Was ist wirklich hilfreich an einem Psychiater/Therapeuten?

mohnblume
Beiträge: 9
Registriert: So 27. Jan 2008, 21:40

Beitragvon mohnblume » So 27. Jan 2008, 22:13

Guten Abend allerseits

Ein Thema, dass mich schon lange beschäftigt und auf dass ich unbedingt meinen Senf dazu geben muss :D

Ein Psychiater trägt tatsächlich nur beschränkt was zur Heilung bei.

Warum?

Ein Psychiater hat zwei Werkzeuge
1. Die Psychotherapie
2. Die Psychopharmakologie

Zum Punkt 1:
Die heutige Ansicht ist, dass der wichtigste Aspekt der Psychotherapie, die Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist. Methoden sind eher zweitrangig und im Falle eines Klienten, der dem Therapeuten kognitiv überlegen ist nicht allzu relevant. Die künstliche Klienten-Therapeuten-Beziehung soll dem Klienten eine positve oder positivere Beziehungserfahrung vermitteln. Ein Wunsch der Therapeuten, mit der sie ihre eigenen neurotischen Komplexe kompensieren. Wenn sie Glück haben auf einen Klienten zu stossen der zu Übertragungsrektionen neigt und dadurch was für sich abgewinnen kann, schön und gut, möchte ich nicht abwerten.
Ich denke jedoch, dass eine Heilung durch eine therapeutische Beziehung mehrheitlich eine Illusion ist. Eine Beziehung kann, wenn es jemandem schlecht gut heilsam und wohltuend sein, klar. Unter einer Beziehung verstehe ich jedoch etwas anderes, als eine künstlich hergestellte Beziehung zwischen einem Arzt und einem Patienten, welche auf Verträgen (->Dienstleistungsbetrieb) basiert.
Eine Beziehung heisst für mich, jemanden zu haben, der mich versteht, bei der gegenseitiges Interesse besteht, wo gemeinsame Ziele vorhanden sind und wo das gegenseitige nehmen und geben ausgeglichen ist (damit meine ich nicht Aufmerksamkeit gegen Geld). Ein Psychiater versteht das Problem kognitiv, aber ist meilenweit davon entfernt die Sache emotional zu verstehen, was die Grundlage für ein empathischen Mitfühlen wäre. Das ist einfach so, da der Arzt mit grösster Wahrscheinlichkeit noch nie annähernd in der emotionalen Lage des Patienten war. Es ist nicht menschenmöglich, dass ein Arzt 9 Stunden pro Tag, 5 Tage pro Woche, auf eine echte und authentische Art jedem Patienten gegenüber Interesse zeigen kann. Machtgefüge und Einseitigkeit sind für mich keine guten Grundlagen für eine gedeihliche Beziehung. Ich finde es anmassend, wenn Therapeuten eine therapeutische Beziehung als positive Beziehungserfahrung deklarieren wollen. Sie wiederholen damit im besten Fall eine bessere Version einer Eltern-Kind-Beziehung.

Punkt 2:
Ich bin kein Anhänger von Psychopharmakas und deren Verwendung. Ich glaube jedoch, es wäre für einen Psychiater die ehrlichere und nicht-illusionäre Behandlungsvariante.

Liebe Grüsse :wink:


Mohnblume

Benutzeravatar
fluuu
Beiträge: 2544
Registriert: Di 13. Sep 2005, 13:32
Kontaktdaten:

Beitragvon fluuu » Mo 28. Jan 2008, 11:48

Hallo Mohnblume,

Dein Beitrag hat mich angesprochen und deshalb reagiere ich. Der Thread heißt ja: " Was ist wirklich hilfreich an einem Psychiater/Therapeuten?"

Du bist wohl in Deiner Erwartung enttäuscht worden was die Beziehung zwischen Arzt und Patient angeht? Das berichten viele und sind frustriert. Aber was will man auch erwarten? Eine professionelle Beziehung die nicht auf Gleichgewicht basiert und es auch nie erreicht, kann letztendlich keine Erfüllung sein. Für einen kranken Menschen der Probleme hat seinen Alltag zu meistern ist so eine Beziehung hilfreich, genauso wie beim betreuten Wohnen, einem gesetzlichen Betreuer oder anderen Hilfskräften. Der dem Kranken überlegende Profi kann Halt, Ordnung und menschlichen Bezug geben.

