Autismus kontra schizoide Persönlichkeit

kyro
Beiträge: 6
Registriert: Do 4. Aug 2005, 10:13

Beitragvon kyro » Mi 23. Nov 2005, 14:30

Meine wichtigste Lehre, die ich aus meiner Psychoseerfahrung gezogen habe: drüber reden, korrigierbar bleiben.
Zum reden war ich nicht in der Lage, aber das andere kann ich voll unterschreiben: korrigierbar sein. Vorsichtig damit irgendwelche neuen Erkenntnisse gleich als Realität zu akzeptieren. Ich glaube das hilft sehr sich nicht unnötig tief in irgendwelchen Wahnvorstellungen zu verlaufen.

Bissel OT, aber musste raus, sorry.

LG

Benutzeravatar
Laura
Beiträge: 4449
Registriert: Sa 25. Sep 2004, 07:09

Beitragvon Laura » Mi 23. Nov 2005, 16:15

Hallo Sheila!

Die Diagnosen schizoid und schizophren klingen zwar ähnlich, sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe.

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

Jonas
Beiträge: 292
Registriert: So 11. Sep 2005, 09:39
Wohnort: Im dunklen Forst

Beitragvon Jonas » Mi 23. Nov 2005, 16:28

Die Diagnosen schizoid und schizophren klingen zwar ähnlich, sind aber zwei verschiedene Paar Schuhe.
Man muss nicht unbedingt ein kontaktscheu-introvertiertes Naturell haben, um eine Schizophrenie zu kriegen, aber ein solches Naturell ("schizotypisch") erhöht zum einen die Wahrscheinlichkeit, an einer Psychose zu erkranken, und findet sich zum anderen gehäuft bei Angehörigen von Schizophrenen. Insofern besteht da schon eine gewisse Beziehung zwischen beidem. Die amerikanische Diagnostik (DSM) rechnet die schizoide und die schizotypische Störung darum auch zum "schizophrenen Spektrum". Ein schizophrener Bekannter von mir ist z. B. in extremer Form in sich gekehrt und verschlossen, wobei ich nicht weiß, ob er vor Ausbruch der Psychose auch schon so war.
http://www.eigener-planet.de/

Sheila
Beiträge: 42
Registriert: Di 22. Nov 2005, 18:04

Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 16:42

Danke an alle,

mit den *schizoiden Spektrum* kann ich was anfangen das ist in etwa so wie die Bandbreite bzw "Behinderungsgrade" bei Autisten: von atypischer A. (meist mit Mutismus verbunden und Intelligenzminderung verbunden) bis hin zu AS, HFA (Hoch funktionaler Autismus).
Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiss sondern auch Grau.

LG

Sheila
Normal ist anders und ich bin anders normal.

Jonas
Beiträge: 292
Registriert: So 11. Sep 2005, 09:39
Wohnort: Im dunklen Forst

Beitragvon Jonas » Mi 23. Nov 2005, 17:01

Klare Grenzen zwischen den einzelnen Diagnosen gibt es sowieso nur in den Diagnosehandbüchern. In Wirklichkeit sind die Übergänge fließend: Autistische Störungen gehen über schizoide und schizotypische Persönlichkeitsstrukturen in die Schizophrenie über, diese wieder über die schizo-affektive Psychose in die manisch-depressive, und die dann in (unipolar) depressive, Depressionen wiederum in Angststörungen usw. usf. Es ist wie ein Farbspektrum, wo eine Farbe ganz allmählich in die nächste übergeht.

Wer eine große Distanz zur Umwelt hält, unnahbar und kalt wirkt (wirkt, nicht ist), hält mit dieser Persönlichkeitsstruktur möglicherweise das Abgleiten in eine Psychose in Schach. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die als gefühllos erlebten Schizoiden eine sehr reiche Phantasiewelt haben (in der sie mehr zu Hause sind als in der realen Welt), und von da aus ist der Weg nicht mehr so weit zu schizophrenen Wahnvorstellungen und Halluzinationen.

