Was ist wirklich hilfreich an einem Psychiater/Therapeuten?

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Franz Engels
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Was ist wirklich hilfreich an einem Psychiater/Therapeuten?

Beitragvon Franz Engels » Di 29. Jul 2003, 09:56

Liebe Forumsbesucher,

seit längerer Zeit mache ich mir Gedanken darüber, womit ein Psychiater bzw. ein Therapeut Patienten und/oder Angehörigen wirklich helfen kann. Immer wieder stellt sich diese Frage sowohl bei den Online-Diskussionen als auch in der öffentlichen Diskussion und in der täglichen Praxis. Denkbar ist, dass ein grosser Teil der Stigmatisierung von pychisch Erkrankten (und natürlich auch der "Psychiatrie" insgeamt) in der Gesellschaft darauf zurückzuführen ist, dass diese Art "Probleme" oder "Störungen" allgemeine Verunsicherung und Angst auslösen, weil niemand eine genauere Vorstellung davon hat, was bei psychischen Erkrankungen wirklich "verändert", "ver-rückt" etc.. ist und wie man dort überhaupt helfen kann.

Während der "Schulenstreit", also das Ringen um die jeweils beste "Therapiemethode" einen grossen Raum in der fachlichen und öffentlichen Diskussion einnimmt, ist es für viele praktizierende Psychiater evident und inzwischen ja auch durch wissenschaftliche Studien belegt, dass integrative und auf einer guten therapeutischen Beziehung basierende Behandlungen die höchste "Erfolgsquote" haben.

Aber was ist eine "gute therapeutische Beziehung" und was ist "eine erfolgreiche psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung". Was sind die Gütekriterien in der Psychiatrie aus Ihrer Sicht, was hat Ihnen wirklich geholfen bzw. was würden Sie sich wirklich von Ihrem behandelnden Psychiater, Psychologen, Therapeuten wünschen? Welche Vorstellung haben Sie als PatientInnen und Angehörige, wie Therapie überhaupt funktionieren könnte? Wobei erleben Sie sich als Therapeut hilfreich? Können Sie beschreiben, wie ein "guter Prozess" aus therapeutischer Wahrnehmung aussehen kann?

Vielleicht können wir an diesem Ort in den nächsten Monaten Ihre Erfahrungen interdisziplinär zusammentragen und irgendwann zu einer klareren Vorstellung darüber kommen, wie Therapie wirken kann und was in der psychiatrischen Arbeit als hilfreich empfunden wird (und was nicht!)

Eine rege und mutige Mitarbeit wäre fantastisch;-)

Franz Engels (Webmaster)

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Do 14. Aug 2003, 21:46

Hm, kein wirklich schönes Gefühl, so schnell als "überflüssig" empfunden zu werden, aber bezüglich der Bedeutung von Empathie und Einfühlungsvermögen für das Gelingen eines therapeutischen Prozesses haben Sie sicher recht. Bei meiner Arbeit sind es häufig unspektakuläre Dinge, die, sofern sie gelingen, hilfreich sind:
- der Wunsch zu verstehen, Empathie und Annahme, damit verbunden aktive Thematisierung von Stigmatisierungsängsten und anderen spürbaren Verunsicherungen in Verbindung mit dem Aufsuchen eines Psychiaters/Therapeuten zwecks "Therapie" (wichtige und häufig nicht gestellte Frage: wie kann eine erfolgreiche Therapie überhaupt aussehen?)
- einfache Klärungen aktueller Gegebenheiten, Hilfestellung bei der Orientierung über und Hierarchisierung von eigenen Bedürfnissen
- Konfrontation mit Widersprüchen, unlogischen Gedankenverbindungen, privaten und realitätsfremden kognitiven Schemata etc.
- Aufklärung über die Einschätzung der Störung aus psychiatrischer Sicht und deren Grenzen, damit verbunden Darstellen eines Störungsmodells inkl. Aussagen über den vermutlichen Verlauf und die Prognose
- Entlastungen durch Krankschreibung, Unterstützung bei Rentenbegehren etc.
- Auswahl eines geeigneten und wirksamen Medikamentes
- Erstellung und Vermittlung eines Therapieplanes, möglichst mit dem Patienten gemeinsam, ggf. Ringen um einen gemeinsamen Interessenfocus, an dem die Therapie ansetzen kann und von Patient und Therapeut als sinnvoll empfunden werden kann usw.