Nur darf die Erwartung nicht dahingehend sein, dass der Arzt/Therapeut die zwischenmenschliche Liebe, Freundschaft oder andere intime Gefühle ersetzen kann. Das bleibt eindeutig den persönlichen, selbst gewählten Beziehungen vorbehalten. Hat man einen Partner daheim gestaltet sich die Beziehung zum Arzt recht locker und auf die wesentlichen Themen der Krankheit beschränkt. Keine bezahlte Hilfskraft im psychiatrischen Betreuungsbereich kann eine gut funktionierende persönliche Liebes- oder Freundschaftsbeziehung ersetzen. Wer das auch nur ein ganz klein wenig im tiefsten Inneren erhofft wird enttäuscht.

Da hast Du völlig Recht, wenn es ausgewogene private Liebes- und Freundschaftsbeziehungen giebt, ist die Beziehung zum Arzt nur noch ein auf die Krankheit bezogener Kontakt mit Ausfüllen des Rezeptes, ihm macht das nichts aus, im Gegenteil, ein guter Arzt freut sich wenn man ihn wenig braucht.

gruß fluuu
gruß fluuu

kostenlose psychosoziale Online-Beratung
www.seelegut.de

mohnblume
Beiträge: 9
Registriert: So 27. Jan 2008, 21:40

Beitragvon mohnblume » Mo 28. Jan 2008, 19:48

Hallo fluuu

"Du bist wohl in Deiner Erwartung enttäuscht worden was die Beziehung zwischen Arzt und Patient angeht?"

Nein, umgekehrt :lol: : ich enttäusche Psychiater/Therapeuten.

Lg

Mb

Benutzeravatar
Laura
Beiträge: 4497
Registriert: Sa 25. Sep 2004, 07:09

Beitragvon Laura » So 3. Feb 2008, 22:45

Hallo Herr Engels und all!
F.E. 2004 hat geschrieben:Die These von Psychiatern und Psychotherapeuten, die grundsätzlich inkompetent und psychopathisch sind und sogar Freude an ihrem Mißerfolg haben, überzeugt mich einfach nicht als Erklärung für diese Schwächen im Gesamtsystem. Ich denke, es geht da wirklich mehr um eine Art Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, die jeden Menschen befallen kann angesichts einer schwierigen Aufgabe und mit der dann eben oft menschlich unzureichend umgegangen wird. Aber das ist jetzt nur meine Meinung bis zum Beweis des Gegenteils...
Diese Aussage hat nun über drei Jahre in mir rumort. Ich gebe zu, dass es nicht gerade eine Stärke von mir ist, doch immer wieder in meinen Groll gegen Psychiatriepersonal zu verfallen, insbesondere gegen Psychiater und Psychologen und in sehr böse Denkweisen zu verfallen, bei denen ich nur das Negative sehe und schnell böse Absichten unterstelle. Summa summarum muss ich aber doch sagen, dass ich bei Klinikangestellten höheren Ranges selten den Eindruck habe, dass sie ihr Tun und Handeln ernsthaft hinterfragen. Es wird von "Mitspracherecht des Patienten" geheuchelt, aber erlebt habe ich dieses kaum. Hat der Patient ein Anliegen, das über das Schema F hinausgeht, gilt er schnell als unverschämt und renitent und es wird alles daran gesetzt, ihn gefügig und mundtot zu machen. Ich bezweifle, dass die breite Masse der mittelmäßigen oder schlicht grottenschlechten Ärzte und Psychologen überhaupt auf die Idee kommen, dass der Patient etwas zu sagen hätte, was von Interesse sein könnte. Psychopathisch möchte ich solche Angestellten dann nicht nennen und sicher nicht erfreut über Misserfolge. Aber mein Eindruck ist, dass Misserfolge gar nicht wahrgenommen werden oder den Patienten in die Schuhe geschoben werden. Welcher Arzt will sich denn anhören, dass er Mist gebaut hat? Vom Patienten sicher nicht, der hat zu kuschen und gut iss. Fehler hat ein Klinikarzt doch nur nach oben hin zu verantworten. Wie es den Patienten geht, dafür ist er doch nach spätestens vier Jahren Berufspraxis viel zu abgebrüht. Der Erfolg und das Wohlergehen des Patienten wird nicht danach bemessen, was der Patient darüber aussagt, sondern wie folgsam der Patient die Regeln befolgt, Ratschläge umsetzt und wie lange er ohne Klinikaufenthalte zurechtkommt. Ob es dem Patienten gut oder schlecht geht, meint ein trotteliger Arzt besser zu wissen als der Patient selbst.

