Autismus kontra schizoide Persönlichkeit

Sheila
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Autismus kontra schizoide Persönlichkeit

Beitragvon Sheila » Di 22. Nov 2005, 18:45

An die Experten unter euch
Hallo,

Habe eine Frage an euch: Findet ihr, dass Autismus schizoide Züge
beinhaltet? Meine Frage resultiert aus mehreren Artikeln über Persönlichkeitsstörungen. Dabei fällt mir auf das die Symptomatik der Schizophrenie fast paritätisch mit Autismus ist. Natürlich umfasst das autistische Spektrum noch mehr Symptome u.a. physische. Will auch nicht
behaupten dass Schizophrenie und Autismus das Selbe sind. Frage mich nur ob Autisten eventuell schizoide Persönlichkeiten sind. Ich meine in der Richtung gibt es auch viele Fehldiagnosen unter u.a. auf dissziative, endoreaktve oder paranoide Persönlichkeitsstörung. Wobei ich bei der dissoziativen Störung keine Paralellen zum Autismus erkennen kann da diese eine Amnesie vorraus setzt. Eine Komorbidität (Autismus + schizoide Züge) ist auch nicht ausgeschlossen, oder?

LG

Sheila
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Laura
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Beitragvon Laura » Di 22. Nov 2005, 20:14

Hallo Sheila!

Hast Du Deine Kenntnisse über die verschiedenen Diagnosen rein aus der Fachliteratur erworben oder kennst Du auch ein paar Betroffene persönlich?

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

Sheila
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Beitragvon Sheila » Di 22. Nov 2005, 20:31

Hallo Laura,

ich habe mich mit Autismus und diversen Persönlichkeitsstörungen sehr intensiv befasst da mich sowohl Autismus als auch schizoide Züge persönlich betreffen. Weiß nur nicht in wie fern dies miteinander zusammen hängen könnte. Auf Autismus bin ich bereits diagnoszitiert.

LG

Sheila
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Sheila
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Beitragvon Sheila » Di 22. Nov 2005, 20:33

Oh, deine letzte Frage hatte ich übersehen:
Kenne auch einige Betroffene (Autisten und Schizo´s).

LG

Sheila
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Jonas
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Beitragvon Jonas » Mi 23. Nov 2005, 05:10

Es gibt einige Forscher, die sehen im Asperger-Autismus die schizoide Störung der Kindheit bzw. in der schizoiden Störung eben das Asperger-Syndrom bei Erwachsenen. Laut dem Diagnoseleitfaden ICD-10 wiederum ist die Abgrenzung zwischen Asperger-Autismus und schizotyper Störung schwierig. Der Übergang von autistischen zu schizoid/schizophrenen Störungen ist vermutlich fließend, aber das gilt letztlich für alle psychiatrischen Diagnosen.
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Sheila
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Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 07:17

aber dennoch gut abgrenzbar durch die Positivsymptomatik der Schizophrenie (Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Realitätsverlust). Natürlich kommen die eben genannten Zustände auch bei Autisten vor; Einige nennen sie *Mikropsychose* da sie nur im Kleinen auftreten hervorgerufen durch Stressituationen z.B. soziale Ausgrenzung, wie sie bei Autisten häufig vorkommt.

Intressanter als pathalogisierende Diagnose-Kataloge, finde ich die Sichtweise der Betroffenen selber.

Glaubst du, dass Psychosen, Schizophrenie und sonstige psychische Störungen sich von den Betroffenen *steuern* lassen?
Hab mir schon überlegt ob eine rational denkender Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung dem eher eine *Ende* setzen kann wie jemand der an Esoterik und Geister glaubt. Natürlich handelt es sich hier bei nur um meine persönliche Hypothese.
WIe denkst du darüber?
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Jonas
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Beitragvon Jonas » Mi 23. Nov 2005, 08:23

aber dennoch gut abgrenzbar durch die Positivsymptomatik der Schizophrenie (Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Realitätsverlust).