Ich habe den Eindruck, dass derart "simple" Tätigkeiten und Einstellungen oft hilfreicher sind, als die spezifischen Psychotherapieverfahren selber. Oder vielleicht anders: wenn die genannten Tätigkeiten und Einstellungen nicht auch innerhalb der jeweiligen Therapieverfahren zum Einsatz kommen, dann sind diese oft gar nicht oder weniger wirkungslos. Blosse Anwendung einer "Methode" am Patienten wirkt meiner Erfahrung nach gar nicht heilsam, sondern be-wirkt Widerstand.
Diese "simplen" Tätigkeiten (deretwegen z.Zt. kein Facharzttitel verliehen wird...) sind meiner Erfahrung nach auch das Anstrengendste bei vielen Behandlungen, weil sie eine ständige Präsenz des Behandlers und mehr Nähe zwischen Patient und Therapeut erfordern, nie schematisch zum Einsatz kommen können und deshalb nicht richtig zur Routine werden können, wie z.B. die "gehorsame" Anwendung einer Methode nach vorgegebenen und einstudierten Richtlinien. Es gibt wenig Möglichkeit, Präsenz und Empathie gezielt zu lernen. Auch hängt das Gelingen einer therapeutischen Beziehung doch wohl auch entscheidend davon ab, in welcher Verfassung Patient und Therapeut sind und nicht nur davon, wie gross das "Expertentum" und das "Wissen" des Therapeuten sind. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass es nicht so leicht ist, sich wirklich zu begegnen.

Freundliche Grüsse
Franz Engels (Webmaster)

Animapersa
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Beitragvon Animapersa » Fr 5. Sep 2003, 14:17

Was hilft kann ich Ihnen nicht sagen, Herr Engels, aber ich kann Ihnen sagen, was alles andere als konstruktiv ist , wenn eine "therapeutische Beziehung" von aussen, also von dritten , auferzwungen wird:
- dass der Betroffene nicht informiert wird, dass ihm ein FFE ausgestellt worden ist und er es Tage später per Zufall von einem "Therapeuten" erfährt.
- dass dieses FFE von einer Person ausgestellt wird, die offensichtlich nicht über die kantonalen Gepflogenheiten was die Dauer eines FFE 's angeht, informiert ist
- dass die Bitte nach Aktieneinsicht (ein paar Tage zuvor gestellt) seitens eines stationär "festgehaltenen" Betroffenen zum Zwecke der Vorbereitung auf den Termin beim Gericht wegen eines Rekurses "übersehen" wird und erst am Nachmittag davor , mit einer ziemlich ungehaltenen Bewegung , besagte Unterlagen von einem entnervten Oberarzt dem Betroffenen vor die Nase auf den Tisch geschmissen werden mit den Worten "Gibt eh nicht viel zu lesen....", um gleich wieder davonzurauschen.....
- dass ein Chefarzt einen die Aktieneinsicht verweigert, dafür aber den Betroffenen kurz vor Beendigung eines FFE's damit erpresst, dass der Freiheitsentzug weiter verlängert werde, wenn sich der Betroffene weigere, eine Nachbetreuung einzugehen....
- ....sich daraus dann 2 Jahre "Zwangsnachbetreuung" ergaben, wo der Betroffene in der ständigen Angst lebte, irgendetwas Falsches zu sagen, das ihn wieder hinter Schloss und Riegel bringen könnte (der Wechsel des Arbeitsplatzes der "betreuenden" Ärztin setzte dem Gottseidank dann ein Ende)
- dass in der Zeit mit List versucht wurde, dem Betroffenen Neuroleptika unterzujubeln, indem sich die Medizinfrau die Schlafstörungen seines Klienten zunutze machen wollte....Offenbar war die Dame zu einer anderen Diagnose gelangt als zur Zeit der Klinikeinweisung des Betroffenen
- dass der Betroffene in seinen Entscheidungen eher verunsichert denn unterstützt wurde und dann "hängen" gelassen wurde mit der Bemerkung " Sie konnten sich ja frei entscheiden..."
- dass im übrigen die hier im Kanton übliche Anhörung eines durch ein ärztliches FFE Eingesperrten eine reine Farce ist , da ein kurzes Telefonat mit dem "behandelnden" Arzt jegliche vom Betroffenen gemachte Aussage völlig nichtig macht ( von einer Vorbereitung auf diese Unterredung oder gar Angebot, sich eine Person für dieses "Gespräch" holen zu dürfen, wenn man sich nicht in der Lage fühle, für sich selbst sprechen zu können ganz zu schweigen !! ) reden wir lieber gar nicht erst
- dass ein Haufen Geld einem Anwalt zugesteckt werden musste, um an Akten zu kommen, zu denen laut Gesetzesbuchstaben jeder Betroffene das Recht hat heranzukommen und so die Betroffenen von der Psychiatrie selbst stigmatisiert und bevormundet werden ( im Sinne von:"Du bist nicht gesund genug im Kopf, um diese Sachen richtig zu verstehen...")
- dass während des Klinikaufenthaltes dem Betroffenen verboten wurde, sich wegen eines Rückenleidens zur somatischen Therapie zu begeben, aber keine Alternative dazu geboten wurde und der Betroffene auch nicht darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass bei Aufheben des Ausgangsverbots er durchaus sich selbständig dorthin hätte begeben dürfen....
- dass das Pflegepersonal sich auch ein paar Schnitzer erlaubt hat, das erwähne ich hier jetzt nur so nebenbei.....

