckend und ruft Gefühle und Gedanken herbei, die das Leid erstrecht verstärken.
Das kann ich sehr gut nachfühlen, mir würde es auch nicht besser damit gehen, und deshalb habe ich auch als Psychiater Probleme mit dem ohnehin schlecht validierten) Konzept der "Persönlichkeitsstörungen".
Heute denke ich, das die Diagnose nebensächlich ist und die Hauptsache darin besteht, das ich meine Lebensprobleme erkenne und bewältigen lerne.
Das stimmt von dem Moment an, wo man sich selber besser versteht und einen Weg aus der Krise heruas gefunden hat. Vorher ist die "Diagnose" eine "Arbeitshypothese", sie weist in dieser Funktion den aktuellen Weg der Therapie, hat insofern therapeutische Konsequenzen, schließt andere therapeutische Wege oft aus, kann Ängste und schlimme Befürchtungen bei den Betroffenen oder Angehörigen fördern oder auslösen etc.. Deshalb wage ich zu bezweifeln, dass Diagnosen "nebensächlich" sind. Es sind "vorläufige Beurteilungen/Urteile" und sollten deshalb sehr vorsichtig gehandhabt werden, immer mit der Bereitschaft, sie sofort zu revidieren, sobald sich neue oder andere Erkenntnisse zeigen. Das ist meine Meinung dazu. Die gegenwärtige Gesundheitspolitik mit ihren Standardisierungen, die Rolle der ICD-10 oder anderer Diagnosekataloge zur Rechtfertigung von Erstattungsfragen in der Welt der Kranken- und Taggeldversicherungen etc.. erschweren diese Haltung oder machen sie oft ganz unmöglich, was ich sehr bedauerlich und auch eigentlich unerträglich finde...
Ich muß mich nicht stigmatisieren und für krank erklären lassen. Davon grenze ich mich ab, denn ich bin nicht weniger Mensch als andere.
Das ist bewundernswert und sicher ein Zeichen guter Selbstachtung und Selbstverantwortlichkeit. Aber "Stigmatisierung" erfolgt eben immer innerhalb von Beziehungen, weshalb man nicht "einseitig" daraus austreten kann, ohne dabei Beziehungen aufzukündigen. Andernfalls wird die Auseinandersetzung mit Stigmatisierung diese Beziehungen begleiten, bis das Stigma beidseits/allseits überwunden werden kann. Oder nicht?

Freundlichen Grüsse

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Cerana
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Beitragvon Cerana » So 3. Okt 2004, 14:59

hallo zusammen...

ich habe auch eine ps diagnostiziert bekommen (selbstunsicher), bzw. gibt es bei mir auch überschneidungen mehrerer ps (auch dependent).

der begriff ps läuft ja auch unter interaktionsstörung...

hin und her..., ....machen mir die begriffe rein gar nichts aus.

weder der therapeut noch andere menschen halten mich deshalb für sonderbar, gefährlich, blöd, verrückt oder sonst etwas.

wenn man diesen begriff ändern sollte, dann müsste man 1000 begriffe auf dieser welt ändern, weil sie einen menschen ja verurteilen könnten.

was ist schon perfekt auf dieser welt???

lg cerana

schamane
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Diagnose Persönlichkeitsstörung - jenseits (beyond!) Werturt