In einem tiefenpsychologischen Buch zur Beziehung zwischen Borderline und Psychose wurde auch das Borderline-Naturell als "letztes Bollwerk gegen die Psychose" bezeichnet. Finde ich sehr treffend. In einer Psychose bricht ja in gewisser Weise das Ich zusammen, von daher denke ich, dass Menschen mit einem psychosenahen ("vulnerablen") Naturell möglicherweise unbewusst Strategien entwickeln, diese Katastrophe zu verhindern - z.B., indem sie eine extreme Distanz zur Umwelt halten, und damit zu emotionalen Belastungen, wie sie aus Beziehungen z. B. erwachsen.
http://www.eigener-planet.de/

Sheila
Beiträge: 42
Registriert: Di 22. Nov 2005, 18:04

Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 17:36

Finde ich sehr treffend. In einer Psychose bricht ja in gewisser Weise das Ich zusammen, von daher denke ich, dass Menschen mit einem psychosenahen ("vulnerablen") Naturell möglicherweise unbewusst Strategien entwickeln, diese Katastrophe zu verhindern - z.B., indem sie eine extreme Distanz zur Umwelt halten, und damit zu emotionalen Belastungen, wie sie aus Beziehungen z. B. erwachsen.
Ist mir einleuchtend. Da kann ich wieder Paralellen zum Autismus ziehen, da auch ich mich zurück ziehe weil ich Interaktionen in Form von Small(brain)l-Talk (verab)scheue oder meine extreme Wahrnehmung mir zu schaffen macht (Kaufhaus, Menschenmassen etc.). Hört sich erst mal banal an aber im nach hinein kann auch mich ein Dauerkontakt mit Menschen und anderen Reizüberflutungen im wahrsten Sinne des Wortes in den Wahnsinn treiben (Overload). Zum anderen gehe ich auch Menschen aus den Weg da ich additiv an einer bipolaren Depression leide und ich sie damit irritieren könnte.
Normal ist anders und ich bin anders normal.

Benutzeravatar
deepnight
Beiträge: 998
Registriert: Di 2. Dez 2003, 17:27
Wohnort: 71272 Renningen
Kontaktdaten:

Beitragvon deepnight » Mi 23. Nov 2005, 18:14

Hallo Jonas,
du schreibst, in einer Psychose bricht das Ich zusammen. Das habe ich so nicht erlebt. Meine Realität bricht zusammen, aber das Ich, das dies erlebt ist immer das gleiche, ob gesund oder nicht.
Gruß, Helene
Jetzt und Hier

Jonas
Beiträge: 292
Registriert: So 11. Sep 2005, 09:39
Wohnort: Im dunklen Forst

Beitragvon Jonas » Do 24. Nov 2005, 05:23

Mit dem "Ich", das da zusammenbricht, meinte ich nicht das Gefühl "Ich bin", das bleibt erhalten. Ich meinte vielmehr die Grenzen zwischen Ich und Umwelt, Nicht-Ich, die brechen ein, und Inneres wird zu Äußerem, wie Gedanken, die zu Stimmen werden, die sich nicht kontrollieren lassen, und Äußeres wird zu Innerem, wie bei der Steuerung der eigenen Gedanken von außen, den direkt an einen selbst gerichteten Fernsehnachrichten und alles andere da draußen, was man in der Psychose direkt auf sich bezieht, obwohl es in Wirklichkeit nichts mit einem zu tun hat.

@Sheila: Meine Theorie ist die, dass sowohl schizoide/schizophrene wie autistische Probleme mit der Reizverarbeitung im Gehirn zusammenhängen. Das Gehirn filtert ja ununterbrochen Sinnesreize, die von außen wie von innen kommen. Nur ein ganz kleiner Teil dieser Reize gelangt normalerweise ans Bewusstsein. Bei Schizophrenen wie bei Autisten könnte ich mir vorstellen, dass dieser Reizfilter nicht ganz so effektiv arbeitet wie bei anderen, also mehr Reize durchlässt. Das hat seine positiven Seiten, wie eine erhöhte Sensibilität, man nimmt eben mehr wahr, und seine negativen - wenn das Bewusstsein von zu vielen Reizen überflutet wird, hat man eine Psychose. Die große Distanz zur Umwelt, die Asperger-Autisten wie Schizoide/Schizotypische zeigen, könnte ein unbewusster Versuch sein, das Ausmaß der ins Bewusstsein dringenden Reize zu vermindern.
http://www.eigener-planet.de/

Sheila
Beiträge: 42
Registriert: Di 22. Nov 2005, 18:04

Beitragvon Sheila » Do 24. Nov 2005, 08:39

@Jonas

ja, ein neurologisch typischer Mensch reagiert auf so eine Reizüberflutung agressiv mit anschließender Ermüdung. Menschen mit "geschärften" Sinnesreizen erleiden einen Overload der bis hin zum Realitätsverlust führen kann und zwar unabhängig davon ob eine Persönlichkeitsstörung nun vorliegt oder nicht.
Man vermutet auch dass Kinder die permanenten sensorischen Reizen ausgesetzt sind wie Fernsehen und Computer gehäuft an Entwicklungsstörungen leiden.

Link zum Thema "Wahrnehmungsstörungen":
http://www.kiwif.de/Sommersemester%202 ... hmung.htm
Normal ist anders und ich bin anders normal.

Benutzeravatar
neuerName
Beiträge: 53
Registriert: Fr 16. Dez 2005, 02:14
Kontaktdaten:

Beitragvon neuerName » Fr 16. Dez 2005, 03:15

Vorneweg will ich erstmal sagen,das ich von Autismus selber keine ahnung,außer das was Hollywood wir erklärt hat.
Es ist wirklich schwieerig die einzelnen Erkrankungen von einander zu unterscheiden,ich selber bin da ein kleines Beispiel:ich begab mich mit dem Verdacht auf einer Depression in Behandlung.Später kam ich dann für drei Wochen in eine Stationäre Behandlung,wo man anfing mich gegen Schizophrenie zu behandeln und ich fand mich mit der Diagnose erstmal ab.Ca. 2 Monate später ging ich dann für 10 Wochen in eine andere Klinik.In der sagte man mir am Ende,das ich an einer Persönlichkeitsstörung leide und diese dazu Geführt hat (also bin mit dieser Störung auf die Realität gestoßen),das ich eine starke Depression bekommen habe,durch die man letztendlich auf meine Persönlichkeitsstörung aufmerksam geworden ist.
Trotz allem nehme ich noch heute die gleichen Medikamente,die man mir damlas gegen die Shizophrenie verschrieben hat.
Ich habe mich während der Klinikaufenthalte ein wenig fortgebildet und ein Buch über die unterschiedlichen Arten der Shizophrenien durchgelesen und stellte fest,das die Symptome sehr denen der Depressionen ähneln,aber hier mit unterschiedlichen Medikamente Behandelt werden.
Bei depresionen wirken die Medikamente (die berühmten Antidepressiva,aber auch andere Medis(ich glaube auch Siliziium),wie die wirken weis ich nicht),so wie ich es verstanden habe,auf das Hormon Serotonin.Dies wirkt sich auf dem Gemühtszustand aus.
Bei Shizophrenie und Persönlichkeitsstörungen werden sogenante Neuroleptika eingesetzt,die auf die Neurotransmitter Nondralin und Dopamin wirken.Bei der Shizophrenie geht man davon aus (ich weiß jetzt nicht,wie es bei den Persönlichkeitsstörungen ist,aber man benutzt bei Beiden immerhin gleiche Medkamente),das diese das diese Neurotransmitter zu stark fließen und zu dieser schon genannten Reizüberflutung führen.Das komische ist,das bei ADS scheinbar ähnliches passiert und wo ich mir die Frage stelle,wo da wiederum die Unterschiede sind,da ADS menschen wiederum andere Medikamente bekommen.
Das was sich in unseren Kopf abspielt scheint alles sehr kompliziert zu sein und teilweise nicht wirklich differenzibar zu sein.
Das sieht man doch schon an den Diskussionen über die Borderline erkrankungen,wo es Quellen gibt,die sagen,dass diese Krankheit nicht existiert,oder das Menschen mit Multiblerpersönlichkeitsstörung als Schizophren eingestuft werden.
Auch scheiden sich gelegntlich die Geister über die richtige Behandlung (die Gängige scheint Therapie+Medikamente zu sein,man beachte auch das hier in viele Therapien und Medikamente unterschieden werden muss).Vor nicht allzulanger Zeit wurde noch die elektroschok-Therapie eingesetzt (heute ja auch noch,nur das es nicht die Therapeuten machen,sondern die CIA).
Schwierig wird es besonders bei der Frage,wie entstehen solche Psychischen Probleme?
Heutzutage werden viele Faktoren mit einbezogen.Zum Beispiel die schon genante Vulnerabilität.Eine wichtige Rolle scheint auch der Genetische Faktor zu sein,denn die Schizophrenie kommt in allen Teilen der Welt zu einem gewissen Prozentsatz vor,so das man von einem Gentischen defekt asgehen kann.Traumata spielen auch ne Rolle,oder wie ist,bzw. war das soziale Umfeld,wurde man geschlagen,vergewaltigt,vnachlässigt usw.
Auch ist der Erfolg und die Dauer bei der Behandlung der krankheiten unterschiedlich.
Mir wurde damals gesagt,ich müsse mir keine Sorge machen,die Schizophrenie kann man sehr gut behandeln.Bei der Persönlichkeitsstörung sah es ganz anders aus,da hies es sie Abtrainieren und Mitpatienten,die früher in Psychatrien gearbeitet hatten,haben mir sogar gesagt,das sowas eigentlich nicht wirklich weggeht.
Bei den depressionen heißt es wieder,man bekommt sie vollständig weg,aber das Risiko sie wieder zu bekommen ist sehr hoch (Ich persönlich werde sehr schnell depressiv und ich muß aufpassen,dass sie nicht zu stark werden und das ich rechtzeitig wieder aus dem loch komme).
Um nochmal auf die Sympthome zurück zukommen,sie ähneln sich in vielen Bereichen sehr stark und man muss aufpassen,wenn man sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigt,man findet sich schnell in vielen Krankheitsbildern wieder und man darf sie nicht sofort dann annehmen und sagen:"oh mein Gott,ich habe drei verschiedene Arten der Schizophrenie,bin Depressiv und habe mehrere Persönlichkeitsstörungen!"
Letztendlich kann man da nur einem erfahrenen Therapeuten Vertrauen,obwohl ich es nicht nur bei mir fesgestellt habe,sondern auch von anderen gehört habe,das unterschiedliche Ärzte/Therapeuten verschiedene Diagnosen erstellen.
Oft sagen sie einem nicht genau was man hat und was es genau bedeutet,denn ich kann mir vorstellen,das zum Beispiel bei einem Menschen die Diagnose Borderline gestellt und diesem im einzelnen gesagt wird,was dies für ihn bedeutet,dazu führt,das es im am Ende noch viel schlechter geht.Aber mitlerweile bekommt man ja sowieso sehr viel im Internet heraus und jeder will wissen was er hat.

Ich hoffe mein zu lang geratener Text konnte vernünftig zu dieser Diskussion beitragen.


Zurück zu „Persönlichkeitsstörung - Psychiatrische Diagnose oder Werturteil?“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: MSN [Bot] und 1 Gast