In der Psychiatrie zu arbeiten ist ohne Zweifel eine schwierige Aufgabe, wenn man sie gut machen möchte. Mein Eindruck ist aber, dass sich dort vor der Verantwortung gedrückt wird, wo es nur geht. Ständig heißt es, es wäre keine Zeit vorhanden und dann sieht man Pflegepersonal wie Ärzte im Stationszimmer immer dann Kaffee trinken und gemütlich eine rauchen, wenn man sie braucht. Man muss mit unwirschen Reaktionen rechnen, wenn man sie bei ihrem Vergnügen unterbrechen muss. Da wird der Spieß einfach umgedreht, nicht die Angestellten sind unverschämt, weil sie ihre Pflichten vernachlässigen, sondern der Patient, weil er kapriziöse Sonderwünsche hat und so tut, als sei er "im Hotel abgestiegen".

Also ehrlich, für mich ist es nach wie vor schwierig, von meinem Groll runterzukommen, da ich ja immer noch ambulante psychiatrische Behandlung brauche und weiterhin immer wieder Pappnasen ausgesetzt bin, weil ich nun mal die Medikamente brauche. Was ein gewöhnlicher Arzt unter Compliance versteht ist nichts anderes als Unterwürfigkeit des Patienten. Ein Patient, der es leid ist, sich die Ohren volldozieren zu lassen und jede unterlassene Hilfeleistung seitens des Arztes zu bejubeln, wird natürlich unbequem und renitent werden. Wenn die Ärzte und Psychologen so toll sind, wie sie sich selbst finden, warum brechen sie sich so leicht einen Zacken aus der Krone und lassen sich zu Bosheiten hinreißen, wenn ein Patient selbstbewusst genug ist, sie wie Normalsterbliche zu behandeln und ein Gespräch auf einer Augenhöhe anzustreben? Ich erlebe immer wieder die Devise: "Der Patient ist sowieso minderbemittelt und asozial, sonst wäre er nicht hier. Es wertet mich auf, wenn ich so jemanden abwerte, denn das Letzte, was ich möchte, ist in dieselbe Lage zu geraten und mich selbst so behandeln lassen zu müssen. Ich kann dem Patienten zwar nicht helfen, aber wie kann so ein Assi es wagen, mir deswegen einen Vorwurf zu machen???"

Es wäre schon viel erreicht, wenn viele Angestellte endlich merken würden, auf was für einem hohen Ross sie da eigentlich sitzen. Das letzte, was einem Psychiatriepatienten hilft, ist nämlich Arroganz und Willkür. Ich halte es für zumutbar, dass Psychiater und Psychologen mal ihre Überheblichkeit überdenken, wenn ihre angeblichen Bemühungen, die Psychiatrie menschlicher zu gestalten, nicht bloße selbstverliebte Lippenbekenntnisse bleiben soll. Den Patienten zu kritisieren und grundsätzlich nicht auf seine Bedürfnisse einzugehen, gilt als therapeutisch. Die Angestellten zu kritisieren gilt als Zeichen der Krankheit, kindisch und vor allem als Majestätsbeleidigung. Wer den therapeutischen Beruf aus Gründen des sozialen Status ergreift und der ist nun mal ungebührlich hoch und verlockend, der wird alles dran setzen, sein Gesicht zu wahren und gar nicht erst Gedanken an etwaige Kunstfehler aufkommen zu lassen.