Ja, eine akute Schizophrenie mit psychotischer Positivsymptomatik ist eindeutig abgrenzbar von autistisch-schizoiden Störungen. Ich meinte auch eher das autistisch-intorvertierte Naturell, das viele Schizophrene (bei weitem nicht alle) außerhalb dieser Akutphasen zeigen.
Glaubst du, dass Psychosen, Schizophrenie und sonstige psychische Störungen sich von den Betroffenen *steuern* lassen?
Nein, das glaube ich nicht, das lässt sich nicht steuern. Man kann allerdings lernen, damit umzugehen. Ich erkenne den Beginn einer psychotischen Episode bei mir inzwischen genau und ich habe wohl das Glück, dass ich diese Wahrnehmungsveränderungen als extrem bedrohlich und beängstigend erlebe, denn dadurch nehme ich Medikamente bzw. gehe zum Arzt, bevor das Ganze eskaliert. Bei anderen beginnt so eine Episode mit euphorischen Zuständen, wo sie dann gar nicht mehr begreifen, dass sie dabei sind, ganz gefährlich aus dem Gleichgewicht zu geraten.
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Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 09:28

Ich meinte auch eher das autistisch-intorvertierte Naturell, das viele Schizophrene (bei weitem nicht alle) außerhalb dieser Akutphasen zeigen.

Ich habe meinen Thread auf mich bezogen da ich selber AS-Autistin bin und mich gefragt habe in wie fern Autismus schizoide Züge mit ein bezieht.
[
Man kann allerdings lernen, damit umzugehen. Ich erkenne den Beginn einer psychotischen Episode bei mir inzwischen genau und ich habe wohl das Glück, dass ich diese Wahrnehmungsveränderungen als extrem bedrohlich und beängstigend erlebe...
wie äussern sich bei dir solche psychiotischen Episoden? Wie verändert sich deine Wahrnehmung?
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Beitragvon Jonas » Mi 23. Nov 2005, 09:58

Es ist nicht so ganz einfach, zu beschreiben, wie sich so etwas äußert. Die Umgebung wirkt auf einmal völlig verändert, irgendwie viel intensiver als normalerweise, die Farben sind anders, die Gerüche, die Geräusche. Das Ganze geht einher mit einem immensen Bedrohungsgefühl, mir wird dann regelrecht körperlich schlecht vor Angst und Panik. Das Bedrohungsgefühl ist zu Beginn diffus, ist weiß nicht, was mir da droht und woher, ich habe nur das sichere Gefühl, dass ich existenziell bedroht bin. Später wird diese vage Bedrohung dann zu einer konkreten Idee, z.B. Verfolgung durch Geheimdienste o.ä., wobei dieser konkrete Gedanke die Angst lindert, denn nun weiß ich, was gespielt wird, und kann entsprechend reagieren :-)

Heutzutage lasse ich es aber gar nicht mehr so weit kommen. Zum Glück.
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Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 10:24

Intressant, da ich auch eine *verstärkte* Wahrnehmung habe und zwar annährend die Gleiche die du beschreibst aber diese eher ein Dauerzustand seit meiner Geburt ist, ich geniese es auch, ist wie ein "steuerbarer" Trip ;). Habe immer die Vorhänge zu und draussen bei sonnigen Wetter die Sonnenbrille auf da helles Licht meine Augen zum tränen bringt. Unter paranoiden Eingebungen leide ich auch gelegentlich.

Fällt das EEG bei solchen schizoiden Schüben anders aus als bei NT´s (neurotypische Menschen)? Und weist dein EEG Normalwerte auf wenn du keinen solchen Schub hast?
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Beitragvon Laura » Mi 23. Nov 2005, 10:53

Hallo Sheila!

Meine Psychosen kann ich nicht steuern. Ich bin weder Esoterikerin noch glaube ich an Geister oder UFOs. Aber obwohl ich schon an Übersinnliches glaube, halte ich mich dennoch für fähig rational zu denken, zumindest außerhalb der Psychosen. Es gibt ja auch Gesunde, denen übersinnliche Dinge passieren. Mir haben einmal ein Psychiater und ein Sozialarbeiter von ihren übersinnlichen Erlebnissen erzählt. Ich denke auch nicht, dass Schizophrene im Allgemeinen "autistisch-introvertiert" sind oder dass man Begriffe wie schizoid, schizotyp und schizophren vermengen sollte.