Beitragvon schamane » So 2. Jan 2005, 18:51

Leider stimmt es wohl, dass die Diagnose PST (=Persönlichkeitsstörung) immer noch und zumindest für die meisten Laien wertend gemeint ist. Etwa im Sinne von: unheilbar, uneinsichtig, minderwertig, etc. Und so war das ja auch lange Zeit. Die Konzeption der "Psychopathien", wie sie Anfang 20 Jh. üblich war, war einfach (ab-)wertend. In Fachkreisen, ganz im Gegensatz zu dem auch in diesen Postings üblicherweise auftretenden VORURTEIL gegenüber PST ist diese Diagnose aber meist 1. eine Verständigungshilfe und 2. eine ungemein wichtige therapeutische Hilfe. jedenfalls für den Therapeuten. Fakt ist, dass es kaum einen Menschen gibt, der sich in Therapie (freiwillig und selbstbestimmt) begibt um seine PST zu bearbeiten (von Heilung ist ja so wie so nie zu reden). Über 99% aller Menschen kommen in Therapie, weil sie Ängste, Depressionen oder Zwänge haben und nicht weil sie eine Borderline haben. Aber es wäre für eine fruchtbare Therapie ungemein erleichternd, wenn ein Mensch diese Diagnose anerkennen könnte, denn sie bedeutet auch Schutzraum, in dem sich arbeiten lässt. Viele Schwierigkeiten in Therapien werden erst dadurch handhabbar, dass man sie beim Namen nennt. Jedenfalls gilt für mich: wenn ich eine PST erkennen konnte, habe ich dies auch so anerkannt, besprochen und in die Therapie integriert, soweit das eben möglich war. Ich komme noch mal auf die verbreiteten Vorurteile bei Patienten zu sprechen. Zu oft liegt die Wertung auf dieser Seite. Dabei würde die Anerkennung einer gemeinsamen Arbeitsplatform die Arbeit erleichtern, ja ermöglichen. Denn es sollte nicht darum gehen, sich in einen Diagnosen Machtkampf zu begeben. In den letzten 10 Jahren ist in Fachkreisen eine immer konstruktivere Auseinandersetzung mit diesem Thema zu verzeichnen. Sachlicher und konstruktiver jedenfalls als dies, vor allem bei den "informierten" Patienten der Fall ist, die zu oft einfach nur emotionalisiert sind. Und damit auf dem Stand der Diskussion der 60er Jahre des 20. Jh.

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Angelita
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Beitragvon Angelita » Mo 3. Jan 2005, 20:23

Grüezi schamane
1. eine Verständigungshilfe und 2. eine ungemein wichtige therapeutische Hilfe. jedenfalls für den Therapeuten
Na ja, wenn die Verständigungshilfe nur auf der Therapeutenseite ist.... :-k und was sollte ich unter 2. verstehen?
Fakt ist, dass es kaum einen Menschen gibt, der sich in Therapie (freiwillig und selbstbestimmt) begibt um seine PST zu bearbeiten
tja, was ist schon freiwillig? Ich habe selten den Eindruck, dass es den Freienwillen gibt.
(von Heilung ist ja so wie so nie zu reden).
Warum nicht? Könnten Sie mir dies erklären, bitte.
Aber es wäre für eine fruchtbare Therapie ungemein erleichternd, wenn ein Mensch diese Diagnose anerkennen könnte, denn sie bedeutet auch Schutzraum, in dem sich arbeiten lässt.
In was besteht dieser Schutzraum?
Viele Schwierigkeiten in Therapien werden erst dadurch handhabbar, dass man sie beim Namen nennt.
Ja, natürlich...aber was bringts, wenn ich meine Patienten mit Diagnosebegriffen u. psychiatriekauderwelsch verschrecke? Wenn ich sehe, dass Patienten damit Mühe haben, dann kann ich doch diese Begriffe weg lassen o. Umschreibungen gebrauchen. In Fachkreisen ergibt die Handhabung der Fachtermini einen Sinn, aber in der Patienten/Therapeute-Beziehung schadet sie oft mehr als nicht.
Denn es sollte nicht darum gehen, sich in einen Diagnosen Machtkampf zu begeben.
Kommt das bei Ihnen vor? Also solche Klienten/Patienten sind mir noch nicht untergekommen. Zudem, wer hat denn die Macht in dieser Zweierbeziehung? Wohl eher der/die Therapeut/in.
In den letzten 10 Jahren ist in Fachkreisen eine immer konstruktivere Auseinandersetzung mit diesem Thema zu verzeichnen.
Das ist schön und gut u. sollte auch so sein.
Sachlicher und konstruktiver jedenfalls als dies, vor allem bei den "informierten" Patienten der Fall ist, die zu oft einfach nur emotionalisiert sind. Und damit auf dem Stand der Diskussion der 60er Jahre des 20. Jh.
Ehrlich gesagt, weiss ich nicht wie/was ich mit Ihrer Aussage verstehen/ machen soll. Patienten sind oft - aber nicht nur, denn ich habe des öftern erlebt, dass selbst Psychologen u. Psychiater in fernen Kliniken sich therapieren lassen mussten - Laien und das muss man ihnen ja nicht zum Vorwurf machen, wenn sie "emotionalisiert" reagieren. Wir sog. Profis nehmen ab u. zu auch etwas persönlich. Nicht immer können wir die Distanz wahren, auch wir sind verletzlich u. können dank unserem Fachwissen u. Schulung uns abgrenzen u. z.B. Kritik einordnen, zuordnen, annehmen, ablehnen usw.