Ich habe jetzt mal wieder einen neuen Psychiater und er macht bisher einen netten Eindruck und scheint sich eben nicht für etwas Besseres zu halten. Dabei ist er aber kein schüchterner Leisetreter, sondern kann geschickt ein Gespräch lenken und dabei noch einen aufgeschlossenen und gut gelaunten Eindruck machen. Nur beim letzten Mal fühlte ich mich gezwungen, rechtzeitig dem einen Riegel vorzuschieben, dass er mich über meine Krankheit belehren wollte. lol, mit der habe ich westenlich länger Erfahrung als er in seinem Beruf ist und ein bisschen jünger als ich dürfte er auch sein. Dozieren ist bei Laura verboten :!: :wink:

Also Hilflosigkeit der Angestellten hin oder her, es wäre viel gewonnen, wenn diese Hilflosigkeit nicht immer wieder durch Arroganz und brachiale Besserwisserei maskiert werden würde. Da fällt eh kaum ein Patient, der die Branche länger kennt, noch drauf rein. Ein Psychiater muss sich nicht berufen fühlen, seinem Patienten das Glück auf dem Silbertablett zu servieren, aber den Patienten ernst nehmen, ihn reden lassen wäre immer noch besser als in die Falle zu tappen "Was ich nicht heilen kann, mache ich halt kaputt, Hauptsache aktiv geblieben!"

Sorry, mein Groll gegen Psychiater und Psychologen kommt nun mal immer wieder hoch. Tut mir leid, wenn ich nerve. Aber mir wird auch der Kontrast zur Gemeindepsychiatrie immer klarer, wo genau das läuft, wofür sich Klinikangestellte zu "wichtig" sind. Ohne Zweifel bringt einen die Psychiatrie meist aus der Gefahrenzone und das ist schon Hilfe genug. Ich sehe auch ein, dass es zermürbend sein muss, jeden Tag auf einen Arbeitsplatz zu gehen, wo sich alles um Schwäche und Leid dreht. Aber echtes Engagement seitens der Angestellten wird wohl auch zu wenig gewürdigt. Deswegen sehe ich meine eigentliche Unterstützung weit eher in der Gemeindepsychiatrie, wo eher Leute arbeiten, die so etwas wie Menschenliebe besitzen und nicht nur als Menschenliebe deklarierter Machthunger.

Viele Grüße

Laura
Es ist o. k., wenn nicht alles supertoll ist. Wenn alles supertoll wäre, dann wäre alles nur noch o. k.

Benutzeravatar
Franz Engels
Site Admin
Beiträge: 899
Registriert: Mi 12. Jun 2002, 20:18
Wohnort: CH-3011 Bern
Kontaktdaten:

Beitragvon Franz Engels » Mo 4. Feb 2008, 00:19

Hallo Laura

Genau so habe ich die Atmosphäre und den Umgang in der Psychiatrie häufig auch empfunden, als ich noch dort arbeitete. Es herrschte zumeist ein bedrückender Mangel an Bewusstsein für die innerhalb der Mauern ausgeübte institutionelle Macht und an Sensibilität, wie sich Patienten ihren professionellen Betreuern und Therapeuten gegenüber fühlen müssen. Sie haben Recht: hier besteht Änderungsbedarf!
Einen Widerspruch zu meiner Einschätzung von 2004 sehe ich dabei nicht.

Freundliche Grüsse

Franz Engels
Das Gegenteil ist nur die Rückseite derselben Medaille.

Benutzeravatar
Angelita
Beiträge: 305
Registriert: Di 7. Jan 2003, 10:11

Beitragvon Angelita » Mo 25. Feb 2008, 09:57

Guten Tag zusammen


Wolfgang hat geschrieben:
In Amerika liegen bei Krebs-Patienten Studien vor dass Ärzte aufgrund ihrer „Kommunikation“ Patienten schneller ins Grab bringen und was „hilfreich“ ist... die Frage beantwortet sich damit eigentlich von selbst. Der Profi sollte das Kommunikations-System Arzt/Mensch „menschlich“ führen/leiten und hat aufgrund seiner Kompetenz natürlich die Verantwortung über den Kommunikations-Ablauf, sprich „Beziehungs-Verantwortung.“
Genau darüber hat Prof. Dr. Helm Stierlin geforscht u. publiziert. Diese abwertende, degradierende u. demütigende Spracheigenheit mancher Fachleute ist leider ein Faktum.