Viele Grüße

Laura
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Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 11:30

Hallo Laura,

Zum Introvertiert-sein:
Bei Autisten werden soziale Regeln nicht verstanden (Prosopagnosie, Empathiemangel, Wortwörtlichkeit etc.) und daraus resultiert die soziale Ausgrenzung die mit der Zeit zur Soziolphobie werden kann.

Schizophrene Persönlichkeiten verstehen soziale Regeln aber können/wollen sie nicht anwenden.

Schizophrenie ist eine Krankheit die auf ein Trauma basiert wogegen Autismus ein genetisch bedingtes *Leiden* ist. Dennoch ist eine Komorbidität nicht ausgeschlossen.

LG

Sheila
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Beitragvon deepnight » Mi 23. Nov 2005, 11:38

Hallo Sheila,

die Psychose steuern? Ja, vielleicht. Je mehr Erfahrung ich mit diesen Zuständen habe, desto weniger bin ich bereit, sie zu glauben. Bei meiner letzten Psychose 2004 ging ich zum Pflegepersonal, wenn ich mir über die Realität nicht gewiss war und ließ mich korrigieren. Also war die Psychose für mich insofern steuerbar, als daß ich erkennen konnte, daß ich psychotisch bin und andere für meine eigene verlorene Realitätskontrolle nutzen konnte. Meine wichtigste Lehre, die ich aus meiner Psychoseerfahrung gezogen habe: drüber reden, korrigierbar bleiben. In der Psychose fliegen mir viele "Erkenntnisse" zu. Da habe ich mir die Haltung angewöhnt "ich wills nicht wissen". Bei mir ist immer die Versuchung da, Größenideen zu entwickeln. Da hilft mir dann nur meine Entschiedenheit, einfach bleiben zu wollen, auch wenn die Psychose mir anderes vorgaukelt. In der Psychose bin ich die Göttin, die sich entscheidet, Mensch zu sein, statt sich zum Affen zu machen.

Gruß, Helene
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Laura
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Beitragvon Laura » Mi 23. Nov 2005, 13:42

Hallo Sheila!

Also, meine Schizophrenie beruht nicht auf einem traumatischen Erlebnis, sondern ich habe diese Krankheit geerbt. Das ist im Moment auch die gängige medizinische Theorie, dass Schizophrenie eine Mischung aus genetischer Veranlagung und sozialen Erfahrungen ist. Man geht von einer erhöhten Verletzlichkeit bei Schizophrenen aus, nämlich, dass sie gewisse Belastungen nicht so gut wegstecken können wie Andere und dann psychotisch reagieren (Vulnerabilitäts-Stress-Modell). Deine Theorie, dass Schizophrene zwar soziale Regeln kennen, aber nicht anwenden wollen oder können...nun, eine Psychose ist ein anderer Zustand, aber in einem gesunden Intervall würdest Du viele Schizophrene im Sozialverhalten sicher nicht von "Normalen" unterscheiden können.

Viele Grüße

Laura
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Beitragvon Sheila » Mi 23. Nov 2005, 14:01

Hallo deepnight,
In der Psychose fliegen mir viele "Erkenntnisse" zu. Da habe ich mir die Haltung angewöhnt "ich wills nicht wissen". Bei mir ist immer die Versuchung da, Größenideen zu entwickeln.
Ich hatte auch mal eine Psychose mit 19 die entstand aufgrund der Ausgrenzung durch meine Mitschüler. Jedenfalls hatte ich damals "Erleuchtungen" die ich noch heute gar nicht mal so verkehrt finde, die aber der NT aber als skuril betrachten würde.

Hallo Laura,

Ja, danke, dass Schizophrenie erblich sein kann wusste ich noch nicht darüber steht auch nichts und wenn hab ich es übersehen.
Deine Theorie, dass Schizophrene zwar soziale Regeln kennen, aber nicht anwenden wollen oder können...nun, eine Psychose ist ein anderer Zustand, aber in einem gesunden Intervall würdest Du viele Schizophrene im Sozialverhalten sicher nicht von "Normalen" unterscheiden können.
Na ja, damit meine ich auch nicht dass schizoide Typen Verhaltensauffällig sind sondern genau wie Autisten als gefühlskalt, distanziert und gleichgültig von ihrer Umwelt wahrgenommen werden. Hab ich aber auch nur gelesen.


LG

Sheila
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