Nun gut, ich hoffe, dass Sie mein Bemühen um Verständnis für den Patienten achten.

In diesem Sinne wünsche ich uns therapeutisch arbeitenden Personen, dass wir nie den Patienten aus den Augen verlieren u. ihn nicht unnötig durch Fach- u. Diagnosewörter er- u. verschrecken. Ein gutes neues Jahr!
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal

schamane
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Beitragvon schamane » Mo 3. Jan 2005, 22:06

Liebe Angelita,
deine Anmerkungen zu meinem Posting habe ich gelesen. Es wird einen, zwei Tage brauchen, um substantiell zu antworten.
Grüße Schamane

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Lydia
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Beitragvon Lydia » Di 4. Jan 2005, 10:05

Guten Morgen Schamane,

ich kann verstehen, wenn die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ oftmals als wertend gedeutet wird. Denn durch die stumpfe Klassifikation einer Diagnose nach ICD-10 werden ja bestimmte Krankheitsbilder in gewisser Weise vom Therapeuten bewertet und beurteilt. Der Patient wird sozusagen in eine Schublade gesteckt, aus der es vermutlich schwierig ist, wieder rauszukommen. Wenn der Therapeut dann noch die Meinung vertritt, dass eine Heilung dieses „Krankheitsbildes“ nie möglich ist, dann ist es für mich nicht nur eine wertende Diagnose, sondern wäre für mich sogar als abwertend zu verstehen. Daher stimme ich Angelita in ihrer Meinung zu, dass es vermutlich manchmal eher schädigend ist, das Kind beim Namen zu nennen.
Mag sein, dass die Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ in „Fachkreisen“ eine Verständigungshilfe ist. Ich als Patient jedenfalls, würde lieber mich selbst im Mittelpunkt der Verständigung sehen. Ich habe die Klassifizierung von Diagnosen bisher eher als Abrechnungshilfe der Ärzte/Therapeuten mit der Krankenkasse verstanden. Von daher wäre es mir im Grunde genommen egal, was für eine Einteilung nach ICD-10 erfolgen würde (hauptsache die KK übernimmt die Kosten). Nun bin nun schon fast etwas erschrocken, dass eine „Namensgebung“ und Klassifizierung so wichtig erscheint.
Ich verstehe nicht, warum viele Schwierigkeiten in Therapien erst dadurch handhabbar werden, wenn man sie beim Namen nennt. Ich meine, dass der Therapeut doch eher mit dem Menschen arbeiten sollte, als sich an einem vorgegebenen, theoretischen Leitfaden entlang zu hangeln.
In den letzten 10 Jahren ist in Fachkreisen eine immer konstruktivere Auseinandersetzung mit diesem Thema zu verzeichnen Sachlicher und konstruktiver jedenfalls als dies, vor allem bei den "informierten" Patienten der Fall ist, die zu oft einfach nur emotionalisiert sind. Und damit auf dem Stand der Diskussion der 60er Jahre des 20. Jh.
Nun ja.....das will ich hoffen, dass eine Diskussion unter „Experten“ anders verläuft, als bei „Laien“.
Allerdings sollte die Meinung des Patienten, der in einigen Diskussionspunkten vermutlich mehr Experte ist, als der Experte selbst, nicht unterschätzt werden. Emotionen zeugen ja nicht unbedingt davon, dass man den falschen Standpunkt vertritt.

Du schreibst, dass Laien die Diagnose Persönlichkeitsstörung oftmals als „unheilbar, uneinsichtig, minderwertig etc“ abwerten. Beim Lesen Deines Beitrags, habe ich manchmal das Gefühl gehabt, dass Du teilweise die Patienten auch nicht anders bewertest.

Viele Grüße
Lydia

schamane
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Beitragvon schamane » Di 4. Jan 2005, 11:21

Guten Morgen Angelita

Als Vorbemerkung und um einen sachlichen Diskurs zu gewährleisten möchte ich daran erinnern, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass wir zwar die gleichen Begriffe verwenden, jedoch mit wahrscheinlich völlig unterschiedlicher Definition. Die Diskussion um PST ist ja auch über weite Strecken Definitionssache.