Weiterhin ist es für Personen, die sich wegen äusseren Zwängen oder auch freiwillig auf die Suche nach einem Facharzt begeben nicht einfach zu sehen, wer welche "Spezialitäten" hat, da es nirgendwo erwähnt wird, wer sich mehr auf dem Gebiet der Schizophrenien, wer denen der Angst- und Panikstörungen etc. bewegt. So ist dann ein Herumirren und Abgewiesen werden (weil man nicht in das Spezialitätenschema passt) vorprogrammiert, was ich persönlich völlig unnötig finde und es zumal auch teuer wird für den , der für jeden Arztbesuch auch bezahlen muss....Warum also nicht einfach einen Eintrag ins Telefonbuch setzen?

Der einzig hilfreiche Moment war der, als ich in der einen Klinik dank der gerade anfallenden Feiertage eine Frau wählen durfte als "meine Behandelnde".
Und das wars dann schon....

Der Umstand, dass man sich manchmal nicht so besonders gut verbal ausdrücken kann und vielleicht noch verlangsamt ist lässt sogar Profis in die Falle tappen , dass der Betroffene nicht aufnahmefähig sei, und zwar in allen Belangen. Aber das stimmt nicht. Verlangsamt und schwerfällig im Ausdruck heisst noch lange nicht, dass der Betroffene auch gleichzeitig verblödet ist. Mangelnde Transparenz und Unaufrichtigkeit erkennt man trotz allem...und auch ungerechtes Verhalten.

Soweit zu meinen Erfahrungen mit der Psychiatrie und was "Therapie" genannt wird...

Gruss
Animapersa

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Beitragvon Animapersa » Sa 6. Sep 2003, 13:38

.......kleiner Nachtrag:
Was ich auch nicht als hilfreich erlebt habe, ist, dass man konsequent übersehen hat, dass man als Betroffener nicht auf einer einsamen Insel lebt. Die Lebensräume Ursprungsfamilie und Arbeitsplatz sind auch bei Alleinstehenden nicht einfach inexistent, weil keine Kinder oder Lebenspartner da sind.....Dass dauernd nur auf den Einzelnen als "zu reparierendes und wieder in Funktion zu setzendes Objekt" herumgehackt wird finde ich persönlich alles andere als vertrauensfördernd ....von gerecht ganz zu schweigen.

Sollte mir noch was einfallen, das ich als hilfreich erlebt habe, dann lasse ich es Ihnen selbstverständlich auch wissen, Herr Engels....

Gruss
Animapersa

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Sa 6. Sep 2003, 18:47

Was Sie in Ihrem Beitrag beschreiben, habe ich in meiner Kliniktätigkeit auch erlebt, und ich gebe Ihnen Recht, dass der Umgang mit dem FFE in vielen Fällen alles andere als klar und hilfreich ist. Es ist sicher häufig so, dass über Patienten, die hilflos sind oder hilflos wirken dann irgendwie "verfügt" wird und dass dies manchmal mit einer unnötigen Beschneidung ihrer persönlichen Rechte einhergeht. Das ist schlimm, muss offen ausgesprochen und möglichst verhindert werden. Allerdings kenne ich auch viele "Fälle", in denen es anders, positiver gelaufen ist. Und: Gewaltanwendung oder Einschränkung von Persönlichkeitsrechten von Patienten ist etwas, was den meisten Kollegen, die ich kenne und mir selber auch zutiefst unangenehm ist! Ich denke, dass sich kaum jemand etwas darauf einbildet oder sich besonders erfolgreich fühlt, wenn er einen Patienten mit Gewalt "behandelt" hat. Oft geht es dabei um "Schadensbegrenzung" und es ist sehr schwierig, in einer Akutsituation zu entscheiden, wie dies am besten geschehen und wer am ehesten "geschützt" werden muss. Ein Abteilungsarzt ist z.B. stets ebenso verantwortlich für den Schutz des Personals wie für den des Patienten. Darüber wird in den Diskussionen eher wenig gesprochen, dass Pflegekräfte häufig auch Bedrohungen und schwer einschätzbaren Aggressionen von Patienten ausgesetzt und oft schlecht geschützt sind. Wenn ein behandlungsuneinsichtiger Patient entlassen wird und "draussen" Schaden anrichtet, entsteht auch sofort die Diskussion, ob man das nicht hätte verhindern müssen! Auch von dieser Seite nährt sich übrigens die "Stigmatisierung" psychisch Kranker in der Bevölkerung.

Sie schreiben, dass Sie nicht wissen was hilft. Ich finde das sehr ehrlich und wichtig, dass Sie das so klar aussprechen. Ich fühle mich dadurch darin bestätigt, weiter mit Patienten nach geeigneten Lösungen zu suchen und halte auch deshalb Foren für den Meinungsaustausch für so wichtig.

Herzliche Grüsse
Franz Engels (Webmaster)

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Beitragvon Animapersa » So 7. Sep 2003, 00:33

Hier möchte ich gerne klarstellen, Herr Engels, dass diese Erfahrungen einer eher traumatisierenden (die 2 Jahre ständiger Angst, wieder eingesperrt zu werden sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen ! ) denn hilfreich unterstützenden Form der Psychiatrie von einer Person geschildert wurden, die zu keiner Zeit Dritte gefährdet hat, weder ausserhalb noch innerhalb einer Klinik, und weder vor den Einweisungen noch nachher.

Vielleicht verhält es sich mit Personen , die sich freiwillig in die Praxis eines Facharztes begeben, anders , als bei Menschen, die man zwangsweise in die eigentlich recht fragwürdige Obhut einer Klinik übergibt puncto "hilfreiche Psychiatrie".

Ob es sinnvoll wäre, diese 2 Situationen separat anzuschauen?

Klinikpsychiatrie versus Praxispsychiatrie?
Diskriminierung, Verwahrung, oder echte Hilfe? Wer und wie wird wählen können?
Oder sollte man sich eher fragen, ob das Fach als solches sich selbst mal neu überdenken sollte?
Ich denke da schon nur an das eine kleine Detail: Personen, die aus einer Klinik entweichen (und die laut den Definitionen unter einer gesundheitlichen Beeinträchtigung leiden, denn eine Stoffwechselstörung des Gehirns ist das wohl...) , werden von der Polizei wieder zurückgebracht....Verbrecher, die die öffentliche Sicherheit und / oder Ruhe mutwillig und mit Absicht stören, werden von der Polizei in Verwahrung genommen (und in ein Gefängnis gebracht).
Ein Herzinfarktpatient, also auch eine Person mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung, wird von der Ambulanz geholt......
Die Psychiatrie als Hüterin unserer Gesellschaft?? Und da soll man dieser Janusköpfigen Kreatur Vertrauen entgegenbringen, um sich von einem seiner Vertreter "therapieren" zu lassen?

Mag sein, dass meine Ausführungen den Rahmen sprengen, den Sie mit ihrem ursprünglichen Beitrag setzen wollten, doch ich denke, dass da ganz grundlegende Dinge eigentlich noch gar nicht so klar sind , wie sie eigentlich sein sollten, wenn sowohl das Fach Psychiatrie wie seine Vertreter und all jene Personen, die mit ihr in Berührung gekommen sind (und die, die es leider noch werden) nicht in einem solchen Zwielicht stehen sollen, wie es heute der Fall ist.


Gruss
Animapersa

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » So 7. Sep 2003, 01:15

Nein, nein, Sie sprengen keinesfalls den Rahmen! Genau so stelle ich mir eine Grundlagendiskussion vor. Nur so kommt man irgendwann vielleicht wirklich weiter.

Gute Nacht und freundliche Grüsse
Franz Engels (Webmaster)

Eliott
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Ein guter Therapeut ist für mich...

Beitragvon Eliott » Di 7. Okt 2003, 10:08

...jemand, der sich ausreichend Zeit nimmt, um mit mir über das Problem/die Krankheit zu sprechen. Er sollte intelligent sein (sind hoffentlich die meistenTherapeuten) und das Gespräch gut führen können: Problem sachlich analysieren, beherrscht sein, mich ernst nehmen und mich nicht dumm halten.
So leugnen viele Psychiater die Nebenwirkungen von Psychopharmaka, weil sie scheinbar fürchten, man würde sonst die Medikamente nicht mehrnehmen. Ich möchte ehrlich über die Vor- und Nachteile von Medikamenten aufgeklärt werden und wissen, worauf ich mich einlasse. Oder hält man Patienten generell für zu doof, um zu verstehen, dass manchmal ein Medikament trotz starker Nebenwirkungen hilfreich für einen ist?
Weiterhin sollte ein Therapeut ehrliche Rückmeldung geben.

Mir helfen ausfürliche Aufklärungsgespräche über meine Erkrankung, ich brauche das Fachwissen der Therapeuten. Und natürlich wünsche ich mir einen Therapeuten, der bestmöglich über Medikamente und Behandlungsmethoden Bescheid weiß.
Ich wünsche mir jemanden, der genau hinguckt und mir ehrlich sagt, wie er die Sache sieht.
Er sollte einfach ein verständiger Mensch sein, kein überheblicher Profi, aber auch kein aufdringlicher Bemutterer, der einen Bedürftigen mit geheuchelter Liebe und Zuwendung lockt.

Was speziell einen Gesprächstherapeuten angeht: Aufgrund meiner Erfahrung ist mir mittlerweile egal, ob der Therapeut ein abgeschlossenes Psychologiestudium hat oder nicht. Für mich zählen fundiertes Wissen - egal woher - und ernsthaftes, angemessenes, respektvolles Auftreten.

Ich habe schon mit vielen Krankenschwestern und -pflegern gute Gespräche geführt. Diese Leute zeichneten sich durch einen normalen, ungezwungenen Umgang mit psychisch Kranken aus. Keiner von denen hat versucht den Psychotherapeuten zu mimen, sondern hat mir einfach mit Sachverstand und Lebenserfahrung weitergeholfen.

Ich glaube, dass die Fähigkeiten von ausgebildeten Psychotherapeuten oft überschätzt werden. Sie können einem nicht in den Kopf gucken. Sie sollen mich nicht clever von oben herab lenken und schon gar nicht ihre eigenen Wertvorstellungen aufzwingen.
Ergebnis meiner bisherigen Lebenserfahrung: Es gibt keine allgemeingültigen Gesetze, keine für alle wirksamen Erfolgsrezepte. Mach doch, was du willst (und sieh, was du davon hast). Ganz schön ernüchternd.

Eliott
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Nachtrag zur Handhabung der Krankenakte...

Beitragvon Eliott » Di 7. Okt 2003, 10:51

...ich kann nur beipflichten, dass ich es auch für unmöglich halte, dass man nicht ohne weiteres die eigene Krankenakte mit den Untersuchungsberichten, den ganzen Dokumentationen, Diagnosen und Anordnungen lesen darf - geschweige denn Orginal oder Kopien davon erhält.
Man bekommt höchstens mal einen kurzen "Arztbrief" in einem verschlossenen Umschlag in die Hand gedrückt. Das ist eine Information über mich, den Patienten, an den weiterbehandelnden Kollegen. Und das dürfen ich als Patient nicht wissen.
Das geht mich nichts an. Ich könnten ja was missverstehen.

Seit wann schützt das Gesetz vor Dummheit? Wenn ich was nicht verstehe kann ich immer noch nachfragen. Oder die sollen sich bemühen, mehr Wörter aus dem normalen Sprachgebrauch zu benutzen. Das geht! Es wird doch mit der Absicht nur Fachchinesisch gesprochen, damit der Laie nichts mitbekommt.

Das ist für mich als Patient entwürdigend, bevormundet, unrechtens!

Eigentlich müsste ich als Patient grundsätzlich das Original von den Untersuchungsergebnissen, Gutachten usw. bekommen und auf Verlangen die Kopie von Behandlungsberichten, sodass ich meine eigene, umfassende Krankenakte anlegen kann. Als Kunde erhalte ich sonst auch immer alles im Original oder zumindest einen Durchschlag.
Ergebnis meiner bisherigen Lebenserfahrung: Es gibt keine allgemeingültigen Gesetze, keine für alle wirksamen Erfolgsrezepte. Mach doch, was du willst (und sieh, was du davon hast). Ganz schön ernüchternd.

erdling
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...,simple Tätigkeiten und Einstellungen

Beitragvon erdling » Sa 25. Okt 2003, 20:27

sind in der Tat hilfreich. Denn hier zeigt der/die Therapeut/in daß sie die patientin ernst nimmt.
ich schließe mich den vorstellungen von elliot an.
ich wollte eben meine eigenen erfahrungen mit psychiatern aufschreiben, es gelingt nicht. schon die gedanken daran wirken wie trigger. sorry.

lieben gruß
von erdling

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Mi 29. Okt 2003, 13:33

Hallo Elliot, hallo erdling,

für mich wäre es überhaupt kein Problem, alle Unterlagen herauszugeben, wenn irgendwo rechtskräftig dokumentiert würde, dass für den weiteren Gebrauch und evt. auftretende Schwierigkeiten der Betreffende selber verantwortlich ist. Ich verstehe sehr gut, dass das Einbehalten von Dokumenten Misstrauen weckt und die Bildung einer eigenen Meinung erschwert. Der Diskussionsverlauf hier drängtd ei Frage auf, ob der durch diese Praxis angerichtete Schaden im Vertrauensverhältnis Arzt-Patient nicht den evt. Nutzen eines Schutzes vor belastendem Material meist übersteigt. Vielleicht müsste man so etwas öffentlich diskutieren und per Abstimmung entscheiden. Aber das geht ja in Deutschland nicht.

Es ist natürlich klar, dass die Dokumentationspraxis der Psychiater sich ändern wird, sollte man demnächst verpflichtet sein, alle Unterlagen, also auch unfertige, handschriftlich notierte und vorläufige Gedanken und Empfindungen auf Verlangen auszuhändigen. Das verlangt man normalerweise nicht von irgendeinem anderen Berufstätigen. Aber die meisten notieren natürlich auch weniger...

Freundliche Grüsse

Franz Engels (Webmaster)

erdling
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Krankenakte offenlegen

Beitragvon erdling » Fr 31. Okt 2003, 16:01

Hallo,
für mich bedeutet es keinen vertrauensbeweis, wenn ich offensichtlich nicht lesen soll, was in der Akte steht. ich komme dann zwangsläufig zu negativen schlußfolgerungen.
wenn befürchtet wird, daß ich nicht verstehe, was darin steht, dann finde ich es total normal, wenn der Therapeut/psychiater mir erklärt, was darin steht. denn es geht doch wohl um mich. und nur im gespräch können mißverständnisse ausgeräumt werden. denn um mißverständliche schlußfolgerungen des Therapeuten kann es sich doch nur handeln, wenn er seine gedanken nicht offen legen will. was soll es sonst sein?
mir ist es eben auch passiert, daß die unterlagen im briefumschlag versiegelt wurden durch den stempel. vertrauen kann so nicht entstehen, denke ich, oder?

