Zur Geschichte der psychoanalytischen Charakterologie

nach S.O.Hoffmann (1979): Charakter und Neurose

Inhalt

Einführung

Charakterologie ist lange Zeit ein Stiefkind der Psychoanalyse gewesen, insbesondere deshalb, weil sich ihre Theorie an der Beobachtung von Symptomneurosen entwickelte. Bis heute gibt es keine allgemeinverbindlichen Vorstellungen darüber, was Charakter bzw. was Charakterstörungen sind. Mit Arbeiten zur psychoanalytischen Charakterologie verbinden sich u.a. folgende Namen:

  1. in den Anfängen: S. Freud, W. Reich und O. Fenichel, aber auch K. Abraham, A. Freud, E. Fromm, K. Horney, H. S. Sullivan u.a.
  2. später, im Zuge der Entwicklung der Ich-Psychologie, Selbstpsychologie und der Objektbeziehungstheorien waren es eine Vielzahl von Autoren, die die Vorstellungen über den Charakter aus ihrer Perspektive bereichert haben, so etwa H. Hartmann, H. Nunberg, M. Gitelson, A.F. Valenstein, E. Prelinger und C.N. Zimet, E. Jacobson, F. Wyatt, B. A. Green, O. Kernberg, D. Rapaport u.v.m.

Ein grundsätzliches Problem ist es, ob man eher den

  • strukturellen Aspekt, also die Charakterstruktur (wie z.B. Anna Freud oder die Neopsychoanalyse um Schultz-Hencke) oder den
  • dynamischen
    • plastischen, anpassungsfähigen (wie etwa Fromm, Horney und Sullivan) oder
    • konflikthaften (z.B. Freud und Fenichel)

Aspekt betont (vgl. Hoffmann, S. 23/24).

Es macht nach Hoffmann Sinn,

„strukturbezogene (allgemeine/adaptive) und konfliktbezogene (spezielle/dynamische) Aussagen als gleichwertige Bestandteile des psychoanalytischen Charakterkonzepts aufzufassen.“

Holzman hat 1970 versucht, die zeitgenössische Auffassung der meisten Psychoanalytiker zusammenzufassen:

„Sie halten den Charakter einer Person für mehr als die Folge von Triebkonflikten. Beeinflußt von der Sicht A. Freuds, Hartmanns und Eriksons erkennen sie an, daß zwar viele Aspekte des Charakters aus Konflikten entstehen und auch weiterhin Abwehrfunktionen dienen können, daß aber darüber hinaus der Charakter eine allgemeine adaptive Funktion zu haben scheint. Charakter – in diesem Sinne – würde Konsistenz über die Zeit hinweg für den typischen Stil bedeuten, mit dem eine Person ihre Möglichkeiten, Begabungen, Neigungen, ihr Denken und Handeln und ihren Affektausdruck einsetzt.“

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Klärung der Terminologie

Grundsätzliches Problem der psychoanalytischen (wie auch anderer) Charakterkonzepte ist deren „Pathophilie“, die daher rührt, daß sich die Beschäftigung mit Charakter aus der Beschäftigung mit Symptomen herleitete und die Terminologie weitgehend der der Symptomneurosen entspricht.

Die terminologische Abgrenzung wird noch komplizierter dadurch, daß ein Charakter auch dann pathologisch sein kann, wenn der Betreffende keine Symptome zeigt, ja selbst dann, wenn kein Leidensdruck vorliegt. Es ergibt sich daraus ein die ganze psychoanalytische Charakterologie durchziehendes Phänomen:

„die ständige wechselseitige Beziehungssetzung zwischen gesunder und kranker Persönlichkeit einerseits und die Gleichstellung von Störungen mit Symptomen und solchen ohne Symptome andererseits.“ (Hoffmann, S. 26)

Zur Unterscheidung von Charakter und Symptom bietet sich die bekannte dynamisch-ichpsychologische Methode an, nämlich das Kriterium der Ich-Dystonie und Ich-Syntonie:

„Das Symptom ist im Erleben ichfremd, ichdyston, während der Charakter (neurotisch oder nicht-neurotisch) ichgenehm, ichsynton ist.“ (Hoffmann, S. 26)

In einer spezielleren Betrachung sind nach Hoffmann „den meisten psychoanalytischen Ansätzen“ drei Sichtweisen zum Verhältnis von (Symptom-) Neurose und Charakter implizit:

  1. Charakter als Alternative zur Neurose
  2. Charakter als Parallele zur Neurose
  3. Charakter als Basis der Neurose

Erläuterungen:

zu 1: anstelle einer Neurose bildet sich „aus den triebpsychologisch, ichpsychologisch, objektbezogen oder anders beschreibbaren Entwicklungskonflikten“ der Charakter, so daß seelische Gesundheit vorliegt.

zu 2: „Die Konflikte werden ebenfalls ichsynton verarbeitet, das Ergebnis ist jedoch individuell und sozial unzureichend. Die (ichsyntonen) Symptome der sich parallel entwickelnden Neurose werden in jedem Stadium charakterlich integriert, rationalisiert, ichsynton gemacht. Das Ich erleidet Verzerrungen. Es entsteht ein neurotischer Charakter oder eine Charakterneurose.“

zu 3: nach Hoffmann ist dies die bekannteste Betrachtungsweise. So z.B. Schwidder (1958), zit. nach Hoffmann: „Als grundlegende Voraussetzung für das Auftreten neurotischer Symptome (ist) die Entstehung der neurotischen Charakterstruktur anzusehen“

Zuletzt ergibt sich noch eine notwendige Unterscheidung zwischen Charakterneurose und neurotischem Charakter

„Ich unterscheide ein symptomloses (-armes) Bild, unter dem sein Träger leidet und das die Sonderform einer Neurose ist. Diese Störung bezeichne ich als Charakterneurose. Sie ist eine Krankheit im Sinne der psychoanalytischen Nosologie. Ein ebenfalls symptomloses Bild, bei dem sein Träger aber kein Leiden verspürt und kein Interesse an einer Behandlung zeigt, grenze ich demgegenüber als neurotischen Charakter ab. Es ist unschwer zu sehen, daß der Psychopathie-Begriff sich eher dem so definierten neurotischen Charakter zuordnet und mit Charakterneurose wenig zu tun hat.“ (Hoffmann, 1979)

Hoffmann erkennt in der Entwicklung der psychoanalytischen Charakterologie folgende drei Linien:

  1. Die „Entwicklung des psychoanalytischen Charakterbegriffes“ ist „die von einem ursprünglich triebbezogenen hin zu einem allgemeinen Prinzip der Funktion von Ich und Selbst.“
  2. Bereits bei S. Freud vollzieht sich die Auffassung von Charakter und dem Einfluß dreier Wandlungsparameter:
    a) Dem Wandel von der Triebpsychologie zur Ichpsychologie
    b) Der Ausweitung der Theorie von der Individualpsychologie zur Sozialpsychologie
    c) Dem Übergang von der Psychopathologie zur allgemeinen Psychologie
  3. Alle Arbeiten über Charakter lassen sich unter fünf Rubriken einordnen:
    1. Charakter als Triebschicksal: Die genetische Charakterologie
      Bs.:

      • „Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unveränderte
        Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen derselben oder Reaktionsbildungen gegen sie.“ (S. Freud 1908)
      • „Es genügt uns, von dem Charakter auszusagen, er umfasse die Gesamtheit der triebhaften Reaktionen des einzelnen auf das Gemeinschaftsleben.“ (K. Abraham 1925)
    2. Charakter als Folge und Weise der Auseinandersetzung des Ichs mit Trieb,
      Gewissen und Realität
      Bs.:

      • „Charakter ist (formal) die typische Reaktionsweise des Ichs auf das Es und die Außenwelt.“ (W. Reich 1929)
      • „Der Charakter des Individuums ist das festgelegte Verhältnis des Ichs zum Es auf der einen und zum Über-Ich auf der anderen Seite.“ (A. Freud 1936)
      • „Eine weitere Gruppe von Funktionen, die wir dem Ich zuschreiben, ist der sogenannte Charakter des Menschen.“ (H. Hartmann 1950)
      • „Der Charakter ist eine Verbindung, besser eine Synthese, vieler Züge, Gewohnheiten und Einstellungen des Ich.“ (H. Nunberg 1956)
    3. Charakter als Folge und Weise der Auseinandersetzung des Ichs mit den
      sozialen Objekten
      Bs.:

      • „Einiges, was diesen Charakter schafft, haben wir schon erhascht. Vor allem die Einverleibung der frühen Elterninstanz als Über- Ich, wohl das wichtigste, entscheidende Stück, sodann die Identifizierung mit beiden Eltern der späteren Zeit und anderen einflußreichen Personen und die gleichen Identifizierungen als Niederschläge aufgelassener Objektbeziehungen.“ (S. Freud 1933)
      • „Alle Formen von Ich-Identifizierungen führen zur Entwicklung
        charakteristischer, individueller Ich-Haltungen.“ (E. Jacobson 1964)
      • „Der Charakter regelt also das Verhalten des Menschen zu seinen Liebes- und Haßobjekten.“ (M. Balint 1932)
      • „Die charakterliche Struktur ist erstarrter soziologischer Prozeß einer bestimmten Epoche.“ (W. Reich 1933)
    4. Charakter als Folge und Weise des Erlebens und der Darstellung des Selbst
      Bs.:

      • „Selbstachtung, Selbstakzeptieren, Selbstgefühl, Selbstrespekt stellen offenbar eine wesentliche organisierende Bedingung der Charakterbildung dar.“ (F. Wyatt 1957)
    5. Charakter als Folge und Weise der allgemeinen (nicht konflikthaften)
      Funktion des Ichs
      Bs.:

      • „Wir haben es hier mit quasi-stabilen kognitiven Organisationen zu tun, die verschiedene Kognitionswerkzeuge oder -mechanismen einsetzen und ihrerseits selbst organisierte Mittel der Kognition sind.“ (D. Rapaport 1957)

     

    „Es kann wenig Zweifel daran geben, daß solche kognitiven Organisationen zu jenen habituellen Formen der Anpassung unbedingt beitragen, auf die sich die Definitionen des Charakters beziehen.“ (E. Prelinger und C. N. Zimet 1964)

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Die Anfänge der psychoanalytischen Charakterologie bei den Pionieren Freud, Reich und Fenichel

Der Charakterbegriff bei Sigmund Freud

Freuds Auffassungen über Charakter finden sich über das Gesamtwerk verstreut. Überhaupt war er offenbar wenig informiert über die psychologischen Erkenntnisse seiner Zeit. Jones (1960): „Das wenige, das er wußte, hatte er offenbar vom Hörensagen…Er verfügte nicht einmal über die bescheidene psychologische Ausbildung seiner Zeit.“

Nach Hoffmann (1979) lassen sich jedoch in Freuds Werk bei Zusammenfassung seiner Äußerungen insgesamt drei Konzeptionen von Charakter finden, die auf folgende Formeln gebracht werden können:

  1. Charakter ist Gedächtnis (1900)
  2. Charakter ist Triebschicksal (1905/1908)
  3. Charakter ist Folge der Identifizierungen (1923)

Freud betrachtet durchweg Charakter als „Parallele zum Symptom“.

Charakter als Gedächtnis

Bereits auf den letzten Seiten der Traumdeutung kommt jedoch ein dynamischer Aspekt dazu, der seither die psychoanalytischen Charaktertheorien von allen anderen unterscheidet. Freud hatte nämlich bei der Konzeption von Charakter als Gedächtnis eine Schwierigkeit bei der forensischen Beurteilbarkeit entdeckt. Denn wenn Charakter wesentlich Gedächtnis ist, also weitgehend unbewußt, was ist dann moralisch gesehen das, was beurteilt werden soll? Die „Tat oder Traum? Das System W, Vbw oder Ubw? Die Abwehr oder das Abgewehrte? Ist das Unbewußte tatsächlich das allein relevante psychische System – wie Freud zu diesem Zeitpunkt der Theorie annahm – so war jener römische Kaiser durchaus konsequent, der einen Untertan hinrichten ließ, weil dieser geträumt hatte, daß er den Imperator ermorde. Freud scheut diese Konsequenz und sucht Trost bei Platon, der sagt, daß der Tugendhafte sich damit begnüge, das zu träumen, was der Böse im Leben tue.“ Das aufgeworfene Problem, die Spaltung von Charakter in unbewußte und bewußte Anteile im Rahmen der moralischen Beurteilung und en gewisses Unbehagen darüber bleibt bestehen. Darüber täuscht auch Freuds Ratschlag nicht hinweg: „Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des Menschen genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Gesinnung. Die Tat vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu werden, denn viele zum Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden noch durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewußte ihrer anderweitigen Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel durchwühlten Boden kennenzulernen, auf dem unsere Tugenden sich stolz erheben“
Hier kündigt sich bereits der Bruch mit der ersten Konzeption an, denn ein dynamisches Moment ist unverkennbar und läßt die „bewußten Tugenden“ als „Folgen unbewußter Untugenden“, den „äußeren, beurteilbaren Charakter“ als „Folgezustand der durch die „Zensur“ nicht gestatteten Wünsche“ erscheinen. Der Hinweis auf die „realen Mächte des Seelenlebens“ nimmt die Rolle weist bereits hin auf die Rolle der Reaktionsbildung bei der Charakterentstehung.

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Charakter als Triebschicksal

Die zweite Konzeption, die sich im übrigen auch erhält, ist eine triebtheoretische. Die entscheidenden Arbeiten, in denen diese Vorstellung Ausdruck findet erschienen 1905 („Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“) und 1908 („Charakter und Analerotik“):

„Was wir den „Charakter“ eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit dem Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch Sublimierung gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen, die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind. Somit kann die allgemein perverseSexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer Tugenden geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung zur Schaffung derselben Anstoß gibt.“

„Die bleibenden Charakterzüge sind entweder unveränderte Fortsetzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimerungen derselben oder Reaktionsbildungen gegen dieselben.“

In diesem Konzept spielen neben der zeitlichen Kontinuität der durch Sublimierung oder Reaktionsbildung bewältigte Trieb eine entscheidende Rolle. Hoffmann:

„Vielleicht läßt sich formulieren, daß nach Freud die Sublimierung mehr vom Trieb, Reaktionsbildung (A. Freud 1936: Reaktive Ich-Veränderung) mehr von der Abwehr ausgeht. Was die Parallele von Charakter und Symptom angeht, so wird durch den Begriff der Reaktionsbildung neue Schwierigkeit in sie gebracht. Sublimierung hat mit Symptom so gut wie nie etwas zu tun; sie ist immer Charaktermerkmal. Anders die Reaktionsbildung. Ursprünglich war bei Freud eine Gegenüberstellung festzustellen: Verdrängung führt zu einer Neurose, und Reaktionsbildung führt in die charakterliche Verarbeitung (1905). 1910 finden wir Verdrängungsneigung sowie Sublimierungsfähigkeit nebeneinandergestellt, mit dem ausdrücklichen Hinweis auf ihre Abhängigkeit von den „organischen Grundlagen des Charakters…über welche erst sich das seelische Gebäude erhebt“ (1910c, S.209). Die vorausgehende Erörterung zeigt Verdrängung und Sublimierung bei Leonardo da Vinci vorwiegend kooperativ in der Bildung seiner charakterlichen Genialität am Werk. Und Freud führt folgerichtig weiter aus, daß ein anderer, dem es nicht gelungen wäre, durch Sublimierung den Hauptteil der Libido der Verdrängung zu entziehen, wahrscheinlich in die Neurose gelangt wäre. 1913 hat Freud diesen vage formulierten Ansatz verlassen und sieht Verdrängung bei der Symptombildung regelmäßig bei der Charakterbildung fakultativ am Werk. Der Unterschied liegt jetzt vor allem im Mißlingen der Verdrängung bei der Neurose.“

Zum Unterschied zwischen zwanghafter Charakterveränderung und Zwangsneurose führt Freud in der selben Arbeit aus:

„Der Vergleich einer solchen Charakterveränderung mit der Zwangsneurose ist sehr eindrucksvoll. In beiden Fällen das Werk der Regression, aber im ersten Falle volle Regression nach glatt vollzogener Verdrängung (oder Unterdrückung); im Fall der der Neurose: Konflikt, Bemühung, die Regression nicht gelten zu lassen, Reaktionsbildungen gegen dieselbe und Symptombildungen durch Kompromisse von beiden Seiten her, Spaltung der psychischen Tätigkeiten in bewußtseinsfähige und unbewußte.“

In seinem Aufsatz über die Verdrängung (1915) führt Freud aus, wie es im Falle der Konversionshysterie durch Verdrängung zu einer Ersatzbildung im Sinne eines Symptoms kommt. Ganz im Gegenteil dazu findet sich bei der Zwangsneurose in der ersten Phase der Verdrängungsarbeit als „Ersatzbildung…eine Ichveränderung, die Steigerung der Gewissenhaftigkeit, die man nicht gut ein Symptom heißen kann. Ersatz- und Symptombildung fallen hier auseinander.“ Die Verdrängung hat sich hier zum Erreichen ihres beständigen Zieles, der „Libidoentziehung“, „der Reaktionsbildung durch Verstärkung eines Gegensatzes bedient. Die Ersatzbildung hat also hier denselben Mechanismus wie die Verdrängung und fällt im Grunde mit ihr zusammen, sie trennt sich aber zeitlich, wie begrifflich, von der Symptombildung.“

Das triebtheoretische Konzept Freuds ist asozial definiert.
Denn, wie Freud in seinem Aufsatz über „Triebe und Triebschicksale“ (1915) darlegt, stammt der „Triebreiz…nicht aus der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus selbst“. Er ist gleichbedeutend mit „Bedürfnis“ und sucht einzig „Befriedigung“. Seine Bedeutung kreist um die Termini „Drang, Ziel, Objekt, Quelle des Triebes“ und insbesondere über das Objekt des Triebes wird ausgesagt: „Das Objekt des Triebes ist dasjenige, an welchem oder durch welches der Trieb sein Ziel erreichen kann. Es ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft, sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung zugeordnet.“

Eine letzte, wichtige Ergänzung des triebtheoretischen Charakterkonzeptes kommt in Freuds Aufsatz „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) zum Ausdruck:

„Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildungen und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten „ungebändigt immer vorwärts drängt (Mephisto im Faust I, Studierzimmer)“

Der Trieb erweist sich hier als unersättlich trotz seiner Verdrängung, als ein beständig treibendes Moment. Für die Charakterentwicklung bedeutet dies:

„Kein Charakterzug ist stabil, jeder ist potentiell immer in Gefahr, wieder die alte Triebbesetzung zu erfahren (insofern er sie nicht selbst darstellt).“

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Charakter als Folge der Identifizierung

dargestellt in „Das Ich und das Es“ (1923)

Hier ist Charakter bereits die Folge von Objektbeziehungen!
Freud weist darauf hin, daß die entscheidenden Vorerkenntnisse über die Identifizierung aus seiner Arbeit 1917 („Trauer und Melancholie“), ferner aus der Arbeit 1921 („Massenpsychologie und Ich-Analyse“) stammen. Über die revidierte Vorstellung vom Ich und die Identifikation führt er aus:

„Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden. Sie bestehen zu Recht. Daß diesew Stück des Ichs eine weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Erklärung verlangt. Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melancholie durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im Ich wiederaufgerichtet, also eine Objektbeziehung durch eine Identifizierung abgelöst wird. Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze Bedeutung dieses Vorganges und wußten nicht, wie häufig und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das herzustellen, was man seinen Charakter heißt.“

Und weiter unten:

„Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte aufgibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Entwicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auffassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält.“

Eine zweite Annahme kommt hinzu:

„Auch eine Gleichzeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung, also eine Charakteränderung, ehe das Objekt aufgegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Falle könnte die Charakterveränderung die Objektbeziehung überleben und sie in gewissem Sinne konservieren.“

Und ein dritter Aspekt :

„Ein anderer Gesichtspnkt besagt, daß diese Umsetzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichveränderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es bemeistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdngs auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des Objektes annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: „Sieh, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“

Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Aufgeben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht der Allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die sexuele Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen.
Hier stellt sich Freud also gegen die Aufassung, daß „das Ich nur der durch den Enfluß des Wahrnehmungssystems modifizierte Anteil des Es, der Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen“ sei. Vielmehr weist das Ich Differenzierungen auf, ist Ort von Identifizierungen und leistet dadurch entscheidenden Beitrag zur Ausbildung des Charakters.
Dabei werden nsbesondere „die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen…allgemeine und nachhaltige sein.“ Dabei spielen „die dreieckige Anlage des Ödipusverhältnisses und die konstitutionelle Bisexualität des Individuums“ eine komplizierende Rolle. Die individuelle Konstellation und Konstitution ermöglicht viele verschiedenartige Lösungsmuster des ödipalen Konfliktes, bei denen die Identifizierung mit dem Vater- oder Mutterobjekt, bzw. mit beiden in unterschiedlichen Anteieln eine entscheidende Rolle einnimmt.

„Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen Ödipuskomplexes anzunhmen. Die analytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl von Fällen der eine oder andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende der umgekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Beteiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutteridentifizierung hervorgeht, die Vateridentifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Komplexes ersetzen; Analoges wird für die Mutteridentifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprägung der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.
So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen.“

Zusammenfassend gilt es festzuhalten, daß in diesem letzten wesentlichen Beitrag zur psychoanalytischen Charakterologie das Ich als eigenständige Instanz, die im Ich stattfindenden Identifizierungen sowie die Beziehungen dieser Identifizierungen zum Ich und zum Über-Ich eine entscheidende Rolle bei der Ausprägung des Charakters bilden. Bezüglich der Prägungszeit gilt das Ende des Ödipuskomplexes als entscheidend, „das für Mädchen und Junge in die Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil ausmündet. Folge davon ist die endgültige Festlegeung der sexuellen Identität, der Männlichkeit oder Weiblichkeit des Charakters.“ Entsprechend der bisexuellen Anlage des Menschen ist auch die Identifizierung mit dem aufgegebenen Objekt möglich, wodurch es zur sexuellen Fehlidentifikation kommt.

In den späteren Arbeiten beschäftigt sich Freud mit den „Stabilisatoren“ des Charakters, d.h. mit den Konzepten der Abwehr, der Fixierung und des Wiederholungszwanges.

Nach der Systematisierung der ich-psychologischen Abwehrleistungen durch A. Freud in „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ (1936), die Freud ein Jahr später ausdrücklich würdigte, kam er in „Die endliche und die unendliche Analyse“ (1937) zu der Auffassung, daß über Sublimierung und Reaktionsbildung hinaus jeder Abwehrmechanismus Ursache und Bestandteil des Charakters werden könne und daß jeder einzelne Mensch nur eine begrenzte Anzahl von Abwehrmechanismen verwende, die sich dann im Ich fixierten und zu typischen Reaktionsweisen mit lebenslänglichem Wiederholungscharakter würden. In „Der Mann Moses“ (1939) bezieht Freud insbesondere Fixierung und Wiederholungszwang auf den Charakter: „Sie können in das sog. normale Ich aufgenommen werden und als ständige Tendenzen desselben ihm unwandelbare Charakterzüge verleihen…“ Auch Vermeidungen, bis hin zu Hemmungen und Phobien leisten einen wichtigen Beitrag zur Prägung des Charakters und machen jenen zum „Staat im Staate“ .

Zuletzt bleibt „Charakter…in zwei weitgehend voneinander unabhängigen Aussagen aus der Triebtheorie und aus der Objektbeziehungstheorie definiert. Die Synthese des Konzeptes gelingt Freud an keiner Stelle.“

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Der Charakterbegriff bei Reich

Vorbemerkungen
  • Reich war Marxist und versuchte den Zusammenhang zwischen Charakterbildung und Gesellschaft darzustellen (neurotisches Potential der Gesellschaft)
  • Er stieß damit bei Freud auf wenig Wohlwollen, da dieser einer Politisierung der psychoanalytischen Theorie abgeneigt war
  • Sein Werk „Charakteranalyse“ ist ein eminent wichtiger Beitrag, erschien jedoch erst nach vielen anderen brisanten Veröffentlichungen
  • Reich stieß bei seinen Arbeiten mit Patienten stets auf heftige Widerstände, in denen er „Charakterwiderstände“ sa
  • Hoffmann faßt Reichs Verdienste für die psychoanalytische Charakterologie in vier Punkten zusammen
    1. Obwohl Reich in jeder Beziehung Trieb-Psychologe war, hat er als erster systematisch Freuds strukturelles Persönlichkeitsmodell in die Charakterologie integriert und zur Erfassung der Persönlichkeit die Abwehrfunktionen des Ichs dem Triebimpuls sogar vorgeordnet
    2. Ein weiteres Verdienst Reichs ist die Betonung der psychosozialen Dimension. Charakter wird gleichermaßen vom Trieb wie von der sozialen Umwelt bestimmt
    3. Bedeutsam bleiben auch technische Neuerungen für die praktische analytische Arbeit, die weit über die reine Charakteranalyse hinausgehen. Reich geht hier vom Phänomen des Widerstandes aus. Der Charakter wird zum Widerstand par exellence. Reich begriff, daß keine Deutung erfolgreich sein kann, wenn nicht der Widerstand zuvor aufgearbeitet ist. Seine Forderung „keine Sinndeutung, wenn eine Widerstandsdeutung notwendig ist“ (1933, S. 43) ist zur Basis aller analytischen Arbeit geworden.
    4. Reich hat sich Verdient gemacht in der Ausarbeitung von Charaktertypen. Er beschrieb den zwanghaften, den hysterischen, den masochistischen, den triebhaften, den phallisch-narzißtischen und den passiv-femininen Charakter. Dabei sind zumindest die letzten drei Typen seine originären Erstbeschreibungen, aber auch die anderen Bilder waren seinerzeit noch so wenig bearbeitet, daß ihrer Ausführung durch Reich auch eine schrittmachende Bedeutung zukommt

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Versuch einer zusammenfassenden Darstellung des Charakterkonzeptes bei Reich
  1. Wie die Symptomneurose so baut sich auch der neurotische Charakter auf dem Konflikt zwischen verdrängten, immer auch frühkindlich-sexuellen Triebansprüchen und den sie abwehrenden Kräften des Ichs auf.
  2. Reich versteht Charakter als einen „automatischen, vom bewußten Willen unabhängigen Mechanismus“, der sich „in seiner Grundeigenschaft als typische Reaktionsweise in den Dienst des Unbewußten stellt (Charakterwiderstand)“
  3. Die vielfältigen, beobachtbaren Charaktere entsprechen unterschiedlichen Reaktionstypen und sind Ausdruck einer Panzerung des Ich gegen die Gefahren der Außenwelt und die verdrängten Triebansprüche des Es.
  4. Demgemäß ist Charakter eine chronische Veränderung des Ich, sozusagen eine Verhärtung, die zu einer Einschränkung der Beweglichkeit der Gesamtperson führt.
  5. In diesem Panzer gibt es „Lücken“ in From nichtcharakterlicher, atypischer Beziehungen zur Außenwelt, die zur Kommunikation sozusagen freigeblieben sind in einem sonst geschlossenen System. Libidinöse und andere Interessen können durch diese Lücken hindurch wie Pseudopodien ausgestreckt und wieder eingezogen werden.
  6. Charakterbildung vollzieht sich libidoökonomisch.
  7. „Charakterbildung setzt ein als eine bestimmte Form der Überwindung des Ödipuskomplexes.“
  8. Nach der Bildung durch frühkindliche Sexualkonflikte wird Charakter zur charakter-neurotischen Reaktionsbasis späterer Konflikte und Symptomneurosen
  9. Bildung einer jeden Neurose also auch des neurotischen Charakters spiegelt letztlich einen Familienkonflikt bzw. gesellschaftlichen Konflikt wider, auf dem die neurotische Enwicklung gründet.
  10. In einem neurotischen Charakter findet eine Stauung libidinöser Energien statt, die Reaktionsbildungen zur Folge hat, welche wiederum die Stauung erhöhen. Daraus folgt, daß die „orgastische Libidobefriedigung und die Sublimierung die zulänglichen, die prägenitale Libidobefriedigung und die Reaktionsbildung die unzulänglichen Mittel sind, die Libidostauung zu beheben, bzw. der Stauungsangst Herr zu werden.“
  11. Der gesunde Charakter ist daher der genitale Charakter
  12. Von der genannten neurotischen Reaktionsbasis, die die bereits eingetretene Dekompensation kennzeichnet, grenzt Reich die charakterliche Reaktionsbasis, unter der er „die Summe aller Mechanismen , die der Aufzehrung der gestauten Libido und der Bindung der neurotischen Angst in Charakterzügen dienen“ versteht.
  13. Obgleich dies häufig so ist, muß das neurotische Symptom nicht unbedingt qualitativ seiner Reaktionsbasis entsprechen. „Es kommt vor, daß das Symptom eine Abwehr der überschüssigen Angst auf höherer oder niederer Libidostufe bedeutet. So kann ein hysterischer Charakter einen Waschzwang, ein Zwangscharakter eine hysterische Angst oder ein Konversionssymptom entwickeln.“ Sehr häufig gibt es in der Praxis Mischformen, wobei die Diagnose aber nach dem Charakter gestellt werden sollte, nicht nach dem Symptom, dessentwegen der Patient in Behandlung kommt.

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Der Charakter bei Fenichel

  • Fenichel war ebenfalls Marxist
  • Seine besondere Fähigkeit lag in der Synthese der vorhandenen Konzepte Freuds mit denen der ichpsychologischen Entwicklung.
  • Gleichwohl war er der Auffassung, daß Charakter letztlich sozial determiniert sei
  • Der dynamische Aspekt war bei ihm wesentlich ausgeprägter als der statische, für ihn war Charakter weniger Panzerung als Ichleistung, welche nach dem „Prinzip der mehrfachen Funktion“ (Waelder) arbeitet: „Charakterkunde und Ichpsychologie scheinen so zum Teil identische Begriffe.“
  • Fenichel kennt folgende Komponenten, die an der Charakterbildung beteiligt sind:
    • Das Ich, das Über-Ich (als die auf Identifizierung beruhende ausschlaggebende Bedingung der Charakterbildung) , sowie die abwehrenden Mechanismen Reaktionsbildung (als Ausdruck einer Gegenbesetzung), Idealisierung und Sublimierung , welche wiederum große Ähnlichkeit mit der Identifizierung habe. Das Ich ist die Instanz, die nach den Prinzipien der Libidoökonomie und der mehrfachen Funktion Triebrepräsentanzen möglichst konfliktfrei, häufig in entstellter Form zur Abfuhr verhilft oder diese verunmöglicht. Bedingung für die „relative Konstanz“ der Charaktereigenschaften ist die Fähigkeit zur Ambivalenz, die entwicklungspsychologisch in die anal-sadistische Phase gehört. Die deskriptiv faßbaren Charaktereigenschaften sind somit vor allem bei neurotischen Charakteren in der Regel verdichtet und enthüllen erst in der Analyse ihre wahre Herkunft.
  • Charakter ist für Fenichel (wie auch für Reich) nicht notgedrungen Basis für die Neurose, sondern dies gälte lediglich, dann aber ausnahmslos, für die später erworbenen Neurosen (also die nicht frühkindlichen Neurosen)
  • Wie schon Reich betont auch Fenichel den „Charakterwiderstand“:
    Insbesondere Gegenbesetzungen, wie sie häufig bei Zwangscharakteren vorkommen, imponieren in der Analyse als „Charakterwiderstand“ .
  • Fenichels Auffassung von Charakter und seinen Störungen zeichnet sich ferner dadurch aus, daß er neben triebdynamischen Prozessen die individuelle Vorgeschichte, v.a. auch die inneren familiären und äußerlichen gesellschaftlichen Beeinflussungsgrößen nicht unterschätzte:

    „So hängt der Charakter in seiner Einzelgestaltung von den einmaligen Erlebnissen der individuellen Vorgeschichte ab, von Anzahl und Art der Personen der Umgebung, von dem Umstand, ob das Kind innerhalb oder außerhalb einer Familie aufwächst, wie groß diese Familie ist, welche Charaktere die Eltern haben….“

    Diesbezüglich warnt er eindringlich vor Verallgemeinerungen und Vereinfachungen,

„daß Begriffe wie „Ödipuskomplex“ und „Kastrationskomplex“ formalen Charakter tragen, denen in jedem Einzelfall andere besondere und einmalige Inhalte zukommen. Für die Charakterbildung gilt das in noch stärkerem Maße (Anm.: als für die Neurosenlehre), da sie nicht nur ebenfalls von den mannigfaltigen Triebgestaltungen durch Konstitution und Erleben, dem Verhältnis von Prägenitalität zu Genitalität, den speziellen Formen des Ödipuskomplexes abhängt, sondern auch von den mannigfaltigen Formen seiner Erledigung. Wollte man die dabei in Betracht kommenden Faktoren aufzählen, so käme man, ähnlich wie die Mendelsche Vererbungslehre, zu Variationsrechnungen mit unwahrscheinlich hohen Zahlen.“

  • Außerdem weist Fenichel darauf hin, daß es von großer Wichtigkeit für die Schwere der resultierenden Charakterstörungen, wie auch für die „Fixierung an bestimmte Abwehrmechanismen und Charaktereinstellungen“ ist, zu welchem Zeitpunkt die Störung auftritt:

    „Je früher er lag, desto intensiver werden spätere Störungen auftreten. Die Verletzung einer Froschzelle im zweieiigen Stadium hat verheerendere Folgen als eine Verletzung der Kaulquappe. Ähnlich sind Störungen in der oralen Phase gravierender als solche, die auf der Stufe der Genitalität eintreten. Aus verschiedenen Gründen stehen bestimmte Abwehrmechanismen und Einstellungen auf bestimmten Altersstufen stärker im Vordergrund: Introjektion und Projektion entsprechen einer sehr frühen Altersstufe. Eine einfache Regression ist archaischer als eine Verdrängung. Und eine Reaktionsbildung erfordert noch größere Aktivität auf seiten des Ich. Ebenfalls wichtig ist das besondere evolutionäre Entwicklungsstadium der von einer Fixierung betroffenen Triebe. Trifft ein Verbot eine noch kaum ausgebildete Triebregung, so kann deren weitere Entwicklung vollständig blockiert werden. Damit wäre dann nicht nur ihre spätere Befriedigung ausgeschlossen, sondern auch ihre Sublimierung. Die Entwicklungsmöglichkeiten der Persönlichkeit wären geschädigt. Tritt jedoch eine Frustration ein, nachdem ein Trieb sich bereits entwickelt hat, so hat das andere Folgen. Der Trieb kann dann nicht eigentlich mehr blockiert werden, sondern muß vom Rest der Persönlichkeit abgespalten werden. Das erfordert eine Abwehr, die eine ständige Verausgabung von Energie in Gegenbesetzungen nötig macht.“

  • Neben dem Zeitpunkt der Frustration sind für die Stufe der Fixierung u.a. wichtig:
    • „Art der Triebregungen, die abgewehrt werden müssen“ (z.B. anale, orale, urethrale)
    • „Inhalt und Intensität der Frustration“ sowie „deren auslösende Faktoren
    • „ob Ersatzbefriedigungen zum Zeitpunkt der Versagung zur Verfügung standen“

Bei den im übrigen fließenden Übergängen zwischen normalem und anomalem menschlichem Charakter sieht Fenichel ein wesentliches Kriterium für eine Charakterstörung in dem Verhältnis von (fixierter) prägenitaler Erotik und genitaler Erotik. Sublimierungen verweisen dabei auf ein erreichtes Genitalprimat und damit eine normale Charakterstruktur, Reaktionsbildungen dagegen auf prägenitale Triebrepräsentanzen und damit eine neurotische Charakterstruktur. Dabei sei evident, „daß auch im rationalsten Charakter gewisse Züge aus der prägenitalen Erotik stammen müssen“, denn jeder Mensch müsse ja „seine Beziehungen zu Besitz, Geld, zur Objektwelt überhaupt regeln“. Dabei ist die

„Aufzehrung prägenitaler Triebquantitäten in der Charakterbildung…ein normales Schicksal, das einen wesentlichen Teil der Funktionen der Latenzzeit darstellt, das aber nur in bestimmter Quantität und Qualität geschehen darf.
Hier drängt sich die Frage auf, was dann mit den Resten der prägenitalen Triebquantitäten beim Normalen geschieht, bei dem sie nicht im Zustande der Verdrängung im Unbewußten bestehen bleiben, mit anderen Worten, wie der Fortschritt von einer Organisationsstufe der Libido zur nächsthöheren überhaupt zu denken ist. Wandelt sich dabei prägenitale Libido in genitale, d.h. wird sie von ihrer erogenen Zone auf die genitale verschoben? Zum Teil gewiß. ABRAHAM hat z.B. die anale Retention als ein auf die Sphinkteren verschobenes Saugen erkennen lassen. (…) Die Analyse weist ebenso eine orale Komponente in der normalen vaginalen Erogeneität nach. Nach FERENCZIS wohl übertriebener Annahme setzt sich die Genitalität überhaupt aus solchen verschobenen prägenitalen Besetzungsgrößen zusammen. (…) Sodann darf man nicht vergessen, daß auch beim Normalen ein Teil prägenitaler Erotik unverändert erhalten bleiben, allerdings nicht in verdrängtem Zustand, sondern untergeordnet unter dem Genitalprimat und sich in Vorlustmechanismen offenbarend. (…) Und ein dritter Teil wird eben in besprochener Weise in der Charakterbildung verbraucht….So verstehen wir jetzt, was der Genitalprimat für die Charakterbildung bedeutet. Er bringt nicht nur der Objektwahl gegenüber die Überwindung der Ambivalenz und damit erst die Möglichkeit, zum vollen Verständnis und zur Rücksichtnahme auf andere zu gelangen, sondern auch intrapsychisch eine Harmonisierung der verschiedenen Charakterzüge, ein Maximum an Sublimierung und ein Minimum an Reaktionsbildungen mit ihren aufzehrenden Gegenbesetzungen.“

Im dritten Teil seines 1945 erschienenen Werkes „Psychoanalytische Neurosenlehre“ gibt Fenichel seine Auffassungen über die Grundlagen der Charakterologie wieder und erstellt eine Typologie. Bei den Grundlagen handelt es sich im wesentlichen um dieselben Themenkomplexe wie schon 1931, allerdings findet manches eine Neuformulierung oder Ergänzung, weshalb es sinnvoll erscheint, den Originalwortlau noch einmal wiederzugeben.

Bereits zu Beginn äußert er unmißverständlich:

„Der Charakter des Menschen ist sozial definiert“

Denn:

„Die Art und Weise, in der das Ich Triebansprüche zuläßt, zurückweist oder modifiziert, hängt davon ab, wie es sie unterm Einfluß seiner Umgebung zu betrachten gelernt hat.“

Anders als Reich stellt Fenichel zumindest für einen Teil der pathologischen Charakterzüge fest, sie erwiesen sich „auf den ersten Blick als Versuche, aus bereits vorliegenden neurotischen Bedingungen das Beste zu machen.“ Zumindest nicht immer ist also der neurotische Charakter die Reaktionsbasis für die Symptomentstehung, sondern:

„Der neurotische Charakter, der auf diesem Wege entsteht, wirkt als Abwehr weiterer Symptome, kann aber auch zur Grundlage neuer Symptome werden.“

Entscheidend bei der Ausbildung eines neurotischen Charakters ist nach Fenichel eine „Beeinträchtigung der Freiheit und Beweglichkeit des Ichs“ mit entsprechenden Folgen, so „z.B. die Verankerung phobischer Abneigungen im Charakter, die Herstellung von Verhaltensmustern, durch die „gefährliche“ Situationen vermieden und Sicherheit gewährende herbeigeführt werden können, sowie die Ausbildung kontraphobischer Einstellungen, die die Überwindung störender Ängste zum Ziel haben.“
Auch Fenichel spricht in diesem Zusammenhang, wie schon Reich, von einem Ich, welches „erstarrt“ und in „extremen Fällen…vollständig rigide“ wird.
Da es sich um dynamisches Geschehen handelt, ist sowohl der energetische Gesamthaushalt, als auch die entwicklungsphysiologische Differenzierung durch Ausbildung einer neurotischen Charakterstruktur dauerhaft belastet: „Durch ständige Gegenbesetzungen verschwenden sie Energie und verlieren durch ihren Verzicht bestimmte lebensgeschichtliche Differenzierungen.“
Bereits Fenichel weist im übrigen darauf hin, daß neurotische Charaktere „bewußt mit ihnen (Anm.: den neurotischen Verhaltensweisen) übereinstimmen (können) oder sich ihrer gar nicht bewußt werden.“

Was also ist nun für Fenichel „Charakter“?

„Der Begriff des Charakters umfaßt offensichtlich mehr als nur die Arten der Abwehr, die in einem bestimmten Charakter jeweils verankert sind. Das Ich schützt einen Organismus nicht nur vor äußeren und inneren Reizen, indem es seine Reaktionen blockiert, sondern es vermag auch seinerseits zu reagieren. Es siebt und organisiert Reize und Impulse, wobei es einigen von ihnen unmittelbaren Ausdruck gestattet, während es andere nur in veränderter Form hervortreten läßt. Die dynamische und ökonomische Organisation seiner Handlungen und die Art, in der das Ich seine verschiedenen Aufgaben miteinander verbindet, um eine befriedigende Lösung zu finden – dies alles macht einen „Charakter“ aus.“

Und als Zusatz:

„Es gibt also viele Charaktereinstellungen, die nicht als Abwehr bezeichnet werden können. Keine von ihnen ist jedoch von Triebkonflikten unabhängig.“

– Etwas weiter unten formuliert er Charakter in Abgrenzung zu Charakterstörungen:
„Ein Charakter wird also ebenso durch die gewohnte Art des Ich, mit Ansprüchen der Außenwelt, des Es und des Über-Ich fertigzuwerden, konstituiert wie durch die besondere Art und Weise, in der diese verschiedenen Ansprüche miteinander verbunden werden. Entsprechend sind Charakterstörungen ebenso Einschränkungen oder pathologische Formen der Auseinandersetzung mit der Außenwelt, den Triebregungen und Ansprüchen des Über-Ich wie Störungen in der Möglichkeit, diesen drei Realitätsbereichen gerecht zu werden.“

Über das Phänomen der „relativen Konstanz“ des Charakters äußert sich Fenichel 1945 folgendermaßen:

„Wir können vorausgreifend feststellen, daß diese relative Konstanz von einer Reihe von Faktoren abhängt. Teils wird die erbliche Konstitution des Ich für sie verantwortlich sein, teils aber auch die Natur der Triebe, gegen die sich die Abwehr richtet. In den allermeisten Fällen jedoch wird eine besondere Einstellung einem Individuum von der Außenwelt aufgezwungen worden sein“.

Einen längeren Abschnitt widmet Fenichel dann noch seinen Anschauungen über die Entwicklung des Ich und die Bedeutung und Entwicklung des Über-Ich, die in der Charakterbildung, wie bereits erwähnt, seiner Ansicht nach eine fundamentale Rolle spielen:

„Die Entwicklung des Ich ist durch die folgenden Begriffe charakterisiert: Oralität, Analität, Genitalität; Objektmangel, Einverleibung (Identifizierung), passive Vorläufer der Liebe (ambivalente Objektbeziehungen), Liebe; Lustprinzip, Realitätsprinzip; erste Bewußtseinsspuren in Gefühlen von Spannung und Entspannung, Einverleibung als primitivste Form der Wahrnehmung, Wahrnehmung unter der Herrschaft von Triebbedürfnissen, objektive Wahrnehmung; Beurteilung unterm Gesichtspunkt von Spannung und Entspannung, Beurteilung unterm Druck von Wünschen und Ängsten, objektive Beurteilung; unkoordinierte Abfuhrbewegungen, „Allmacht“ der Bewegungen, zweckgerichtete Handlungen; Wunscherfüllungshalluzinationen, magisches Wunscherfüllungsdenken, objektives Denken; Allmacht, Projektion der Allmacht, Neigung zu erneuter Teilhabe an der verlorenen Allmacht, Kontrolle des Selbstgefühls durch narzißtische Zufuhr, unabhängige Regulierung des Selbstgefühls mit Hilfe des Über-Ich.“

Diese Ausführungen veranschaulichen in prägnanter Weise die vielfältigen Leistungsanforderungen an das Ich sowie die daraus resultierende Vielzahl der Störungsmöglichkeiten.

„Die entwicklungsgeschichtlich späteste Komplikation in der Struktur des Ich, die Errichtung des Über-Ich, ist entscheidend für die Herausbildung der gewohnheitsmäßigen Verhaltensmuster des Charakters.“ Über die Qualität des Ergebnisses entscheidet nicht nur „wie die Eltern beschaffen sind“, sondern auch, „wie das alte Ich sich zu dem durch die Identifizierung veränderten Stück der Persönlichkeit einstellt, ob es mit ihm verschmilzt oder zu ihm in Gegensatz gerät.“

Zuletzt erwähnt Fenichel noch die Rolle der „Idealbildungen“, deren Introjektionen „ins Über-Ich“ „zu allerlei Komplikationen Anlaß bieten“ kann

oben

Zusammenfassung:

Fenichel geht zusammenfassend von Folgendem aus:

  1. Daß „Charakterzüge ein Niederschlag von Triebkonflikten sind“ (wobei sich der Konflikt im wesentlichen durch Triebwünschen widersprechende familiäre bzw. gesellschaftliche Forderungen ergibt)
  2. Daß es sich bei Charakterstörungen um „eine besondere Form von Neurosen, die schwer zu definieren ist“ handelt
  3. „Alle Neurosen außer den frühkindlichen haben ihre Wurzeln im Charakter, d.h. in der besonderen Art der Anpassung, mit der das Ich seine Triebe ebenso wie die Außenwelt zu berücksichtigen gelernt hat. Diese Form der Rücksichtnahme entsteht lebensgeschichtlich in frühkindlichen Triebkonflikten, zumeist in der besonderen Entwicklung einer frühkindlichen Angsthysterie.“

Dem Ich fallen dabei vier Aufgabenbereiche zu:

  1. Berücksichtigung der Triebansprüche
  2. Berücksichtigung der Über-Ich-Interessen
  3. Berücksichtigung der Ansprüche der Außenwelt
  4. Integration dieser verschiedenen Bedürfnisse nach dem „Prinzip der mehrfachen Funktion“

oben

Klassifizierung von Charakterstörungen nach Fenichel:

Insgesamt entwickelt Fenichel 1945 zwei Systematisierungsversuche. In einem unterscheidet er als Oberbegriffe den Sublimierungstyp vom Reaktiven Typ.

Letzterer erscheint wiederum in zwei gegensätzlichen Ausprägungen:

  1. in der Vermeidungshaltung (Phobie) oder
  2. in der Oppositionshaltung (Reaktionsbildung)

Die weiter unten wiedergegebene Bemerkung Fenichels, daß sich reaktive Charakterbildungen nicht nur aufgrund von Triebkonflikten, sondern auch zur Abwehr von Selbstwertkonflikten etablieren können, läßt auch die prinzipielle Einordnung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen in diese Klassifikation zu.
Die klinische Typologie, die Fenichel am Schluß seines dreibändigen Werkes vorlegt, orientiert ist eine Anwendung dieses Systematisierungsansatzes auf spezielle klinische Bilder. Diese sind im wesentlichen Formen des reaktiven Typus und ihre Bestimmung erfolgt über die Beschreibung der spezifischen Abwehrmechanismen.

Er kommt auf vier Typen:

  1. „Phobische und hysterische Charaktere“
  2. „Zwangscharaktere“
  3. „Zykloide Charaktere“
  4. „Schizoide Charaktere

In einem zweiten Versuch klassifiziert Fenichel Charakterzüge bzw. -störungen aufgrund ihrer Beziehung zu Ich, Über-Ich und Es, orientiert sich also an dem strukturellen Modell Freuds.
Hoffmann:

„Er ist mit dieser Klassifikation sichtlich unzufrieden, gewinnt so aber Möglichkeiten, Charakterbilder einzuordnen, die er als reaktive oder sublimierende Typen nicht so gut erfassen kann. Unter dem gestörten Umgang mit dem Es behandelt er die triebgenetische Typologie (oral, anal, phallisch usw.) sowie Persönlichkeitsbilder mit ausgeprägter Triebunterdrückung, Rationalisierung und Idealisierung („Asketen“). Das gestörte Verhältnis zum Über-Ich gestattet es, so gegensätzliche Bilder wie „moralischen Masochismus“ und Delinquenz zu betrachten. Der Unterschied liegt im Zuviel und Zuwenig an Schuldgefühl. Aber es treten hier auch die „Leistungs-Don-Juans“, die agierenden Charaktere und die „Schicksalsneurosen“ auf. Gestörte Beziehungen zur Außenwelt schlagen sich charakterologisch als „persistierende Ambivalenz“, Eifersucht, Pseudosexualitäüt oder soziale Angst nieder. Es wird rasch ersichtlich, daß dieser Ansatz deutlich unsystematischer als der erstgenannte ist.“

Wenden wir uns noch ein wenig genauer der ersten Klassifikation zu:
Fenichel teilt die Charaktere in zwei gegensätzliche Typen ein:

  1. „Sublimierungstypus“
  2. „reaktiver Typus.

Dabei handelt es sich nicht um eine kategoriale Entweder-Oder-Einteilung, sondern das Vorherrschen des einen oder des anderen Zuges macht aus, um welche Persönlichkeit es sich handelt. Denn:

„Der ideale, „postambivalente“ Charakter ohne Reaktionsbildungen (…) ist ein reines Konstrukt.“

Über den Sublimierungstypus schreibt Fenichel:

„Dem Ich kann es in der Tat gelingen, die ursprüngliche Triebregung nicht nur durch eine zu ersetzen, die etwas weniger verpönt ist, sondern es kann eine Triebregung an ihre Stelle treten lassen, die aufgrund ihrer Organisation und Zielgehemmtheit mit dem Ich selbst vereinbar ist. Der Triebabfluß wird also nicht durch eine entgegenwirkende Kraft gestaut, sondern sozusagen in ein künstliches Bett kanalisiert.“

Es sei noch nicht ganz klar, wie diese Art „erfolgreicher Verdrängungen“ genau zustande kämen. Sie hingen zumindest eng mit Sublimierungen zugrunde, und diese wiederum mit dem Mechanismus der Identifizierung:

„Sehr wahrscheinlich geschieht jede Sublimierung aufgrund eines Mechanismus, der dem der Identifizierung gleicht oder zumindest ähnlich ist.“

Der reaktive Charakter läßt sich nach Fenichel wiederum einteilen in

  1. „das Vermeidungshandeln phobischer Einstellungen“ und in
  2. „die eigentlichen Reaktionsbildungen“.