Zitat: 1. eine Verständigungshilfe und 2. eine ungemein wichtige therapeutische Hilfe. jedenfalls für den Therapeuten
Na ja, wenn die Verständigungshilfe nur auf der Therapeutenseite ist.... und was sollte ich unter 2. verstehen?
Mit Verständigungshilfe ist unter (1.) primär die Kommunikation unter Fachleuten gemeint. Betrachtet man sich die Entwicklung im 20 Jh., so war es ein bedeutsamer Fortschritt, dass eine einheitliche Nomenklatur geschaffen wurde. Leider ohne bis heute Wertungen insbesondere im Bereich PST sowohl bei ICD als auch bei DSM herauszuhalten. Die wichtige therapeutische Hilfe wie unter (2.) für den Therapeuten besteht darin, um in der Sprache der Psychoanalyse zu bleiben, ungünstige und destruktive Gegenübertragungsreaktionen zu verhindern.

Zitat: Fakt ist, dass es kaum einen Menschen gibt, der sich in Therapie (freiwillig und selbstbestimmt) begibt um seine PST zu bearbeiten
tja, was ist schon freiwillig? Ich habe selten den Eindruck, dass es den Freienwillen gibt
.
Das ist ein riesiges Thema, zu dem unendlich viel zu sagen wäre. Der Schweizer Peter Bieri hat in „Das Handwerk der Freiheit“ (Hanser, 2001) meiner Meinung nach das Wesentliche dazu gesagt. Die Zeiten, in denen Menschen eine Therapie begannen aus reiner Freude an Selbsterkenntnis / -erfahrung, sind längst vorbei. Zunehmend befinden sich Menschen in Therapie, die dem nicht wirklich aufgeschlossen gegenüber sind. Milde, wenn es sich um Skepsis handelt, schwierig zu handhaben, wenn es sich um offenes Misstrauen oder direkte“ passive Aggression etwa im Sinne Millons oder Benjamins handelt. Bei den so genannten „einfachen Diagnosen (ICD 4X.xx) ist die Freiwilligkeit schon fraglich, denn zu viele wollen einfach nichts „psychisches“ haben und suchen verzweifelt nach etwas anderem. Umso schwieriger ist es bei PST. Ich bin der Überzeugung, dass wir es bei PST nicht mit einem Phantom oder einer Schimäre zu tun haben, die nur in den Köpfen von Wissenschaftlern oder Klinikern existiert. Es gibt sie. Und es sind Menschen, die besondere (Be-) Achtung verdienen, weil sie es sehr schwer in ihrem leben haben.

Zitat: (von Heilung ist ja so wie so nie zu reden).
Warum nicht? Könnten Sie mir dies erklären, bitte.
Die Antwort wird unbefriedigend sein. Wenn man davon ausgeht, dass bei PST irgendetwas im Exzess vorliegt, gilt es den Exzess zu minimieren, wenn sich die betreffende Person zu dieser Bearbeitung bereit erklärt (s. o. Freiwilligkeit). Somato-medizinisch bedeutet Heilung, dass Symptomatik und Ursache behoben sind. Dabei hat die Medizin nicht den Anspruch, auf alle Zeiten eine Krankheit zu heilen. Fast alles kommt wieder. Aber bei einer Therapie geht es ja nicht darum, ein Merkmal oder eine Eigenschaft zu eliminieren, Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Unsicherheit, Angst werden bestehen bleiben. Und damit die Anlage dazu, dass das Problem wieder auftritt. Unabhängig davon, dass etwas ins Gegenteil umschlagen kann oder sich in einer Art und Weise entwickelt, die so nicht vorgesehen war. In Ausbildungen, Fachkreisen etc. wird nicht mehr von Heilung gesprochen, sondern von Verbesserung. Und das ist realistisch. Wir Therapeuten können keine neuen Menschen erschöpfen. Und je nach Umfang und Intensität eines Problems werden sehr schmerzhafte Wunden oder Narben zurückbleiben.