Doch da können sich vermutlich alle, ob Fachleute o. Patientenschaft an der Nase nehmen, bzw. hellhörig werden für eigenes u. fremdes Sprachgut. Die "Atmosphäre" verändert sich, sobald wir alle einen wohlwollenderen Ton anschlagen, versuchen Wertungen aussenvor zu lassen u. grundsätzlich nicht in erster Linie dem Gegenüber negatives Denken zu unterstellen. Nachfragen, wenn man sich nicht sicher ist, wie etwas gemeint ist und Ich-Botschaften versenden, dann sind wir alle auf einem gutem Weg - oder?
Gruss Angelita

“Man muss im Ganzen an jemanden glauben, um ihm im Einzelnen wahrhaft Zutrauen zu schenken.” H. v. Hofmannsthal

Jürgen77
Beiträge: 87
Registriert: So 16. Mär 2008, 09:07
Wohnort: BY

Bedürfnisse der Patienten

Beitragvon Jürgen77 » Mi 16. Apr 2008, 19:40

Hallo Herr Engels,

zu dem Statement von Animapersa auf Seite 1 möchte ich auch noch was hinzufügen. Ich finde es auch schlecht, wenn sofort die Polizei anrückt bloß weil, z.B. jemand im Winter planlos durch eine Stadt läuft.Da wären Sanitäter schon besser. Und außerdem habe ich einen Arbeitsplatz verloren, als mein behandelnder Arzt (Psychatrische Klinik) auf meine Krankmeldung draufgeschrieben hat: arbeitsunfähig bis auf weiteres.
Als mein damaliger Arbeitgeber das gelesen hat und wußte, daß ich in der Psychatrie bin, wurde ich noch in der Probezeit gekündigt.
Es wird eine Diagnose gestellt und dann gibts Medikament XY und man soll so gut es geht weitermachen. Wenn man sich selber nicht schlau macht über Medikamente, dann wird man ziemlich eingeschränkt sein wegen der Nebenwirkungen. Allerdings muss ich sagen, daß ich in "einer" Klinik auch über die Medikamente aufgeklärt wurde (positiv).
Als ich jedoch nach einer freiwilligen Einweisung nach 3 Wochen heim wollte, wurde das einfach abgelehnt. Da ich außerhalb der Klinik keinen Fürsprecher hatte saß ich dann eben noch länger.

Viele Grüße

Jürgen

jeanne_art
Beiträge: 43
Registriert: Di 10. Jul 2007, 23:47

Re: Was ist wirklich hilfreich an einem Psychiater/Therapeut

Beitragvon jeanne_art » Sa 14. Jun 2008, 13:57

F.E. hat geschrieben:Liebe Forumsbesucher,

seit längerer Zeit mache ich mir Gedanken darüber, womit ein Psychiater bzw. ein Therapeut Patienten und/oder Angehörigen wirklich helfen kann. Immer wieder stellt sich diese Frage sowohl bei den Online-Diskussionen als auch in der öffentlichen Diskussion und in der täglichen Praxis. Denkbar ist, dass ein grosser Teil der Stigmatisierung von pychisch Erkrankten (und natürlich auch der "Psychiatrie" insgeamt) in der Gesellschaft darauf zurückzuführen ist, dass diese Art "Probleme" oder "Störungen" allgemeine Verunsicherung und Angst auslösen, weil niemand eine genauere Vorstellung davon hat, was bei psychischen Erkrankungen wirklich "verändert", "ver-rückt" etc.. ist und wie man dort überhaupt helfen kann.
Ich bin es leid, diesbezüglich konkret zu antworten, da vielfach bekannt ist, dass die medikamtös-bedingten Persönlichkeitsveränderungen einer Krankheit zugemünzt werden; Absetz- und Entzugspsychosen wegen der bleibend veränderten Gehirnchemie ein "Rückfall" sind und sonstige Leute, die ohne Medikamente leben, nicht im Begutachtungskreis aufscheinen - es dreht sich alles immer nur im selben beschränkten Kreis.

Benutzeravatar
fluuu
Beiträge: 2544
Registriert: Di 13. Sep 2005, 13:32
Kontaktdaten:

Beitragvon fluuu » Mi 18. Jun 2008, 11:20

Hallo,
genau dieser beschränkte Kreis in den viele mit psychischer Erkrankung geraten, diesen Teufelskreis der Sucht z.B. kann man versuchen zu Öffnen, ein Stück aufzulösen, in neue und andere Bahnen zu Lenken um nicht immer wieder beim Ausgangspunkt zu Landen. Dazu sind viele Mittel möglich, auch Medikamente aber vor allem eine mutige Experimentierfreudigkeit um Neues zu Ermöglichen und Strategien auszuprobieren die sich nicht im ausgetretenen Pfad des Kreises befinden.
Das lässt sich am besten mit den Möglichkeiten der Kreativität Trainieren, es bedeutet so viel wie: etwas neu schöpfen, etwas erfinden, etwas erzeugen, herstellen, auswählen, werden, wachsen, wachsen lassen, Querdenken.
Wer das einmal versucht und feststellt, dass sich so Barrieren und Blockaden überwinden lassen, natürlich mit viel Mühe, Überwindung und Geduld, wird gesunde Bereiche zurückerobern können und die Kranken zunehmend weniger Brauchen. Der beschränkte Kreis ist geöffnet...

gruß fluuu
gruß fluuu

kostenlose psychosoziale Online-Beratung
www.seelegut.de

jeanne_art
Beiträge: 43
Registriert: Di 10. Jul 2007, 23:47

Beitragvon jeanne_art » Fr 20. Jun 2008, 03:16

Äh - ich schlage folgendes vor fluu - gemäß meiner Experimentierfreudigkeit:

Du nimmst ein paar Neuroleptika und wir schauen, was in ein paar Wochen und nach Dosiserhöhung ein paar Monaten passiert - setzen abrupt ab - schauen was passiert.... und wie du dann deine gesunden Bereiche "zurückeroberst".

Bist ganz kreativ und willig dabei?

Abigal
Beiträge: 24
Registriert: Mo 10. Nov 2008, 18:24

Beitragvon Abigal » Fr 21. Nov 2008, 15:19

Hallo

ich würde zuerst einmal differenzieren zwischen einem "guten und mir hilfreichen Therapeuten" und einem "guten und mir hilfreichen Psychiater".

Ein "guter" Therapeut müsste politisch auf einer Wellenlänge mit mir sein. Er dürfte keinesfalls neoliberalistische
und marktwirtschaftliche Werte gutheissen. Er sollte politisch eher links stehen und für soziale Gerechtigkeit sein.

Seine politischen Wertvortstellungen sollten für mich transparent sein. D.h. im Erstgespräch müsste ein Konsens zwischen seinen und meinen Wertvorstellungen Thema sein.

Das Therapieziel eines guten Therapeuten, dürfte nicht die Erwerbsarbeitsfähigkeit seiner Patienten sein, sondern die individuelle Heilung der jeweiligen Störung oder zumindest eine Verbesserung des wirklichen Problems bzw. eine verbesserte Lebensqualität des Patienten.

Dieses ist ein unerfüllbarer Wunsch für die meisten Menschen, da ja Krankenkassen nur Therapien bezahlen, deren Ziel die Erwerbsarbeitsfähigkeit des Patienten ist.

Ein guter Therapeut, sollte auch einen eventuellen Opferstatus in gewissen Kontexten des Patienten anerkennen und respektieren und nicht sämtliche Schuld und Verantwortung für traumatische Erlebnisse, dem Patienten unterjubeln und das dann als Therapie werten, bzw. damit zu arbeiten.


Einen guten Psychiater dagegen zeichnet aus, dass er den Patienten auf jeden Fall aufgrund seines in diesem Sinne machtvollten Status entlastet. D.h. ihn krank schreibt und ihn gegebenenfalls auch bei der Rente unterstützt.

Bei der Medikamentenverschreibung, sollte er den Patienten genau über Wirkungen und und Nebenwirkungen aufklären und dem Patienten auch die Möglichkeit geben, mitzubestimmen, was er nimmt oder nicht.

Er sollte auch Naturheilmitteln gegenüber aufgeschlossen sein.

Einen guten Psychiater habe ich persönlich gefunden.

Einen guten Therapeuten habe ich auf kassenärztlicher Basis noch nie gefunden.

(Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung.)

Nur einmal als ich einmal Geld über hatte und meine Therapie selbst bezahlt habe, habe ich mehrere Sitzungen einer systemischen Familientherapie mitgemacht. Da ging es wirklich um mich und mein Umfeld und nicht um Erwerbsarbeitsfähigkeit. Und das hat mir ein bisschen geholfen.

Leider bezahlt so etwas die Krankenkasse nicht und ich konnte es mir nicht dauerhaft leisten.

