Psychose.....was wenn.....

Maritta
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Beitragvon Maritta » Mo 13. Sep 2004, 14:52

So, nun ist der Herr Engels wieder da und deshalb möchte ich ihn bitten, mir auf meine Fragestellung, ob es nicht auch ohne Klinikeinweisung möglich gewesen wäre, meinem Partner zu helfen. :roll:
Maritta

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Franz Engels
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Beitragvon Franz Engels » Mo 13. Sep 2004, 18:12

Hallo Maritta,

es tut mir leid, dass Sie so lange haben warten müssen. Aber ich finde, dass Sie sehr viel Unterstützung von anderen Forumsbesuchern erhalten haben, und darüber freue ich mich.

Sehen Sie, ich habe eben auch kein Erfolgsrezept, wie man mit der Gewalt, die eine psychotische Erkrankung in eine Beziehung hineinträgt, am besten umgehen soll. Darin unterscheide ich mich von Teddy, der ja offensichtlich über Lösungswege verfügt, ohne sie allerdings bisher für mich verständlich dargelegt zu haben. Ich kann Ihnen aber, wie alle die anderen Leser, versichern, dass ich Ihr Handeln, so wie Sie es beschrieben haben, absolut korrekt finde. Gleichzeitig weiß ich, dass Sie dies nicht von der eigenen gefühlten "Schuld" Ihrem Partner gegenüber entbinden kann, die aber wohl mehr eine Form der Hilflosigkeit ist, als eine wirkliche Schuld.

Wenn Grenzen (eigene Grenzen und die Grenzen zwischen Menschen) in gefährlicher Weise überschritten werden (z. B. bei Suizidandrohung oder Gewaltandrohung/gewalttätigem Verhalten) - und eine psychotische Erkrankung ist imstande dazu - dann ist es notwendig zum eigenen Schutz, zum Schutz des Anderen und auch zum Schutz der bestehenden Beziehung, die verschobenen Grenzene soweit wiederherzustellen, dass ein gemeinsames Überleben möglich ist. Welche Massnahmen dazu notwendig sind hängt entscheidend davon ab
- wie zugänglich der Betreffende in seiner Psychose noch ist
- wie bedrohlich die psychotische Gewalt ist

Die meisten Psychosen sind zwar sehr einschneidende Erlebnisse für die Betroffenen und deren Umgebung, sind aber ungefährlich, z. B. ein milder Beziehungswahn, Formen von Grössenwahn u. a. psychotische Zustände. Deshalb ist es unfair und unrichtig, "Psychose" gleichzusetzen mit "gefährlich"!

Es gibt aber auch "Psychosen", die mit Gefahren für das eigene Leben oder das der Anderen einhergehen. Viel häufiger ist das Leben der Betroffenen bedroht, es sterben immer noch sehr viele schizophrene Patienten im Laufe der Erkrankung durch Suizid! Das Gefährdungspotential muß in jedem einzelnen Fall neu eingeschätzt werden. Wichtig: man kann sich dabei irren!
Niemand irrt sich gerne, kaum jemand möchte gerne einem offensichtlich erkrankten Menschen zusätzliche Gewalt antun. Wenn dies geschieht, dann meist aus einer Situation der Bedrohtheit heraus, vielleicht wegen Unerfahrenheit oder sogar auch fehlendem Mut. Im schlimmsten Fall kommt es zu vorauseilender Gewalt. Dies sollte unter allen Umständen vermieden werden, gelegentlich ist aber auch das nicht möglich, weil "Notsituationen" eben auch zu fehlerhaftem Verhalten führen können!. All dies ist menschlich, man kann sich im häufigen Umgang mit solchen Situationen als Angehöriger oder im Rahmen einer Professionalisierung erproben und kompetenter werden.
Keinesfalls darf aber meines Erachtens am Ende derjenige, der versucht, einen Schaden einzugrenzen und letztlich hilfreich für den Betroffenen zu sein, selber auf der Anklagebank sitzen. Das wäre eine absurde Verleugnung der Erkrankungssituation!

Mich stört an Teddy's Ausführungen heute wie damals diese Vernachlässigung der Tatsache, dass der Helfer, wie dilettantisch und ungeschickt er auch vorgehen mag, letztlich nichts für die Erkrankung des Betroffenen und deren zerstörerische Kraft in den zwischenmenschlichen Beziehungen kann. Wie soll sich bitte ein Angehöriger verhalten, wenn ein psychosekranker Ehemann in Verkennung der Realität mit Suizid droht oder sich potentiell gefährliche Verletzungen zufügt? Es gibt hier keinen "guten Weg", wenn nicht eine Einsichtsfähigkeit oder zumindst eine Beruhigung der Situation erreicht werden kann (Und Teddy am "anderen Ende der Leitung" ist sicher nicht berufen, per Ferneinschätzung eine pauschale moralische Bewertung vorzunehmen). "Schuld" daran trägt nicht primär der Helfer, auch nicht der Kranke, sondern der Umstand der Erkrankung, der ein Handeln erzwingt. Nur ist es natürlich unsinnig, einer Erkrankung "Schuld" zuzuweisen. Wir müssen uns also vermtlich daran gewöhnen anzuerkennen, dass es im Reich der Krankheiten "unverschuldete" und trotzdem unleidliche Zustände gibt! Und das das Helfenwollen zunächst ein Wunsch ist und dass wir in diesem Bedürfnis scheitern können,, ohne deshalb "schuldig" zu sein oder zu werden!
Die Unbarmherzigkeit, mit der Teddy in seinen Beiträgen unterschiedslos professionellen Helfern Inkompetenz und sogar verbrecherische Absichten unterstellt, ist nach meinem Empfinden absurd. Zumindest finde ich mich selber in diesen Beschreibungen nicht wieder. Sicher war ich schon oft hilflos, wenn ich mir mehr Souveränität gewünscht hätte und sicher habe ich auch rückblickend häufig Fehler gemacht, die ich hoffentlich nicht wiederholen werde. Aber es ist doch der Wunsch da, kompetent und erfolgreich zu helfen, und dies unterstelle ich auch zunächst allen Angehörigen und allen anderen professionellen Helfern.

Ich hoffe, mein Anliegen und meine "Antwort" auf Ihre Frage ist angekommen! Ich habe grossen Respekt vor Ihrer Entscheidung, Ihren Partner einzuweisen und ihn dadurch vor sich selber und sich vor ihm und Ihre Beziehung schützen zu wollen. Sie war das, was Ihnen in der Verzweiflung der anhaltenden Notsituation möglich war und es war sicher ein Akt der Nächstenliebe. Insofern war es eine gute Entscheidung, und ich bin sicher, es muss Ihrem Mann zu einem späteren Zeitpukt möglich sein, diese Entscheidung zu verstehen.

Übrigens gilt derselbe Respekt Kratz (alias Detlev), der seinen Bruder hat einweisen müssen, und ich freue mich sehr über die menschenfreundliche Sicht all der Anderen, die sich in diesem Thread zu Wort gemeldet haben.

Freundliche Grüsse

Franz Engels (Webmaster)
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Beitragvon Maritta » Mo 13. Sep 2004, 23:58

Hallo Herr Engels,
ich bedanke mich für Ihre umfassende Antwort.
Zunächst möchte ich berichten, dass mein Partner mich Anfang September schon angerufen und gefragt hat, ob ich ihn denn auch mal besuchen kommen wolle. Und ob ich wollte :D
Ich war froh, dass unsere Freunde gute "Vorarbeit" geleistet hatten. Auch die Ärzte der Klinik hatten meinem Partner bestätigt, dass es der richtige Weg war, dass ich nicht anders handeln konnte in meiner (unserer) Not.
Jedenfalls konnten wir uns wieder unterhalten aber ich habe ihm seine Verletzung angemerkt. Er ist sehr still geworden. Zum Glück verträgt er sein Medikament gut. Nur gefangen und eingesperrt fühlt er sich und ich muss ihm immer wieder zureden, dass es bestimmt nicht mehr lange dauern wird bis er entlassen wird, so hoffe ich wenigstens.
Am vergangenen Wochenende durfte er schon für 2 Tage nach Hause kommen. Wir haben wieder über die "unglückliche" Einweisung geredet. Er sieht zwar inzwischen ein, dass ich nicht anders handeln konnte, hat mir auch verziehen, glaubt aber immer noch, dass es falsch war und er hätte nur erst richtig schlafen wollen (er hatte aber schon mehrere Tage nicht geschlafen und wäre er denn noch eingeschlafen? und in welchem Zustand?), danach hätte er sich Medikamente verschreiben lassen, um alles also ambulant zu behandeln. Er will mir immer noch das Versprechen abnehmen, dass ich so etwas nie wieder mache. Ich kann ihm das aber nicht geben. Jedoch werden wir eine Vereinbarung treffen. Er muss mir schriftlich geben (sonst hat ers womöglich vergessen), dass er dann unverzüglich zum Arzt geht und Medikamente nimmt. Dann werde ich versuchen, das mit ihm zu Hauese durchzustehen. Obwohl ich hoffe, dass es eine einmalige Episode war, habe ich auch immer noch die Angst, dass sich alles wiederholen könnte.
Und nun weiss ich immer noch nicht, ob man eine Psychose auch ohne Klinikaufenthalt behandeln kann und was passiert, wenn gar keine Behandlung erfolgt.
Ich weiss also immer noch nicht, wie ich mich dann verhalten sollte. Ihn einfach in seinem Wahn stecken lassen? Käme er denn da alleine wieder heraus?
Eine immer noch ratlose
Maritta

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Beitragvon Franz Engels » Di 14. Sep 2004, 07:53

Guten Morgen Maritta,

sorry, den zweiten Teil Ihrer Anfrage habe ich über dem ersten glatt vergessen... :shock:

Also, die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Psychose ohne Hilfe, also einfach durch "lassen" zurückbildet, halte ich für eher unwahrscheinlich. Eher kommt es dazu, dass der Betroffene private Strategien entwickelt, trotz Psychose mit der Umwelt zurecht zu kommen, was dann mehr oder weniger gelingen kann. Es gibt z. B. Wahnerleben, welches völlig "abgekapselt" ist, den Betroffenen ein äusserlich unauffälliges Leben ermöglicht und sich nur in ganz bestimmten Situationen, in ganz nahen Beziehungen oder vielleicht überhaupt nicht für andere Leute sichtbar äussert.
Natürlich kann man eine Psychose auch ausserhalb einer psychiatrischen Klinik behandeln. Allerdings benötigt man auch dann einen hohen persönlichen Einsatz und viel Erfahrung. Und natürlich hängt auch hier das Gelingen ganz wesentlich davon ab, ob der Erkrankte der Hilfe von aussen zugänglich ist, ob es gelingt, eine Einsicht in die Therapienotwendigkeit herzustellen und eine tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen. Die Soteria-Projekte, die Teddy erwähnt hat, sind Gegenbeispiele für alternative Behandlungen psychotisch Erkrankter. Allerdings: auch dort gelingen Therapien nicht immer, und es gibt z. B. auch Soteria-Einrichtungen (z. B. in Bern), wo auch Medikamente zum Einsatz kommen.

Ist Ihnen jetzt geholfen?

Freundliche Grüsse

Franz Engels (Webmaster)
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Beitragvon Maritta » Di 14. Sep 2004, 09:01

Besten Dank noch einmal, Herr Engels, damit ist mir schon weitergeholfen.
Also gibt es Wege ohne Klinik, wenn der Patient mitmacht und auch sein Umfeld stimmt.
Irgendwie beruhigt mich das etwas und die Zukunft wird zeigen, wie es bei uns weiter geht.
Einen schönen Tag noch und Danke für Ihr Engagement auf dieser Website. Es ist gut, neben der Meinung Betroffener auch die Kenntnisse eines "Fachmanns" zu erfahren.
Maritta

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Beitragvon deepnight » Di 19. Okt 2004, 16:05

Hallo Maritta,
mein Mann und ich haben einmal eine Psychose zu Hause bewältigt. Wichtig war, daß von meiner Seite aus Absprachefähigkeit da war. Nutze die gesunde Phase deines Partners, um mit ihm alles zu besprechen. Du mußt ihm gegenüber deine Ängste ansprechen und ihm sagen, wie du die Situation erlebt hast. Das Allerwichtigste in der Partnerschaft ist das Miteinander-Sprechen. Wenn ihr Absprachen treffen könnt, könnt ihr sicher auch eine Psychose zu Hause miteinander bewältigen. Frag ihn, wie du mit der Situation umgehen sollst, was er hilfreich findet und was weniger. Handelt eine gemeinsame Strategie aus. Frag ihn, was du denn tun sollst, wenn er keine Einsicht zeigt. Ein Freund, der in der Manie auch jede Einsicht verliert, hat seiner Frau ausdrücklich erlaubt, den Arzt zu rufen, wenn es ihr notwendig erscheint.
Grüßle, Helene
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Beitragvon Maritta » Di 19. Okt 2004, 16:32

Hallo Helene,
das haben wir auch gemacht. Wir haben vereinbart, dass er, falls es wieder soweit kommen sollte, wir diese Psychose zusammen zu Hause ausstehen wollen. Aber nur dann, wenn er bereit ist, Medikamente zu nehmen. Das hat er mir versprochen. Ich glaube, er ist ein bisschen einsichtiger geworden und hat sich inzwischen viel informiert bzw. ICH habe mich viel informiert und erzähle ihm meine Erkenntnisse. Er selbst ist noch nicht in der Lage oder besser gesagt, im Moment ist er sehr antriebslos, depressiv. Aber die Ärzte sagten, das sei zu erwarten gewesen. Ich muss ihn zu allem animieren, er hat zu nichts Lust und was mit seinem Job wird, das steht in den Sternen. Er sagt, er hätte Angst vor dem Wiedereinstieg. Wir sind auch noch unsicher, wie wir mit der Diagnose Schizophrenie umgehen sollen. Unsere engeren Freunde wissen das zwar, aber z.B. seine Arbeitskollegen, die auch immer nach ihm fragen oder sein Chef, die wissen nur, dass er wegen psychischen Problemen in einer Klinik war. Details wissen sie nicht. Irgendwie denken wir, wird diese Krankheit stigmatisiert. Die Mehrheit weiß darüber nichts, sie denken sich sonstwas womöglich.
Naja, wir werden irgendwie klar kommen, wir haben ja uns.
Liebe Grüße
Maritta


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