Zitat: Aber es wäre für eine fruchtbare Therapie ungemein erleichternd, wenn ein Mensch diese Diagnose anerkennen könnte, denn sie bedeutet auch Schutzraum, in dem sich arbeiten lässt.
In was besteht dieser Schutzraum?
Siehe oben meine Antwort zu Verständigungshilfe. PST ist umfassender als eine einfache Diagnose. Und wenn man im Schema des DSM bleibt, ist im Sinne einer sauberen Diagnostik immer abzuklären, ob es eine Achse II Störung gibt. Weil eine solche bei der Bearbeitung nicht vernachlässigt werden darf. Wird Achse II weder abgeklärt noch berücksichtigt, kommt es unweigerlich zu Konfusionen und destruktiven Verläufen, und wenn es nur ungünstige Gegenübertraungsreaktionen sind. . Ein konkretes Beispiel, selbst wenn es jetzt etwas aus dem Rahmen fällt: Wenn ein Mensch diagnostisch eine manifeste Anorexie aufweist, kann die therapeutische Arbeit (die immer Kooperation mit dem Menschen ist) erst beginnen, wenn die Person anerkennt, dass sie eine Essstörung, eine Anorexie hat. Erfolgt diese Anerkennung nicht ist sinnvolle Therapie bestenfalls im Sinne einer Motivierung möglich. Und zu selten bleiben Menschen so lange „bei der Stange“.

Zitat: Viele Schwierigkeiten in Therapien werden erst dadurch handhabbar, dass man sie beim Namen nennt.
Ja, natürlich...aber was bringts, wenn ich meine Patienten mit Diagnosebegriffen u. psychiatriekauderwelsch verschrecke? Wenn ich sehe, dass Patienten damit Mühe haben, dann kann ich doch diese Begriffe weg lassen o. Umschreibungen gebrauchen. In Fachkreisen ergibt die Handhabung der Fachtermini einen Sinn, aber in der Patienten/Therapeute-Beziehung schadet sie oft mehr als nicht.
Diese Diskussion erinnert mich auch an längst überwundene Auseinandersetzungen mit Ärzten darüber ob man mit Patienten eine Krebsdiagnose offen und in aller Ernsthaftigkeit besprechen soll oder nicht. Heute längst Standard, dass die Diagnose mit dem notwendigen Fachchinesisch dazu besprochen wird. Es stellt sicher eine Herausforderung an Therapeuten dar, die Diagnostik oder die Therapeuten Perspektive in einer Art und Weise zu präsentieren, die nicht eine erneute Traumatisierung bedeutet. Allerdings halte ich es für unverzichtbar, über diesen Punkt mit Menschen so offen wie möglich zu reden. Der Schaden durch solche Fachtermini besteht zu häufig darin, dass nicht darüber geredet wird.

Zitat:
Denn es sollte nicht darum gehen, sich in einen Diagnosen Machtkampf zu begeben.
Kommt das bei Ihnen vor? Also solche Klienten/Patienten sind mir noch nicht untergekommen. Zudem, wer hat denn die Macht in dieser Zweierbeziehung? Wohl eher der/die Therapeut/in.
Solch Machtkämpfe kommen vor, auch bei mir (z.B. bei ganz bestimmten Borderline Konstellationen oder in Reinkultur bei passiv-aggressiven werden Machtkämpfe als Interaktionsplatform regelmäßig angeboten. Ich persönlich bin immer wieder und immer noch nicht soweit, dass ich so sehr über den Dingen stehe, dass mir dies in meiner Arbeit nicht passiert. Es ist die Frage, ob man sich darauf einlässt und mitmacht. Ich habe mir aber zur Gewohnheit gemacht, dies sofort aufzugreifen. Man lese sich die Postings zu dem Bereich PST in diesem Forum durch (habe ich nicht in toto gemacht) dann wird schnell klar, wieviel Widerstand gegen solche Diagnosen besteht. Macht in der therapeutischen Beziehung. Es ist die Illusion der Macht, die der Therapeut hat.

Zitat: Sachlicher und konstruktiver jedenfalls als dies, vor allem bei den "informierten" Patienten der Fall ist, die zu oft einfach nur emotionalisiert sind. Und damit auf dem Stand der Diskussion der 60er Jahre des 20. Jh.
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wie/was ich mit Ihrer Aussage verstehen/ machen soll. Patienten sind oft - aber nicht nur, denn ich habe des Öfteren erlebt, dass selbst Psychologen u. Psychiater in fernen Kliniken sich therapieren lassen mussten - Laien und das muss man ihnen ja nicht zum Vorwurf machen, wenn sie "emotionalisiert" reagieren.
Wir sog. Profis nehmen ab u. zu auch etwas persönlich. Nicht immer können wir die Distanz wahren, auch wir sind verletzlich u. können dank unserem Fachwissen u. Schulung uns abgrenzen u. z.B. Kritik einordnen, zuordnen, annehmen, ablehnen usw.
Der Absatz ist geradezu ein Plädoyer dafür, das oben dargestellte ernst zu nehmen. Viele ungünstige Reaktionen würden milder oder gar nicht auftreten. Ich mache „Laien“ nicht den Vorwurf emotionalisiert zu sein, aber zu viele verabsolutieren ihr Wissen, das sie in Behandlungen mitbringen und viel Energie muss aufgewendet werden, um eine tragfähige Grundlage zu bekommen. Und zu viele haben einfach einen Wissensstand, der einerseits als halb verdaut bezeichnet werden muss und andererseits aber verabsolutiert wird.

Grüße Schamane

Wolf
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Diagnose oder Werturteil

Beitragvon Wolf » Di 21. Jun 2005, 13:32

Hallo,

die Frage war: Persönlichkeitsstörung, eine Diagnose oder Werturteil?

Differenziert betrachtet, aus allen lesbaren Schriften über diesen Begriff, sollte abgegrenzt werden:
Persönlichkeitsstörung und Persönlichkeitsveränderung.

Bei einer Persönlichkeisveränderung, das sagt schon das Wort,
stehen zwei Persönlichkeiten zur Betrachtung.
Eine vor der Veränderung und eine nach einem bestimmten Ereignis.
Diese Ereignisse wirken auf bestimmte Hirnareale lädierend ein, so dass eine Verhaltensänderung auftritt. Diese ist für einen Neuro-Psychologen mit fundierten Kenntnissen sehr gut erkennbar. Tests helfen diese Beobachtungen zu verifizieren und sind bei zügigem Erkennen, gut therapierbar.

Eine Persönlichkeitsstörung ist ein Charakterhabitus. Diese sind familiär/erblich oder werden in der Kindheit oder Adoleszenz erworben und dauern im Erwachsenenalter an.
Erworbene P-störung meist durch Terrorisierung im Abhängigkeitsbereich.

Eine Hirnläsion lässt sich nachweisen, dagegen eine Charaktereigenschaft unterliegt überwiegend einer subjektive Deutung. In krassen Fällen ist die Persönlichkeitsstörung äußerlich sichtbar und somit unschwer zu bezeichnen.

In den letzten Jahren häufen sich auffällig die Diagnosen Persönlichkeitsstörung bei verunfallten Personen, deren Beschwerden sich chronifiziert haben.

Wenn man diese Diagnostizierungsparanoia bestimmter Ärzte unter die Lupe nimmt, so fällt auf, dass diese Ärzte einen Interessenskonflikt haben. Entweder sie sind in einer Klinik beschäftigt, die der Versicherungswirtschaft gehört oder sie haben eine spezielle „Fortbildungsschulung“ bei einer versicherungsgesponserten Organisation absolviert.
Ist eine Diagnose Persönlichkeitsstörung ein Schutzraum für den Patienten oder eher ein Kampfraum für die Versicherung gegen den Schadensersatzantragsteller?

Warum wird soviel unter den sogenannten Fachleuten diskutiert?
Wenn klare einheitliche Erkenntnis herrschen würde, dann müssten sich die „Ärzte“ für ihre Diagnosen rechtfertigen, wenn sie denn über die Begründung der Diagnose hinterfragt werden würden.

Die Psychiatrie war schon immer ein Mittel zum Zweck, unliebsames unter Verwahrung und Verschluss zu halten.
Heute ist sie ein beliebter Tummelplatz für Aussteigerdiagnosen, mit der automatisch eine Entwertung des Schadensersatzes eines Unfallopfers erreicht wird.

Nach meiner Meinung kann man jede Verhaltungsstörung als solche die es ist bezeichnen, dazu benötigen wir keinen Oberbergiff.
Denn dieser Oberbegriff,wenn er als Diagnose alleine dasteht ohne fundierte Begründung oder durch Tests verifiziert, ist immer ein Hammer, der auf eine Person gezielt eingesetzt wird. Und das ist in der Regel abwertend! Es ist wie beleidigende Nachrufe, die ebenfalls nicht begründet werden. Und der/die es einsetzt, hat immer einen Hintergedanken, der untersucht werden sollte.

Die frühere Bezeichnung „Psychopathie“ galt als „gesellschaftliche Wertung“ und wird nun mit Persönlichkeitsstörung ersetzt.
Welche Störung hat eine Gesellschaft, die meint, mit einer neuen Namensbezeichnung eine Sache schöner werden zu lassen oder wenigstens echter? Besser wäre doch die Zustände zu verändern, die zu Traumatisierungen führen.

Wolf


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