Abigal

gf
Beiträge: 4
Registriert: Di 24. Feb 2009, 10:15

wachsen durch Begegnung, dies kann nicht krank sein

Beitragvon gf » Di 24. Feb 2009, 13:58

F.E. hat geschrieben:Ich habe immer wieder den Eindruck, dass es nicht so leicht ist, sich wirklich zu begegnen.
Dem kann ich voll zustimmen.

Aber ist dies nicht auch etwas, was uns Menschen dennoch verbinden kann? Ohne diese Problematik wäre es doch auch fast langweilig.

Was mich berührt, sind die Einzelschicksale, die zumindest aus der jeweiligen Betrachtungsebene schmerzhaft sind.

Für den professionellen Behandler ist aber auch eine gewisse Distanz zum Patienten nötig, sonst wäre dieser mit der Vielzahl der Schicksale überfordert und könnte seine brauchbare Stütze "Fels in der Brandung" nicht beibehalten.

Als überaus hilfreich für einen Patienten würde ich das absolute Vertrauen in solche Personen sehen. Gerade dies ist aber in unserer heutigen Zeit schwierig, da ein Vertrauen, vielleicht sogar ein blindes oftmals für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird.

Aus psychiatrischer Sicht könnte dieses blinde Vertrauen sogar krankhaft sein, es kommt aber wohl auf die Dosis an, wie bei allem. Zuviel Wasser ist ja auch nicht gut. (Sintflut, Überschwemmung usw.)

Eine Öffnung der Psychiatrien mit Öffentlichkeitsarbeit ist zu begrüssen, wird aber so lange keinen wirklichen Erfolg verzeichnen können, solange eine wirkliche Begegnung nicht erfolgt.

Peter
Warum es gesund ist, ein bisschen ver - _ rückt zu sein.

Benutzeravatar
Farbenfroh
Beiträge: 116
Registriert: Do 7. Dez 2006, 13:30
Wohnort: deutschland

Beitragvon Farbenfroh » Mi 13. Mai 2009, 19:33

[sizAls überaus hilfreich für einen Patienten würde ich das absolute Vertrauen in solche Personen sehen. Gerade dies ist aber in unserer heutigen Zeit schwierig, da ein Vertrauen, vielleicht sogar ein blindes oftmals für wirtschaftliche Zwecke missbraucht wird.

Ich würde dem nur zustimmen, das Vertrauen zwischen Patient und Therapeuten ist das A und O einer erfolgreichen Therapie.
Ich persönlich habe erst nach drei schmerzhaften Klinikaufenthalten und zwei Therapeuten jemanden gefunden zu dem ich langsam Vertrauen fasse.

Beide seiten sollten versuchen eine gemeinsame Linie zu finden, und alle beide müssen wohl da die einen oder anderen Sachen überdenken um auf einen Nenner zu kommen.

Das Einfühlungsvermögen eines Therapeuten spielt meiner Meinung nach auch eine sehr entscheidende Rolle.
Es gibt nichts schlimmeres als einen "theoretischen" Therapeuten.

Und die Ausstrahlung ist wichtig. Ein Therapeut der Ruhe und Entspannung ausstrahlt überträgt das zu einem nicht allzu geringem Teil in das Gefühlsempfinden des Patienten.

So, das war meine kurze Sicht der Dinge, vielleicht sehen das ja einige ähnlich.

MfG
Eiche1

Benutzeravatar
Farbenfroh
Beiträge: 116
Registriert: Do 7. Dez 2006, 13:30
Wohnort: deutschland

Beitragvon Farbenfroh » Mi 13. Mai 2009, 19:34

habe unter dem falschen Nickname gepostet, peinlich peinlich,

Farbenfroh natürlich :oops:

gf
Beiträge: 4
Registriert: Di 24. Feb 2009, 10:15

Beitragvon gf » Do 14. Mai 2009, 13:28

Farbenfroh hat geschrieben: So, das war meine kurze Sicht der Dinge, vielleicht sehen das ja einige ähnlich.
Das ist ja eine durchaus gute Sichtweise, aber ergibt sich beim blinden Vertrauen längerfristig nicht genau das von Dir gesagte?

Gruß
Peter
Warum es gesund ist, ein bisschen ver - _ rückt zu sein.


Zurück zu „Gedanken zu einer neuen, anderen, besseren Psychiatrie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast