Persönlichkeitsstörungen | Ursachen (Ätiologie)

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Pathogenetische Modellvorstellungen

Es gibt keine einheitliche Vorstellung über die Entstehung von Persönlichkeitsstörungen, so wie es auch keinen Konsens darüber gibt, ab wann Persönlichkeitseigenschaften als Störung zu bezeichnen sind oder wie Persönlichkeit überhaupt entsteht. Es gibt in der wissenschaftlichen Psychiatrie allerdings eine weitgehende Einigkeit darüber, dass sowohl „Persönlichkeit“ als auch deren Störungen Ausdruck komplexer Wechselwirkungen unterschiedlicher Umwelt- und Anlagefaktoren sind.

Aktuell kann man (nach Bronisch, 2000 und in Anlehnung an Gunderson und Phillips, 1995) grundsätzlich fünf Modelle unterscheiden, die jeweils einem anderen Zugangsweg und Standpunkt entsprechen:

  • das psychodynamische Modell
  • das Circumplexmodell
  • das soziologische Modell
  • das biologische Modell
  • das (integrative) biopsychosoziale Modell

Das psychodynamische Modell

„Das psychodynamische Modell der Persönlichkeit geht von Persönlichkeitstypen aus, die grundsätzlich geprägt sind durch genetische und konstitutionelle Faktoren, aber organisiert, konsolidiert und evt. verzerrt oder erstarrt sind als Folge von – maladaptiven – Anpassungen an Lebensereignissen oder chronischen Lebensbedingungen. Dieses Modell legt den Schwerpunkt mehr auf die entwicklungspsychologischen als auf die genetischen und konstitutionellen Faktoren, die die Persönlichkeit formen. Es leitet sich weitgehend von der Psychoanalyse ab, wurde besonders von W. Reich (1971, zuerst 1933) ausgearbeitet und wird in der modernen Psychoanalyse am prägnantesten von Kernberg (1984) vertreten. Nach Gunderson und Phillips (1995) hat dieses Modell am meisten die DSM-V (und ICD-10) Kategorien der Persönlichkeitsstörungen beeinflusst.“ (Bronisch, 2000, S. 1533)

Eine vertiefte Darstellung der komplizierten psychoanalytischen Hypothesenbildung zur Charakterologie von den Anfängen bis heute ist an dieser Stelle nicht durchführbar.

Der folgende Link führt Sie zu einer Auswahl von Standpunkten bedeutender Psychoanalytiker zum Thema Persönlichkeit und ihrer Eigenschaften.
Auf unseren Seiten finden Sie darüber hinaus einen Abriss der Geschichte der psychoanalytischen Charakterologie nach S.O.Hoffmann, ferner eine Darstellung des modernen psychoanalytischen Konzeptes von Otto Kernberg über Persönlichkeitsstörungen.

Circumplexmodelle

Die heutigen Bemühungen interpersonell denkender und forschender Psychologen und Psychiater, Verstehensansätze bzw. Erklärungsmodelle für das Phänomen der „Persönlichkeitsstörungen“ zu entwickeln stützt sich ganz wesentlich auf die Arbeiten H.S.Sullivans sowie auf den bereits 1957 durch Leary unternommenen Versuch, menschliche Bedürfnisse in einem Kreisdiagramm in Abhängigkeit von zwei Achsen (Dimensionen) darzustellen. Von seinem „Interpersonal Circle“ nahmen alle heute diskutierten „Circumplexmodelle“ der Persönlichkeitseigenschaften ihren Ausgang.

Informieren Sie sich detaillierter über Circumplexmodelle.

Das soziologische Modell

Diese Modell basiert auf der Vorstellung,

  • dass die Persönlichkeit ihre Prägung durch gesellschaftliche Bedingungen erhält,
  • dass normales Verhalten derart sei, daß es der Gesellschaft keinen Schaden und keine Nachteile bringe und
  • dass pathologisches Verhalten definiert sei durch die Abweichung von gesellschaftlichen Normen und Produktion eines gesellschaftlichen Schadens

Das biologische Modell

Dieses Modell focussiert zur Erklärung von Persönlichkeit und ihren Störungen „biogenetische, embryonale und frühkindliche Faktoren, die Verhalten, Emotion und Kognition formen. Damit rekurriert es von der genetischen Seite sehr auf den Aspekt des Temperaments als den angeborenen Eigenschaften des Menschen, bezieht aber auch exogene Faktoren wie Geburtsschäden, Infektionen und Stoffwechselstörungen etc. mit ein, die prä-, peri- und postnatal auftreten können und ein noch in Entwicklung befindliches Gehirn möglicherweise umfassend schädigen.“ (Bronisch, 2000, S. 1535).
Unter den Versuchen, persönlichkeitsrelevantes Verhalten mit Störungen des Transmittersystems in Verbindung zu bringen, müssen die Untersuchungen Cloningers (1987) sowie die von Siever und Davis (1991) hervorgehoben werden.

Dimensionen der Persönlichkeit von Cloninger (1987):

In Ausarbeitung der biologischen Befunde zu den einzelnen Clustern postuliert Cloninger drei genetisch voneinander unabhängige Dimensionen der Persönlichkeit, die mit Hilfe eines Fragebogens, des „Tridimensional Personality Questionaire (TPQ)“, ermittelt werden und die er folgendermaßen benennt:

  • „novelty seeking“             –> dopaminerges System
  • „harm avoidance“             –> serotonerges System
  • „reward dependence“       –> noradrenerges System
Psychobiologisches Modell von Siever und Davis (1991):

Die vier Dimensionen dieses Modells und ihre Verbindung zu den Transmittersystemen lauten

  • kognitive und Wahrnehmungsorganisation             –> dopaminerges System
  • Impulskontrolle                                                   –> serotonerges/noradrenerges Syst.
  • Affektregulation                                                  –> noradrenerges System
  • Angstmodulation                                                –> kortikales und sympathotones Arousal

Das (integrative) biopsychosoziale Modell

Das biopsychosoziale Modell, welches auf Engel (1980) zurückgeht, versucht, die unterschiedliche Entwicklung psychischer Störungen bei verschiedenen Menschen unter gleichen Stressoren auf die Annahme einer Diathese bzw. einer speziellen „Vulnerabilität“ zu erklären. Entsprechende Modelle heißen folgerichtig

  • „Diathese-Streß-Modell“ oder „Vulnerabilitäts-Streß-Modell“.

Es gibt zwei wichtige Forschungsrichtungen, die mit den Annahmen des Diathese-Streß-Modells arbeiten, jedoch darüber hinaus eigene Sichtweisen entwickelt haben, die auch therapeutische Zugänge ermöglichen. Es sind dies die

  • biosoziale Lerntheorie von Millon (1990) sowie die
  • kognitionstheoretischen Ansätze von Beck und Freeman (1990)
Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (s.a. Abb. 20):

Es handelt sich um ein integratives Modell, welches neben der Berücksichtigung der bedingenden Faktoren und der Betrachtungsebenen im Querschnitt auch die Bedingungen für die Manifestation sowie die Verlaufsdynamik im Längsschnitt zu berücksichtigen vermag. Es wurde zwar zur Erklärung der Schizophrenie entwickelt (Zubin und Spring, 1977), besitzt aber inzwischen für alle psychischen Störungen eine weithin akzeptierte Gültigkeit.
Der Grundgedanke ist der, daß Vulnerabilität (d.h. eine multifaktoriell vermittelte, dispositionelle Verletzbarkeit oder Schwäche) und die Einwirkung von (inneren oder äußeren) Stressoren (d.h. kritische Ereignisse/Belastungen/Konflikte im psychosozialen Umfeld oder auch „biologische“ Stressoren) in komplementärer Wirkung die Krankheitsmanifestation bedingen.
Ein weiteres Postulat ist dies, daß die Disposition nicht notgedrungen zeitstabil ist, sondern daß resultierende Fehlanpassungen eine Eigendynamik entwickeln können, die über sogenannte „intermediäre“ Stadien (Nuechterlein, 1987) zu einer immer schwereren Pathologie bis hin zur Krankheitsmanifestation führen können.
Die Begriffe „Vulnerabilität“ und „Diathese“ bezeichnen zwei Abstufungen in eines dispositionellen Kontinuums (vgl. Hoff, 2000, S. 37).

Die soziale Lerntheorie der Persönlichkeitsstörungen von Millon (1990):

Sie bewegt sich inhaltlich zwischen den Anschauungen der Klinischen Psychologie und der Verhaltenstherapie. Zugleich macht Millon zur Ausarbeitung seiner Theorie zahlreiche Anleihen bei (empirisch begründeten) psychoanalytischen Konzepten. Seinen Auffassungen zufolge hängt die normale und die gestörte Entwicklung der Persönlichkeit von den Einflüssen dreier Faktorenbündel ab (nach Fiedler, 1994, S. 138 f):

  • grundlegende biologische Faktoren, diese sind unterteilt in
    • hereditäre Voraussetzungen und
    • pränatale Einflüsse
  • biologische Umgebungsfaktoren, womit die spezifischen Einflüsse über- oder unterstimulierender Erziehung auf drei postulierte Entwicklungsphasen gemeint sind.
    Danach bestehen phasenabhängig folgende Risiken für Fehlentwicklungen:

    • sensory-attachment stage (Geburt – 18. Lebensmonat)
      –> interpersonelle Unsicherheiten im Bereich Abhängigkeit vs. Unabhängigkeit
    • sensorimotor-autonomy stage (12. Lebensmonat – 6. Lebensjahr)
      –> Selbstunsicherheit, Passivität und Unterwürfigkeit vs. übersteigerte Selbstdarstellung, soziale Unangepaßtheit und Narzißmus
    • intracortical-initiative stage (4. Lebensjahr – Adoleszenz)
      –> Mangel an Selbstdisziplin, Neigung zu impulsiven Handlungen vs. Ausbildung eines rigiden, selbsteinschränkenden und zwanghaften Persönlichkeitsmusters
  • kontextuelle Umgebungsfaktoren im Sinne einer Überformung der genannten biologischen Voraussetzungen und der entwicklungspsychologischen Gegebenheiten durch Lernfaktoren, die sich durch drei lerntheoretische Konzepte beschreiben lassen:
    • das Gleichzeitigkeits-Lernen (Klassisches Konditionieren)
    • das instrumentelle Lernen (operantes Konditionieren)
    • das Modell-Lernen

Zur Ausbildung von Persönlichkeitsstörungen tragen drei wesentliche pathogene Lernmuster bei:

  • sich wiederholende positive Bekräftigung maladaptiven, selbst-schützenden Verhaltens
  • sich wiederholende negative Bekräftigung maladaptiven, selbst-schützenden Verhaltens (Vermeidungslernen)
  • das Entstehen von Verhaltenslücken durch Nicht-Lernen
Kognitionstheoretische Erklärungsansätze:

Hier ist die jüngste, umfassende Analyse der Persönlichkeitsstörungen durch Beck und Freeman (1990) zu erwähnen.
Wie auch die Lerntheorie Millons basiert auch dieses Konzept auf dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell und damit auf der Auffassung, daß genetische, biologische und soziale Faktoren bei der Genese der Störungen zusammenwirken. Es gibt auch Ähnlichkeiten mit den psychoanalytischen kognitiven Konzepten Shapiros (1965).
Interessanterweise halten die Autoren die Persönlichkeitsstörungen für fundamental wichtig für das Verständnis sämtlicher anderen psychischen Störungen.

Grundlegend für die kognitive Erklärungsperspektive ist ein Kreisprozess zwischen Vulnerabilität, Schutz durch Vermeiden und Verfestigung durch Ausbildung maladaptiver „kognitiver Schemata“.
Kognitive Schemata bewirken eine von der ursprünglichen Diathese zunehmend unabhängige „Verzerrung“ interpersoneller Erfahrungen. Aus einer ursprünglichen konstitutionellen „Empfindlichkeit“ wird zunehmend eine vermeintliche, kognitive Vulnerabilität.
Die beobachtbaren „Traits“ und die resultierenden interpersonellen Muster sind somit im Rahmen der kognitiven Theorie als Funktion einer Reihe grundlegender „kognitiver Schemata“ aufzufassen.

M. Linden (2000) gibt eine Zusammenstellung dieser Schemata für einzelne Persönlichkeitsstörungen:

  • bei der paranoiden Persönlichkeitsstörung: „Jeder denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wer nicht auf der Hut ist, wird hereingelegt“;
  • bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung könnte ein typischer Kernsatz lauten: „Beziehungen führen immer zu Problemen“;
  • bei der dissozialen Persönlichkeitsstörung könnte ein Leitsatz lauten: „Jeder ist sich selbst der nächste“;
  • bei der impulsiven Persönlichkeitsstörung könnte das Problem beispielsweise darin bestehen, daß Ereignisse in ihrer Bedeutung magnifiziert werden, d.h. daß aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird und dann eine entsprechende Reaktion erfolgt“;
  • bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird eine Störung im Selbstbild angenommen. Dazu gehört die Unfähigkeit, sich auch in Beziehungen mit anderen einordnen zu können, sei es als liebenswert oder verachtungswürdig;
  • bei der histrionischen Persönlichkeit steht eine Selbstbeschreibung der eigenen Grandiosität im Vordergrund;
  • bei der anankastischen Persönlichkeit steuern „Muß-Sätze“ das Verhalten;
  • bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung stehen antizipatorische Erwartungen von negativen Konsequenzen eigenen Verhaltens im Vordergrund
  • bei der abhängigen Persönlichkeitsstörung findet sich eine Selbstbeschreibung der eigenen Insuffizienz und Minderwertigkeit bei gleichzeitiger überhöhter Bedeutungszumessung an andere Personen

Ergebnisse zur Clusterforschung

Die amerikanische Psychiatrielehre empfiehlt, Persönlichkeitsstörungen in drei Übergruppen aufzuteilen, die „Cluster“ A, B und C. Diese Einteilung ist kategorial. Es wird also aufgrund des Vorhandenseins oder Nicht-Vorhandenseins definierter Merkmale festgestellt, ob ein Mensch diese oder jene Persönlichkeitsstörung hat oder nicht hat. Die „cut-off-Points“ sind dabei eben mehr oder weniger willkürlich vorher festgelegt worden. Im Gegensatz dazu werden in anderen Ansätzen fliessende Übergänge (ein Kontinuum resp. Dimensionen) zwischen normal und gestört einerseits und zwischen einzelnen Persönlichkeitsstörungen andererseits postuliert. Diese Art der Erfassung heißt dimensional.

Bei der Zuordnung einer Persönlichkeitsstörung zu einem bestimmten Cluster greift man entsprechend dem kategorialen Prinzip zurück auf das sogenannte Prototypen-Modell. Prototypen sind Idealtypen, die das jeweilige Cluster im Kern charakterisieren.

Die nachfolgenden Forschungsergebnisse und die umfangreichen Literaturhinweise zu den einzelnen Studien werden referiert nach Bronisch (2000, S. 1537 ff)

Cluster A

Dieses Cluster umfaßt die schizoide, die paranoide und die schizotypische Persönlichkeitsstörung. Gemeinsame Persönlichkeitszüge sind

  • eingeschränkte Emotionalität
  • sozialer Rückzug
  • Mißtrauen gegenüber anderen
  • Verschrobenheit
Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien:
  • Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie:
    • In Familienstudien fanden sich keine Hinweise für eine familiäre Häufung von Schizophrenie bei den Angehörigen von Patienten mit paranoider oder schizoider Persönlichkeitsstörung (Dahl, 1993).
      Umgekehrt wurde die schizotypische Persönlichkeitsstörung definiert wegen eines gehäuften Auftretens von Persönlichkeitsstörungen bei Verwandten von Schizophreniepatienten (Kendler et al., 1993)
    • In der New Yorker High-Risk-Study von Erlenmeyer-Kimmling et al. (1995), bei der jeweils die Kinder von Eltern mit Schizophrenie, affektiver Störung oder ohne Störung über > 30 Jahre hinweg auf das Auftreten einer Schizophrenie, einer schizoaffektiven Psychose oder affektiven Psychose sowie Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen untersucht wurden, wurden Cluster-A-Persönlichkeitsstörungen gehäuft in Familien der schizophrenen Patienten sowie der affektiv gestörten Patienten vor.
    • In der Kopenhagener High-risk-Studie, in der 207 Kinder von Müttern mit Schizophreniediagnose über 30 Jahre nachuntersucht wurden, entwickelten 21,3% der Kinder eine Cluster-A-Persönlichkeitsstörung (Parnas et al., 1993)
  • schizotypische P. und Schizophrenie:
    • Die schizotypische Persönlichkeitsstörung ist definiert nach ihrem gehäuften Auftreten bei Verwandten von schizophreniepatienten (Kendler et al., 1985)
      • Die Roscommon Family Study, in deren Rahmen in Irland 534 Probanden eines psychiatrischen Fallregisters und 2043 Familienangehörige untersucht wurden diente der Klärung familiärer Beziehungen zwischen verschiedenen Persönlichkeitsstörungen einerseits und psychotischen Störungen andererseits.
        Im Ergebnis wiesen Verwandte von Probanden mit Schizophreniediagnose eine hochsignifikante Häufung von schizotypischer Persönlichkeitsstörung auf, dagegen eine nur mäßig signifikante Häufung paranoider, schizoider und vermeidender Persönlichkeitsstörungen (Kendler et al., 1993)
      • In Familienstudien von Torgersen et al. (1993), bei denen 176 Verwandte 1. Grades von Schizophreniepatienten und 101 Verwandte 1. Grades von Patienten mit Major depression untersucht wurden, fanden sich in den Familien der schizophrenen Patienten gehäuft schizotypische Persönlichkeitsstörungen, in den Familien der Pat. Mit Major depression dagegen gehäuft histrionische Persönlichkeitsstörungen.
    • In methodisch aufwendigen dänischen Adoptionsstudien zur Frage der Vererbung von Schizophrenie und Schizophreniespektrumerkrankungen wurde neben der Erblichkeit der Schizophrenie eine genetische Beziehung zwischen DSM-III-Schizophrenie, schizoaffektiver Psychose und schizotypischer Persönlichkeitsstörung gefunden (vgl. Kender et al., 1994)
  • Studien zur Erblichkeit der schizotypischen Persönlichkeitsstörung:
    • Bei der Gesamtsicht aller existierenden 9 Familienstudien von Patienten mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung fand sich eine familiäre Aggregation der schizotypischen Persönlichkeitsstörung (Dahl, 1993)
    • Es gibt nur eine Zwillingsstudie zur schizotypischen Persönlichkeitsstörung, bei der monozygote Zwillinge der Patienten zu 33% und dizygote Zwillinge lediglich zu 4% ebenfalls diese Diagnose aufwiesen (Torgersen, 1984)
Studien zur Morphologie

Im Gegensatz zu Patienten mit Borderline-Störung wiesen schizotypische Nachkommen schizophrener Patienten eine erniedrigte ventricular-to-brain-ration (VBR) im Schädel-CT auf (Schulsinger et al., 1984)

Studien zur Physiologie

Berichtet wird über Augenbewegungsstörungen im Sinne kurzer Sakkaden und Sprünge bei der Blickfolgebewegung, die sich bei 52-68% chronisch schizophrener Patienten finden. Demgegenüber weisen nur 21% der nichtpsychotischen psychiatrischen Patienten und 6-8% der Normalbevölkerung solche erscheinungen auf. Anscheinend spiegeln die ABS die Unfähigkeit, unwillkürlich die Aufmerksamkeit zu fokussieren.
Es finden sich Assoziationen von ABS mit

  • Schizophrenie sowie mit der schizotypischen Persönlichkeitsstörung, nicht jedoch mit anderen Persönlichkeitsstörungen (Siever et al., 1994) sowie mit
  • Positiver Familienanamnese mit Schizophrenieerkrankung (Thaker et al., 1996).
Neurophysiologische Abweichungen

Auditorische P3-evozierte Potentiale sind bei Schizophrenen anomal, ebenso bei 50% der Verwandten 1. Grades, aber auch bei Borderline-Störuingen mit oder ohne schizotypische Persönlichkeitszüge (Kutscher et al., 1987).
Die P3-Welle ist eine späte akustische Antwort, die hervorgerufen wird, wenn ein Probant in spezifischer Weise auf unvorhersehbare Stimuli reagieren muß.

Studien zur Biochemie

Hier werden beschrieben eine Erniedrigung der Thrombozyten-Monoaminooxidase bei Schizophrenen und deren Familienangehörigen (Baron et al., 1983). Im Gehirn geht eine Erniedrigung der MAO mit einer erhöhten Verfügbarkeit von Dopamin in der Synapse einher. Eine Korrelation zwischen dem Gehalt an MAO in Thrombozyten und im Gehirn ist allerdings nicht gesichert (Weston und Siever, 1993).
Sowohl bei Patienten mit akuter Schizophrenie (van Kammern et al., 1986), als auch mit schizotypischer Persönlichkeitsstörung (Siever et al., 1993) wurden erhöhte Konzentrationen von Homovanillinessigsäure (HVA) im Liquor gefunden. Die Höhe der Konzentration korrelierte bei den Untersuchungen Sievers mit den psychosenahen Symptomen der schizotypischen Persönlichkeitsstörung. Die gleiche Abhängigkeit fanden Siever et al. Bei der Messung der HVA im Plasma (Weston und Siever, 1993).
Amphetamin führt zur Freisetzung von Dopamin und Noradrenalin und dadurch zu einer Exazerbation psychotischer Symptome bei Schizophrenen (Janowsky et al., 1973). Patienten mit einer kombinierten Borderline- und schizotypischen Persönlichkeitsstörung reagierten in einer anderen Studie auf Gabe von Amphetamin mit Ausbildung kognitiver Störugnen (Schultz et al., 1988).

Cluster B

Dieses Cluster umfaßt die Borderline-, die histrionische, die antisoziale und die narzißtische Persönlichkeitsstörung. Untersucht sind v.a. die

  • Borderline-Persönlichkeitsstörung und die
  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung
Borderline-Persönlichkeitsstörung

Entgegen älteren Untersuchungen (Gunderson und Elliott, 1985) deuten neuere Arbeiten (Gunderson und Phillips, 1991) darauf hin, daß zwischen Borderline-Störung und affektiven Störungen nur eine unspezifische und schwache Verbindung besteht.

Studien zur Genetik

In der bereits oben zitierten Roscommon-Family-Study wurde die Diagnose der Borderline-Störung insgesamt selten gestellt und trat mit nur mäßiger Häufung in den Familien von Probanden mit affektiver Störung auf.

Studien zur Morphologie

Bei Untersuchungen des cerebralen Glucosestoffwechsels mittels Positronenemissionstomographie (PET) bei Patienten mit unterschiedlichen Persönlichkeitsstörungen, fand sich eine inverse Korrelation zwischen der regionalen metabolischen Glukoserate im frontalen Kortex und impulsiver Aggressivität in der Biographie der Betreffenden. Patienten mit Borderline-Störung oder antisozialer Persönlichkeitsstörung wiesen gegenüber einer Kontrollgruppe eine signifikante Erniedrigung des frontalen Glucosemetabolismus auf (Goyer et al., 1994).

Studien zur Physiologie
  • Schlafforschung:
    • Die REM-Latenzen sind bei Borderline-Patienten ähnlich verkürzt wie bei Patienten mit Major depression (Weston und Siever, 1993)
    • Verkürzte REM-Latenz korreliert darüber hinaus offenbar mit psychopathologischen Auffälligkeiten in den Ursprungsfamilien von Borderline-Patienten (Reynolds et al., 1985).
  • Elektrophysiologie:
    • Andrulonis et al. (1981) fanden eine Beziehung zwischen Borderline-Persönliochkeitsstörung und EEG-Dysrhythmien
    • Nachfolgeuntersuchungen stellten eine solche Beziehung nur mit Boderline-Störungen mit Angstsymptomen, nicht aber für solche mit depressiven oder vorübergehenden psychotischen Zuständen fest (Cornelius et al., 1988)
Studien zur Biochemie

Bei Borderline-Patienten, die gleichzeitig eine affektive Störung zeigen, bleibt ein Dexamethasonsuppressionstest (DST) unwirksam (Siever et al., 1986).
Obgleich der Thyreotropin-Releasing-Hormon-(TRH-)Test als Marker für depressive Störungen gilt, zeigten bei Untersuchungen von Loosen und Prange (1982) nur 25% der depressiven Patienten einen abgeschwächten TSH-Response auf TRH-Gabe. Demgegenüber fand sich die deutlichste Abschwächung bei Borderline-Patienten mit zusätzlicher affektiver Störung (Garbutt et al., 1983).
Nach Lester (1995) werden erniedrigte Werte von 5-Hydroxyindolessigsäure (HIAA) im Liquor bei Patienten mit impulsivem und aggressivem Verhalten gefunden. In 2 Studien zu einer Patientengruppe mit Persönlichkeitsstörungen, unter denen sich auch solche mit Borderline-Störung befanden, korrelierten erniedrigte Werte des Serotoninabbauproduktes mit suizidalem Verhalten (Brown et al., 1982).
Provokationsstudien mit Fenfluramin, einem 5-Hydroxytryptamin- (5-HT-) Agonist, zeigten bei Borderline-Patienten einen verminderten Prolaktin-Response im Vergleich zu Kontrollpersonen, wobei die verminderte Response mit impulsiver Aggressivität korrelierte, nicht dagegen mit dem Schweregrad der depressiven Verstimmung. Dies bestätigt Auffassungen, denen zufolge das zentrale 5-HAT-System mit der Unterdrückung von impulsivem und aggressivem Verhalten in Verbindung gebracht wird (Gray, 1982; Coccaro et al., 1994).
Anders als Borderline-Patienten, die zusätzlich an einer schizotypischen Störung leiden und welche (wie oben bereits referiert) auf Gabe von Amphetaminen mit Produktionj psychotischer Symptome und Entwicklung kognitiver Störungen entwickelten, reagierten Patienten mit solitärer Borderline-Störung auf Amphetamingabe mit einer Verbersserung der kognitiven und Wahrnehmungsfunktionen (Schultz et al., 1985, 1988).

Studien zu psychosozialen Risikofaktoren

Im Gegensatz zu Patienten mit anderen Persönlichkeitsstörungen erlitten Borderline-Patienten in Studien signifikant häufiger in ihrer Kindheit

  • sexuellen Mißbrauch
  • körperlichen Mißbrauch
  • schwere körperliche Vernachlässigung und
  • körperliche Gewalt in der Familie
    (Herman et al., 1989; Paris et al., 1994 a, b)
Antisoziale Persönlichkeitsstörung

Viele der zu zitierenden Studien beziehen sich auf feststellbares kriminelles Verhalten und nicht auf die Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung. In solchen Fällen wird dann der Begriff „Psychopathie“ gebraucht, wenn kriminelles Verhalten gemeint ist.

Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien

Studien zur Erblichkeit:

  • Untersuchungen von Cloninger et al. (1975) zur Klärung der genetischen Disposition zur Psychopathie und Kriminalität mit Hilfe von Familiendaten führten zu der Hypothese, daß Hysterie und Psychopathie lediglich geschlechtsabhängige Manifestationen ein- und derselben zugrundeliegenden Disposition seien.
  • Nach Cadoret und Stewart (1991) lassen Adoptionsstudien mit einer Ausnahme eine genetische Basis antisozialen Verhaltens vermuten.
  • In einer Aggregation von 7 der insgesaamt 12 Zwillingsstudien zur Genetik der Kriminalität fanden McGuffin und Gottesman (1984) Konkordanzraten von 51% bei eineiigen Zwillingen gegenüber 22% bei zweieiigen Zwillingen
  • Coccaro et al. (1993) befragten 500 Zwillingspaare mittels Persönlichkeitsfragebögen in der Absicht, die Bedeutung genetischer Faktoren vs. Umweltfaktoren für die Merkmale Impulsivität und Reizbarkeit zu ermitteln. Die statistische Auswertung zeigte eine größere Vereinbarkeit mit genetischen Faktoren.
  • Mögliche Zusammnhänge zwischen Chromosomenaberrationen (XYY) und Psychopathie können noch nicht abschließend beurteilt werden (Goldman et al., 1993)

Antisoziale Persönlichkeit und andere Störungen:

  • Goldman et al. (1993) stellten in den Familien von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung 7 mal häufiger die Diagnose einer antisozialen Persönlichkeitsstörung als in Kontrollfamilien.
  • Familien- und Adoptionsstudien deuten auf einen genetischen Zusammenhang zwischen „attention deficit hyperactivity disorder“ (ADHD), antisozialer Persönlichkeit und Alkoholismus hin (Cantwell, 1972).
Studien zur Morphologie

Es gibt immer wieder Hinweise für wechselseitige Beziehungen zwischen hirnorganischen Schädigungen oder Abnormitäten und Verhaltensauffälligkeiten resp. Psychopathischem und delinquentem Verhalten (Yeudall, 1977). Dies gilt auch für die „soft signs“ nach frühkindlichen Hirnschädigungen im Gefolge von Geburtskomplikationen. Im Rahmen einer Studie untersuchten Raine et al. (1996) 397 Männer, bei denen Geburtskomplikationen und motorische Defizite im ersten Lebensjahr bestanden und bei denen Verhaltensauffälligkeiten im Alter von 17-19 Jahren erfaßt worden waren. Als unabhängige Variable galt Kriminalität im Alter von 20-22 Jahren. Raine fand eine hohe Korrelation zwischen Gewalttätigkeit, Kriminalität und beruflichen und Verhaltensauffälligkeiten einerseits, und frühen motorischen Defiziten und instabilen Familienverhältnissen andererseits.

Neuropsychologische Studien
  • es scheint Zusammenhänge zwischen antisozialem Verhalten und einer Schädigung der linken Hemisphäre im frontotemporalen Bereich zu geben (Yeudall, 1977)
  • bei aggressiven Kriminellen deuten Studien auf eine fehlende Differenzierung zwischen linker und rechter Hemisphäre, was zu einer Unfähigkeit führt, kognitive Strategien unter Einschluß der Sprache zu verwenden (Schalling, 1978)
  • andererseits können die bei neuropsychologischen Testungen auftretenden kognitiven Defizite als Ausdruck eines impulsiven Verhaltens interpretiert werden, wobei sie dann auf Defekte im frontotemporalen Bereich und den damit verbundenen Kontrollverlust zurückzuführen wären (Fenwick et al. (1983)
Studien zur Physiologie
  • Neurophysiologische Abweichungen:
    • Schon 1954 fand Ellingson in einer Übersicht von 13 EEG-Studien von Psychopathen in 31-58% der Fälle EEG-Abnormitäten, unter anderem auch „slow wave“-Aktivität im Temporallappen (vgl. auch Hill, 1963).
    • Andere Studien konnten Korrelationen von Abnormitäten des EEG im Temporallappenbereich und aggressivem Verhalten bestätigen, so etwa zwischen hohen Werten auf der Aggressivitätsskala des MMPI und einer posterioren temporalen „Slow-wave“-Aktivität (Howard, 1984).
  • Psychophysiologische Studien:
    • Hare (1978 a) konnte frühe Studien, denen zufolge die Hautleitfähigkeit von Psychopathen gegenüber Kontrollpersonen erniedrigt sei, nicht replizieren.
    • In einigen Studien fand sich eine Dissoziation von langsamem Anstieg der Hautleitfähigkeit und stärkerem Anstieg der Herzfrequenz in Antizipation aversiver Stimuli (Raine und Venables, 1988). Die Dissoziation wurde als Copingmechanismus interpretiert, der die Auslösung von Fluchtreaktionen verhindern soll.
    • Ogloff und Wong (1990) stellten eine derartige Dissoziation nur dann fest, wenn aversive Stimuli nicht vermieden werden konnten
    • Psychopathen sind offenbar in der Lage, zugunsten sie interessierender Stimuli Warnhinweise zu ignorieren (Jutai u. Hare, 1983)
    • Studienergebnisse mit evozierten Potentialen deuten auf ein vermehrtes „sensation seeking“ bei den visuell evozierten Potentialen, auf ein vermehrtes „Informations-processing“ bei den akustisch evozierten Potentialen (Raine, 1989).
Studien zur Biochemie

Die inverse Beziehung zwischen 5-HIAA- Konzentration im Liquor und Aggressivität und Delinquenz ist inzwischen in 14 Studien belegt (Virkkunen et al., 1994).
Die MAO-Aktivität der Thrombozyten hat vermutlich über eine schwache Assoziation mit 5-IHAA im Liquor eine negative Korrelation mit Psychopathie-typischen Persönlichkeitseigenschaften wie sensation seeking und Impulsivität (Schalling et al., 1987).
Ebenso besteht eine inverse Beziehung zwischen Prolaktinresponse auf Fenfluramin und Impulsivität bzw. Aggressivität (Coccaro et al., 1989).

Studien zu psychosozialen Risikofaktoren

Die wichtigsten Prädiktoren für die spätere Vergabe der Diagnose „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ sind

  • antisoziales Verhalten des Vaters (Robins, 1966)
  • körperlicher Mißbrauch in der Kindheit (Pollock et al., 1990) und
  • Alkoholabhängigkeit der Eltern (Pollock et al., 1900)

Die typische Familienstruktur der Kinder, die später eine antisoziale P. entwickeln ist gekennzeichnet durch

  • Mangel an Disziplin
  • Fehlende Aufsicht der Eltern
  • Trennung oder Verlust eines Elternteils (Robins, 1966)

Die Prävalenz der antisozialen Persönlichkeitsstörung ist am häufigsten bei männlichen Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten.

Cluster C

Das Cluster C umfaßt die ängstliche, die abhängige, die anankastische und die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung.
Eine Verwandtschaft dieses Clusters mit Angststörungen ist wahrscheinlich (Bronisch, 1995), aber, abgesehen von der gesicherten Verbindung zwischen ängstlicher Persönlichkeitsstörung und sozialer Phobie (Bronisc und Klerman, 1991), empirisch bislang nicht belegt.

Es gibt bislang nur eine Familienstudie mit Fragebogen zur Erfassung der DSM-III-R-Kriterien von Reich (1989, a, b), die höhere Prävalenzraten in der Verwandtschaft 1. Grades von Patienten im Vergleich zur Verwandtschaft gesunder Kontrollprobanden ergab.

Zusammenfassung der Ergebnisse der Clusterforschung

Cluster A:

  • das exzentrische Cluster findet sich gehäuft in Familien Schizophrener
  • die schizotypische Störung hat vermutlich eine genetische Beziehung zur Schizophrenie
    –> Das wird auch bei biologischen Korrelaten deutlich

Cluster B:

  • Hinweise für teilweise genetische Grundlage der Boderline- und der antisozialen Störung
  • Nach Cloninger (1975) führt die gleiche zugrundeliegende Disposition bei
    • Männern zu Psychopathie bzw. Kriminalität
    • Frauen zu Hysterie bzw. Borderline-Störungen
  • Eine wichtige Rolle bei der Pathogenese der Borderline-Störung spielen
    • Frühkindliche Hirnschädigungen
    • Suchterkrankungen in den Ursprungsfamilien
    • Vernachlässigung
    • Sexueller Mißbrauch
  • eine weniger wichtige Rolle für die Entstehung spielen affektive Störungen
  • als die dem Cluster B zugrundeliegende Störung werden angesehen
    • eingeschränkte Impulskontrolle
    • impulsives und aggressives Verhalten (erniedrigtes 5-HIAA im Liquor)
    • kognitive Defizite im Sinne einer gestörten Informationsverarbeitung
  • für die antisoziale P. wurde gefunden:
    • eine Dissoziation von Anstieg der Hautleitfähigkeit und Anstieg der Herzrate unter aversiven Stimuli à Verhinderung der Fluchtreaktion? Die Patienten scheinen in der Lage zu sein, Warnhinweise zugunsten von für sie interessanten Stimuli ignorieren zu können (Jutai und Hare, 1983).

Cluster C:

  • es gibt zu wenig Studien
  • problematisch bleibt die Abgrenzung zwischen Persönlichkeitszügen und Symptomen der Ängstlichkeit (Bronisch, 1995)