Psychose ausleben?

Maritta
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Psychose ausleben?

Beitragvon Maritta » Do 30. Sep 2004, 23:30

Hallo,
beim Stöbern stoße ich immer wieder auf Meinungen, dass man eine Psychose "ausleben" sollte. Das wäre besser, als die Symptome mit Medikamenten zu unterdrücken.
Ist das denn ratsam? Spielt man da nicht mit seinem Leben, dem Verstand?
Unterdrücken die Medikamente wirklich nur die Symptome wie Stimmenhören, Verfolgungswahn, Todesangst usw.
Wie "heilt" eine Psychose aus....tut sie das wirklich? Oder wie ist das.
Ist eine Psychose, die z. B. durch Cannabis ausgelöst wurde auch schizophren? Ich meine damit, ist diese gleichzusetzen mit anderen Formen der Schizophrenie?
Viele Fragen :???:
Gruß
Maritta

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deepnight
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Beitragvon deepnight » Fr 1. Okt 2004, 10:59

Hallo Maritta,
eine Schizophrenie kann auch durch Cannabis ausgelöst werden.

Manche Menschen lehnen Medikamente grundsätzlich ab. Sie laufen mit den stärksten Kopfschmerzen herum, nehmen aber kein Schmerzmittel. Die Psychose aber ist nicht nur innere Qual, es geht auch außen viel kaputt. Daher bedeutet es eine sehr große Leidensbereitschaft, wenn man sie ausleben will.

Bei manchen geht die Psychose von selber nach einigen Wochen zurück. Es gibt aber auch viele, die in Lebensgefahr geraten, sei es, weil sie nicht mehr essen und trinken, sei es, weil die Stimmen und die Qual sie zum Suizid treiben, sei es, daß sie, wenn sie hilflos umherirren, einem Verbrechen zum Opfer fallen. Meine erste Psychose war nach einem halben Jahr immer noch da und bei mir gehen die Psychosen nicht einfach von selber weg.

Es gibt den wissenschaftlichen Nachweis, daß ein Zusammenhang zwischen unbehandelter Psychose und Chronizität besteht. Wobei Kritiker hier sagen, die Wissenschat sei nicht neutral...

Gruß, Helene
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deepnight
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Beitragvon deepnight » Fr 1. Okt 2004, 11:02

Übrigens, ich weiß nicht, warum es so schlimm sein soll, daß die Medikamente "nur" die Symptome unterdrücken. Dadurch werde ich ja wieder konfliktfähig und kann meine Probleme bearbeiten. Nur Medikamente ohne begleitende Psychotherapie halte ich schlichtweg für einen Kunstfehler.
Also, die Medikamente lösen meine Probleme nicht, aber sie versetzen mich in die Lage, daß ich sie wieder anpacken kann.
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SvenT
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Die Ansicht find ich richtig klasse!

Beitragvon SvenT » So 30. Okt 2005, 01:37

Hi deepnight,

find Deine Ansicht zur Thematik Medikamente und Therapie sehr gut.
(sicher weil ich die selbe vertrete)
Aus einer extremen psychischen Krise (egal welche Erkrankung zu Grunde liegt), kann oftmals ein Medikament der erste Schritt sein.
Wenn alle Sinne beisammen sind, ist man aufnahmebereiter und sicher auch bereit sinnvolle Informationen weiter zu geben.
Genau dann macht eine Therapie Sinn. Dabei sollte auch der Betroffene die Chance der Mitbestimmung haben. Die reinen edukativen Therapien bieten nicht ausreichend Heilungsaussicht.(nicht zuletzt ein veralteter Begriff für Erziehung- wo eben da schon die Frage besteht: "Warum erziehen, wenn der Mensch erkrankt ist und Hilfe braucht?)
Wenn sich dann nämlich Betroffene in ihren gesunden Phasen untereinander unterhalten, kann man ganz klar Gründe erkennen für Ver-Rücktheiten.
Und die Gründe sollte man nicht einfach medikamentös ausschalten/betäuben, sondern finden und die daraus entstehenden Konfliktsituationen lösen.

Reine "Pillentherapie" halte ich für absolut sinnlos. Insbesondere aus eigener Erfahrungen.
Dazu mein besonderer Dank an die Hardtwaldklinik in Bad Zwesten, die mich einen riesigen Schritt in die "normale" Welt begleitet haben, auch wenn dieser Schritt nur wenige Wochen dauerte. Er hat mehr bewirkt als jeder Klinikaufenthalt und jede ambulante Behandlung davor.
Und bei meiner jetzigen ambulanten Betreuung, einer Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie fühle ich mich gut aufgehoben.
Und das beste: Meine erste Ärztin fragte immer ob ich nicht mal EU-Rente beantragen will und einen Schwerbeschädigtenausweis.
Tja liebe Frau Dr., ich arbeite wieder.
:lol:
Beste Grüße

Sven

danny
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Beitragvon danny » So 30. Okt 2005, 05:51

Hallo,

...und viele werden erst dank der "bösen Pillen" therapierbar. Das sollte man nicht vergessen.

Ich verstehe nicht, weshalb hier so viele die Medikamente kritisieren. Es bedarf natürlich vernünftiger Ärzte, die auch Wissen, was sie mit den Medikamenten anrichten und dementsprechend sorgfältig auswählen und abwägen.
Und vor allem bin ich auf Leute getroffen, die die Medikamente total ablehnen, denen es aber ziemlich schlecht geht. Das ist keine Argumentationsweise. Wenn dann muß man schon eine Alternative bieten und sagen, das es auch ohne zum Erfolg führt.

Gruß
Danny

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rosa
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Beitragvon rosa » So 30. Okt 2005, 10:41

Hallo Dany,

(Zitat)"....Ich verstehe nicht, weshalb hier so viele die Medikamente kritisieren. Es bedarf natürlich vernünftiger Ärzte, die auch Wissen, was sie mit den Medikamenten anrichten und dementsprechend sorgfältig auswählen und abwägen.
Und vor allem bin ich auf Leute getroffen, die die Medikamente total ablehnen, denen es aber ziemlich schlecht geht. Das ist keine Argumentationsweise. Wenn dann muß man schon eine Alternative bieten und sagen, das es auch ohne zum Erfolg führt. ..."(Zitatende)

Medikamente scheinen sehr unterschiedlich bei den Betroffenen zu wirken. Für einige ist die Medikation ein Hilfsmittel, für andere wiederum (das gilt auch für mich) eine zusätzliche Katastrophe und zwischen diesen beiden gegensätzlichen Polen gibt es sicher auch noch viele Betroffene.

Für mich persönlich gilt, dass es mit den Medikamenten (egal welche ich probiert habe) alles noch viel viel schlimmer wurde. Und ich spreche da nicht von den Nebenwirkungen, sondern von der Hauptwirkung der Medikamente. Mich haben die Medis unansprechbar, sozial völlig isoliert und therapieunfähig gemacht, da ich überhaupt keinen zusammenhängenden Gedanken mehr bilden konnte.

So blieb für mich keine andere Möglichkeit, als mir eine Gesprächstherapie zu suchen, wo die Probleme ohne Medikation durchgearbeitet werden konnten.

Was ich bemängele ist die unzureichende Aufklärung über Nebenwirkungen und Risiken, das Leute wie ich, die mit dem Zeug überhaupt nicht klar kommen, in den "Erfolgsstatistiken" gar nicht präsent sind. Das die bei mir zusätzlich eingetretenen Probleme durch die Medikation dann gar noch als neue Krankheitssymptome gedeutet werden.

Gruss
rosa

http://rosapillenknick.de
"Die Denkgebäude müssen neu überdacht werden." M.Laval

danny
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Beitragvon danny » So 30. Okt 2005, 11:01

Hallo,

das ist natürlich indiskutabel - wenn es einem mit Medikamenten noch schlechter geht, dann bringt es natürlich nichts. Ich habe beide Seiten erlebt - Medikamente, die ich absolut nicht vertragen habe, aber auch welche, die mich echt aus dem Sumpf geholt haben.
Im übrigen bin ich dagegen die Medikamente als alleinige Therapie zu sehen. Die Psychotherapie ersetzen sie nicht.

Gruß
Danny

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SvenT
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Erst mit Medikamenten therapierbar

Beitragvon SvenT » So 30. Okt 2005, 11:27

Hi danny,

weiß zwar nicht worauf Du deinen Beitrag bezogen hast.
Wenn Du meinen richtig gelesen hättest, da steht es genauso drin.

Und glaub mir, ich habe auch eigene Erfahrungen sammeln dürfen, bin selbst in einem Verein und sehe da viel Elend. Und meiner Freundin geht`s eben gerade auch nicht so gut.
Und warum das alles?
Weil Standartmedikamententherapie weniger aufwendig ist, als sich mit den Problemen der Menschen zu befassen.
Und hier liegt eben die Alternative:
Kombination aus Medikation und Therapie.

Sven

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Beitragvon danny » So 30. Okt 2005, 11:56

Hi Sven,

ich habe Deinen Beitrag richtig gelesen und habe mich auf niemanden in diesem thread bezogen. Ich bin aber ganz anderen im Forum begegnet, die eben diese Meinungen vertreten.
Wieso reagierst Du so?:" Wenn Du meinen Beitrag richtig gelesen hättest..." :shock:
Ich habe auch nicht unterstellt, Du hättest keine Erfahrungen damit. Es lag mir nur auf der Seele meinen Standpunkt niederzuschreiben. Nicht mehr und nicht weniger.

Sorry, mir geht es heute nicht gut - bin ein wenig sensibel zur Zeit.

Gruß
Danny

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Sorry

Beitragvon SvenT » So 30. Okt 2005, 22:36

Hi danny,

nimm`s bitte nicht persönlich. Bin einfach sauer auf die Klinik in der meine Freundin jetzt ist. Außerdem über das Verhalten ihrer Eltern, die es innerhalb von 3 Wochen nun immerhin einmal geschafft haben `nen Krankenbesuch zu machen.
Und ich habe mit dieser Klinik nicht die besten Erfahrungen gemacht.

Und nun arbeite ich, bin außer zum Schlafen kaum noch zu hause, weil ich jede Möglichkeit nutze bei meiner freundin zu sein.

Und so aufgedreht wie ich dann bin, fühl ich mich schnell angegriffen.
Also nochmal sorry

Sven

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Beitragvon danny » So 30. Okt 2005, 23:59

HI Sven,

entschuldigung angenommen - ich fühl mich ja selbst im Mom zu schnell angegriffen.

Gruß
Danny

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Beitragvon danny » Mo 31. Okt 2005, 14:16

Hallo Schneewitchen,

Ich erwarte nicht von den Pharmafirmen die Alternativen sondern von den Leuten, die propagieren ohne zurecht zu kommen.

Gruß
Danny

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deepnight
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Beitragvon deepnight » Mo 31. Okt 2005, 15:09

Hallo Schneewittchen,
mein Bruder sucht seit über 20 Jahren nach Alternativen. Es geht ihm beschissen. Immerhin kann er wieder mühsam in der Wohnung umhergehen und braucht keine Vollpflege mehr. Sein Leben finde ich überhaupt nicht lebenswert, für mich jedenfalls nicht. Er sagt, er bringt sich auch nur deshalb nicht um, weil er befürchtet, es könne nach dem Tod noch schlimmer werden. Also auch die ernsthafteste Suche nach Alternativen ist nicht die Lösung des Problems. Ich habe dich jedenfalls so verstanden, daß du meinst, man müsse nur ernsthaft genug nach Alternativen Ausschau halten, dann findet man sie auch. Meinem Bruder würde ich aber nun wirklich nicht unterstellen wollen, er habe sich nur nicht genug bemüht.

Vielleicht werde ich einmal Spätschäden der NL haben, wahrscheinlich sogar. Aber ich habe dann einige lebenswerte Jahrzehnte gehabt und habe mich auch um meine Kinder kümmern können, als sie mich gebraucht haben. Mein Bruder hatte nur ein überaus beschissenes Leben. Er hat keine Spätfolgen der Medikamente, aber Spätfolgen der Krankheit. Da er sich wahnhaft fehlernährt, ist auch sein Körper ziemlich übel beieinander. So übel, daß er kaum noch laufen kann, seinen Haushalt nicht mehr versorgen kann, geschweige denn seine Wohnung verlassen kann und soziale Kontakte hat er bis auf seine Pfleger keine. Aber er galubt nach wie vor, daß er ohne Medikamente durch Selbsthilfemaßnahmen wie Klavierspielen, Karottensaft trinken etc. sich soweit stabilisieren kann, daß er fähig werden kann, in einer Psychotherapie alle seine Wunden aus der Kindheit zu heilen.

Ist er nun einfach nur unfähig, geeignete Alternativen zu entwickeln?

Gruß, Helene
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Hmm....

Beitragvon SvenT » Di 22. Nov 2005, 21:38

Hi deepnight,

natürlich ist es kaum möglich sich mit irgendwelchen Säften oder mit Klavierspielen zu stabilisieren oder auf eine Therapie vorzubereiten. (schön wenn`s doch Jemandem gelingt)
Zur Stabilisierung sind Medikamente besonders hilfreich.
Dann ist auch eine Therapie möglich. Ich glaube durchaus, dass mit einer Therapie Möglichkeiten geschaffen werden, Medikamente zu reduzieren und günstigsten Fall mit einer Bedarfsmedizin auszukommen.

Sven


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