lieben gruß
von erdling

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Beitragvon Franz Engels » Fr 31. Okt 2003, 16:51

ja, Sie haben recht, das ist keine gute Praxis mit dem Verschliessen von Informationen. Für denkbar halte ich dennoch, dass es zumindest Situationen oder Zustände gibt, in denen die Aushändigung derartigen Informationsmaterials nicht unproblematisch ist. Z.B. denke ich akut manische Zustände oder eben hochpsychotische Zustände, in denen nicht gewährleistet ist, dass der Betreffende die ausgehändigten Daten und Informationen überhaupt ihrem eigentlichen Inhalt oder Sinn nach verwenden kann und sich womöglich eben doch selber damit schadet. Z.B. wenn ein Patient in einem manischen Erregungszustand die Krankenblätter an alle Nachbarn oder auch an Gläubiger, Banken etc. verteilt und sich dadurch tatsächlich Schaden zufügt, den er erst nach Abklingen der Manie bemerkt. Ich denke, man muss darüber diskutieren, wie man in solchen Fällen verfahren soll und darf und welche Rolle dabei überhaupt dem Arzt zukommt. Meines Erachtens ist es ganz klar Sache des Gesetzgebers und nicht Sache des Arztes, über die Aushändigung oder Zurückbehaltung von Krankenblättern zu entscheiden. Deshalb müsste man eigentlich auch grundsätzlich dort vorstellig werden, wenn man mit der gängigen Praxis nicht einverstanden ist. Was meinen Sie?

Freundliche Grüsse

Franz Engels (Webmaster)

erdling
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Beitragvon erdling » Fr 31. Okt 2003, 23:38

Sie haben völlig recht,
in den den situationen, in denen der Patient sich selbst schaden würde, sollte es einen Schutz geben.aber nicht durch ein starres Gesetz sondern der Therapeut/Psychiater müßte die Möglichkeit erhalten zu entscheiden wieviel dem Patienten an Informationen mitgegeben werden kann. Der gesetzgeber kann doch nur in einem großen Rahmen eine Lücke schliessen. Individuelle Entscheidungsmöglichkeiten lassen starre Gesetze doch nicht zu. Natürlich ist eine vertrauensbasis zwischen Patient und Therapeut notwendig.
Kann nicht in Zeiten der normalität mit einem manisch- depressiven ein vertrag vereinbart werden, in dem klar zum Ausdruck kommt, inwieweit der Therapeut schutz vor schaden gewährt. das ist natürlich auch mit einer enormen verantwortung verbunden. die mag so mancher therapeut nicht übernehmen, glaube ich. Aber gemeinsam mit den angehörigen kann es vieleicht ein konsens geben. Oder? ist das zu unreal gedacht?
herzlichen gruß
von erdling

Melli
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meine Erfahrung einer gelungen Therapie

Beitragvon Melli » Do 6. Nov 2003, 10:08

Also begeistert bin ich von meiner Therapeutin (tolle Persönlichkeit) und ihrer Therapieform der tiefenpsychologisch fundierten Therapie.

Das sieht bei ihr so aus, dass sie mich viel nach meinen Gefühlen fragt.
Bsp: Ich hatte das Problem (ich hatte Kontaktängste etc), dass ich Angst hatte, einkaufen zu gehen. Dann sollte ich ihr das beschreiben. Ich hatte furchtbare Angst an der Kasse. Da sagt die Kassiererin, wieviel Geld sie will, (ich übertreibe jetzt) ich reiß den Geldbeutel auf, versuche in Sekundenschnelle das perfekt passende Geld ihr zu geben (das heißt nicht auf Cent genau, aber irgendwie perfekt musste ich es machen und ganz schnell, damit sie nicht auf mich warten muss und ich sie nicht aufhalte- überhaupt hatte ich die Meinung, alle Menschen nur aufzuhalten). Könnt ihr euch nun vorstellen, dass ich einkaufen stressig fand?
Und dann meinte die Therapeutin, dass das doch ihr Job ist. Sie verdient doch auch Geld dafür. Und sie machte mir klar, dass ich mich nicht für wertgenug erachte, dass ich Zeit koste. (Anmerkung am Rande: meine Mutter will, wenn sie bei meiner Schwägerin zu Besuch ist, immer Geld zahlen, weil sie keine Unkosten und keinen Aufwand machen möchte).
Und durch diese Fragemethode:"Was empfinden Sie dabei?" etc hat sie mir schon viele verborgenen Gefühle aufgedeckt, die ich dann mit meinem Verstand korrigieren kann, nachdem sie mir bewusst geworden sind.

Gut an der Methode finde ich, dass sie an die Ursachen geht- anders als die Verhaltenstherapie von der ich kein Fan bin. Sie kachiert nur an der Oberfläche.

Liebe Grüße,

Melli


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