Diese Charaktere zeichnen sich aus „durch bloße Erschöpfung, durch eine allgemeine Hemmung aufgrund ökonomischer Verarmung, durch Verkrampfung und Rigidität sowie durch gelegentliche Triebdurchbrüche“, die „in Handlungen oder Träumen entweder direkt oder in verzerrter Form zutage“ treten und daher „die Flexibilität eines Menschen“ „beschränken“.

Außerdem unterscheidet Fenichel bei den reaktiven Charakteren noch zwei Typen aufgrund der vorgebrachten Emotionalität:

„Der eine ist völlig „frigide“ und hat eine „Gefühlsphobie“. Er vermeidet jede Emotion und hat statt dessen einen scharfen Intellekt ausgebildet. Der andere ist hyperemotional. Als Reaktionsbildung gegen gefürchtete Gefühle hat er Gegengefühle entwickelt, die den Eindruck machen, theatralisch und falsch zu sein. In der Regel enthalten diese Gegengefühle aber mehr von den ursprünglichen Gefühlen, als er selbst weiß.“

Es ist Fenichels Verdienst, herausgearbeitet zu haben, wie vielfältig phänomenologisch beobachtbare Charakterzüge determiniert sein können, wie vorsichtig man bei der Klassifikation und Zuordnung aufgrund der sichtbaren und hervorstechenden Merkmale sein muß:

„Die Verhaltensmuster eines solchen (Anm.: reaktiven) Charakters sind Ausdruck der abwehrenden Gegenbesetzungen, die jedoch häufig mit Zügen der abgewehrten und nun wieder hervorgebrochenen Triebregungen gurchsetzt ist. Gewöhnlich enthüllt die Analyse eine komplexe Struktur mit zahlreichen verschiedenen Schichten. Denn ein Charakter wird nicht nur aus Reaktionsbildungen gegen ursprüngliche Triebansprüche gebildet, sondern auch aus Reaktionsbildungen gegen solche Reaktionsbildungen.“

Nach dieser ersten Grundeinteilung untersucht Fenichel auf den folgenden Seiten die Verquickungen zwischen Triebwünschen und Ich-Abwehr und es wird deutlich, daß die Motive für das Auftreten bestimmter Charakterzüge häufig viel komplexer sind, als die oberflächliche Betrachtung bzw. der Mechanismus Trieb – Abwehr – Triebdurchbruch nahelegen würde. Es wird evident, daß oftmals erst die tiefere Analyse, und hier v.a. die Widerstandsanalyse, eine sichere Zuordnung zu einem bestimmten Typus zuläßt.

Bezüglich der Motive zu reaktivem Verhalten merkt Fenichel z. B. an, daß jenes „nicht notwendig gegen Triebregungen gerichtet“ sei, sondern „ebenso auf Konflikte um das Selbstwertgefühl“ verweisen könne. „Viele Menschen, die ein mehr oder weniger arrogantes Verhalten an den Tag legen, versuchen auf diesem Wege, sich nicht ihrer tiefen Minderwertigkeitsgefühle bewußt werden zu müssen. Andere, die sich wegen ihrer Unbedeutendheit verachten, verdecken durch diese Verachtung eine tiefsitzende Arroganz (…). Oft gründet der Ehrgeiz in einem Bedürfnis, Minderwertigkeitsgefühle zu bekämpfen. Ebensooft dient Handeln dem Zweck, eine Sehnsucht nach Passivität zu verbergen.“

Ein anderes Phänomen ist die Aggressivität oder Friedlichkeit einer Person oder auch von Massen:

„Nach Freud identifizieren sich die Mitglieder einer Masse miteinander und hören auf, sich gegenseitig zu bekämpfen, weil ihre ursprünglich feindseligen Regungen durch diese Identifizierung neutralisiert worden sind. (…). Oft ist diese Neutralisierung an Bedingungen gebunden, die bei ihrem Wegfall die aggressiven Neigungen nur allzuleicht wieder hervortreten lassen. Die relative Stärke des Sublimierungstypus und des reaktiven Typus bei der Abwehr aggressiver Triebregungen ist für die psychologische Struktur einer sozialen Einheit von großer Bedeutung.“

Mit anderen Worten: Daran, ob sich jemand friedlich gibt oder ob er aggressiv imponiert, läßt sich noch nichts über die Stabilität seiner Charakterstruktur aussagen!

Gegen Kritiker der Analyse, die behaupten, „die Analytiker machten sich ihre Sache leicht, indem sie einfach unterstellten, ein Patient meine immer das Gegenteil dessen, was er sagt oder tut“ stellt Fenichel im Kapitel „Triebregung und Abwehr bei pathologischen Charakterzügen“ heraus:

„Es wäre ungerechtfertigt, anzunehmen, daß alle pathologischen Charakterzüge nach dem Modell von Reaktionsbildungen geformt sind. Einige pathologische Verhaltensweisen vermitteln den Eindruck, daß es sich bei ihnen eher um Versuche handelt, Triebe zu befriedigen, als sie zu unterdrücken. So kann jemand, der es liebt zu widersprechen, nicht nur in projektiver Form gegen seine eigene Triebregungen Widerspruch einlegen, sondern auch seine Streitsucht befriedigen. Sadistische Triebregungen können nicht nur der Freundlichkeit und dem Gerechtigkeitssinn, sondern auch der Grausaqmkeit und der Ungerechtigkeit zugrundeliegen. Triebregungen können in die Organisation des Ich aufgenommen sowie durch sie beeinflußt werden und nichtsdestoweniger pathologisch sein. Durch Rationalisierung und Idealisierung (…) kann das Ich sich über die wahre Natur seines Handelns hinwegtäuschen. Enstellte Befriedigungen, die auf diesem Wege in Charakterzüge eingebettet sind, sind oft von vitaler Bedeutung für die gesamte Libidoökonomie. Die Patienten sind nicht Willens, ohne weiteres auf sie zu verzichten. Aus diesem Grund stellen auch sie während der Analyse einen Charakterwiderstand dar. Es ist sogar möglich, daß von allen Verhaltensweisen, die ein Individuum entwickelt, diejenigen chronisch werden und seinen Charakter ausmachen, die ihm zumeist Befriedigung verschafft haben. Es sollte dabei klar sein, daß es sich hier nicht nur um eine Befriedigung von Triebregungen handelt, sondern auch um eine Befriedigung der Sehnsucht nach Sicherheit. Manche Einstellungen des Ich, die triebhafter Natur zu sein scheinen, dienen nichtsdestoweniger in erster Linie der Abwehr. Die Bezeichnungen „Trieb“ und „Abwehr“ sind relativ. Es sind Neurosen bekannt geworden, bei denen der grundlegende Konflikt zwischen zwei Trieben mit einander entgegengesetzten Zielen stattgefunden zu haben scheint (…). Dabei ließ sich zeigen, daß der Triebkonflikt als Grundlage dieser Neurosen stets zugleich ein struktureller Konflikt war; denn keiner der einander entgegengesetzten Triebe wurde durch eine Abwehr des Ich aufrechterhalten oder zum Zwecke einer solchen Abwehr verstärkt (…). Es gibt also nicht nur den einen Abwehrkampf gegen eine bestimmte Triebregung, sondern es gibt in diesem Kampf stets vielfältige Variationen und eine wechselseitige Durchdringung. Zusätzlich zu dem dreischichtigen Aufbau von Trieb, Abwehr und Triebdurchbruch gibt es einen anderen von Trieb, Abwehr und Abwehr der Abwehr.“

Auch die Verknüpfung von Sublimierung und Identifizierung ist nicht in beiden Richtungen zwingend. Denn bei der Depression sieht man, daß „die Triebregungen, die aufgrund einer Identifizierung abgewehrt worden sind, gegen das introjizierte Objekt wirksam bleiben. Der Umstand, daß eine Identifizierung vorliegt, läß also keinen Rückschluß darauf zu, ob sich eine Einstellung auf eine Sublimierung oder Reaktionsbildung gründet.“
Besonders delikat kann die Verquickung von Identifizierung, Reaktionsbildung und Sublimierung bei der „Psychologie des Mitleids“ sein:

„Mitleid ist zweifellos ein Charakterzug, der mit einem ursprünglichen Sadismus in Verbindung steht. Man kann es für eine Reaktionsbildung halten. Oft bewahrheitet sich diese Ansicht, indem durch Triebdurchbruch oder durch Analyse hinter der Mitleidsfassade der ursprüngliche Trieb noch als wirksam nachgewiesen werden kann. Andere Male scheint es sich um eine Art Sublimierung durch Reaktionsbildung zu handeln, bei der der Sadismus wirklich durch Mitleid ersetzt worden ist. In beiden Fällen scheint der Mechanismus der Triebabwehr eine Identifizierung mit dem Objekt des ursprünglichen Sadismus zu sein.“

oben

Die Weiterentwicklung der psychoanalytischen Charakterologie

Charakterologische Aussagen aus verschiedenen Forschungsrichtungen

Wir hatten zu Beginn dieser Ausführungen darauf hingewiesen, daß Hoffmann die Beiträge der unterschiedlichsten Forscher fünf großen Rubriken zuordnet, die jeweils eine bestimmte globalere Auffassung über den Charakter implizieren. Dies soll im Folgenden dargestellt werden:

Charakter als Triebschicksal: Die genetische Charakterologie

Dies ist nach Hoffmann (1979) der einzige „genuin psychoanalytische“Ansatz. Unter diese Einteilung fallen die Ausführungen zum

  1. Analcharakter, darunter v.a.
    • Die Arbeit Freuds über den Analcharakter 1908 („Charakter und
      Analerotik“) mit der Trias Ordnungsliebe, Eigensinn und Sparsamkeit,
      die er auf die Umwandlungen der Analerotik zurückführte
    • Abrahams „Ergänzungen zur Lehre von Analcharakter“ (1923)
      und
  2. Oralcharakter,weniger nachhaltig,
    • Abraham 1924 („Beiträge der Oralerotik zur Charakterbildung“)
      —> Unterscheidung eines oralen Optimisten von einem oralen
      Pessimisten
    • Glover 1924 („The Significance of the Mouth in Psychoanalysis“)
      und 1925 („The Neurotic Character“)
      und
  3. urethralen Charakter, nur in Ansätzen vorhanden, ferner eines
  4. genitalen Charakters
    • Abraham 1925 („Zur Charakterbildung auf der „genitalen“
      Entwicklungsstufe“)
      sowie eines
  5. phallisch-narzißtischen Charakters
    • W. Reich 1933 („Charakteranalyse“)
      —> „Menschen, die ihre Passivität durch eine progressive, ich-
      bezogene, oft mit erfolgreicher Leistung ausgezeichnete
      Reaktionsbildung abwehren“

 

„Der entscheidende Vorteil dieser Vorgehensweise ist der genetische. Charakter ist nicht mehr das, was phänomenal ähnlich ist, sondern das, was gemeinsamen Ursprung hat. Dynamisch entsteht daraus der Vorteil, daß man sogar das phänomenal Gegensätzliche zusammenfassen kann: Analer Herkunft können Sparsamkeit und Verschwendungssucht, Eigensinn oder Unterwürfigkeit, Sauberkeit oder Verschmutzungsneigung sein. Die Nachteile dieser Klassifikation sind die enge Koppelung an die Libido-Theorie und die unzureichende Erfassung der abwehrenden Ich-Funktion.“

oben

Charakter als Folge und Weise der Auseinandersetzung des Ichs mit Trieb, Gewissen und Realität

Nach Hoffmann (1979) fällt diese Betrachtungsweise vornehmlich in die Zeit der dreißiger Jahre, als Charakter, angeregt durch Freuds Arbeit „Das Ich und das Es“ (1923) „in erster Linie Ich-Qualität“ war. Diese Sicht wird vor allem von den Pionieren der psychoanalytischen Charakterologie W. Reich, A. Freud und O. Fenichel vertreten, allerdings mit unterschiedlichen Gewichtungen.

W. Reich sieht Charakter vorwiegend pathologisch, sozusagen als „versteinerte Abwehrstruktur des Ichs“ (detailliertere Ausführungen s.o.)

A. Freud definiert 1936 („Das Ich und die Abwehrmechanismen“) den Charakter als „festgelegtes Verhältnis (des Ichs) zum Es auf der einen (und) zum Über-Ich auf der anderen Seite“. A. Freud „verfällt“ jedoch, wie Hoffmann betont,

„nicht in Reichs Betrachtung jeder Form von Abwehr als Pathologie, sondern sie hält Abwehr für eine ubiquitäre, lebens- und überlebensnotwendige Erscheinung, die nur in ihrer mißglückten Form zur Krankheit führt. A. Freud leistet einen weiteren Beitrag zur Persönlichkeitstheorie, indem sie zeigt, daß es sowohl eine individuelle Neigung zu bevorzugter Verwendung bestimmter Abwehrmechanismen gibt, wie auch eine neurosenspezifische.
Von hier aus eröffnen sich Gesichtspunkte zu einer neuen Typologie, die am Beginn der dreißiger Jahre aufkommt und seither aktuell gblieben ist: Die Einteilung in hysterische, zwanghafte, phobische, depressive, masochistische und andere Charaktere. Diese Typologie ist namenlos; ich bezeichne sie als „klinische“, weil sie sich an den schwereren klinischen Krankheitsbildern orientiert….Bei näherer Untersuchung stellt man fest, daß eigentlich nur zwei Typen umfassend beschrieben sind: der zwanghafte und der hysterische Charakter. Alle übrigen werden sehr viel weniger verwandt….Die eigentlich psychoanalytische Definition dieser Charaktertypen erfolgte über die sie jeweils auszeichnenden Abwehrmechanismen.. Das ist die Ausarbeitung von Freuds (1926d) Feststellung, daß sich bestimmte Formen der Abwehr bestimmten Formen psychischer Störungen zur Seite stellen. So ordnete sich die Verdrängung dem hysterischen Charakter, Reaktionsbildung, Isolierung und Intellektualisierung dem Zwangscharakter, die Projektion dem paranoiden Charakter, Introjektion und Wendung gegen das Selbst dem depressiven Charakter zu – wenn man nur die typischen Beispiele nennt.
Daneben erfolgten eine noch aus der genetischen Charakterologie stammende Definition über die charakterbildenden Triebimpulse (z.B. hysterisch = ödipal) und Versuche einer Definition über den Konflikt zwischen den Instanzen des strukturellen Persönlichkeitsmodells (z.B. depressiv = Ich – Über – Ich – Konflikt).“ (Hoffmann, 1979)

O. Fenichel ist die Zusammentragung aller bis 1945 aus psychoanalytischen Arbeiten hervorgegangener Konzepte über Charakter und dessen Störungen zu verdanken. Über die Integration der Ansätze Reichs und A. Freuds hinaus gelingt Fenichel in hervorragender Weise die differenzierte Herausarbeitung der für die Charakterbildung maßgeblichen Ich-Leistungen nach dem von Waelder (1930) beschriebenen „Prinzip der mehrfachen Funktion“ und Nunbergs (1930) Auffassungen über die „Synthetische Funktion des Ich“. Charakterbildungen sind dann für Fenichel „die habituellen Modi des Ichs zur Anpassung an die äußere Welt, das Es und das Über-Ich, und die charakteristischen Arten, diese Modi miteinander zu kombinieren.“

W. Reich, A. Freud und Fenichel betrachten, wie S. Freud auch, den Charakter als Parallele zum Symptom. Der Unterschied besteht in der Ich-Syntonität oder -Dystonität.

Unter dem Einfluß der aufstrebenden Ich-Psychologie, die sich insbesondere mit dem Namen H. Hartmann, sowie dem seiner Mitstreiter E. Kris, und R. Loewenstein verbindet, wurden „zwei entscheidende Schritte“ gemacht:

„Er (Hartmann) konsolidiert und bereinigt die Triebtheorie, um alle dynamischen Vorteile dieser Konzeption zu wahren. Gleichzeitig (…) löste er ganze Bereiche des Ichs aus der Triebherrschaft – Freud hatte angenommen, daß das Ich ganz aus dem Es entstehe – indem er „konfliktfreie Ich-Sphären“ annimmt, denen (dem Trieb gegenüber) primär autonome Ich-Apparate angehören, deren Funktion durch Konstitution, Übungs- und Reifungsvorgänge bestimmt ist. Die Lern- und Übungsabläufe bezeichnet Hartmann als „Automatisierung“ der betreffenden Funktionen. Es geht hier um solche zentralen Bereiche wie Wahrnehmung, Kognition, Gedächtnis, Intelligenz, Motilität und andere. Auf dieser Ebene kommt es zu einer primären Anpassung an das psychische Innen und Außen, ohne daß Triebvorgänge beteiligt sein müssen. Die Triebe können allerdings diese per se indifferenten Funktionen „besetzen“.
Hartmann zu verdanken ist auch eine Betrachtung, die den Übergang von trieb-(konflikt)haften Abläufen in triebunabhängige charakterologisch verständlich macht: Was in einer Konfliktsituation begann, mag sekundär infolge eines „Funktionswechsels“ ein Teil der konfliktfreien Sphäre werden“ (Hoffmann, 1979)

E. H. Erikson (1950, 1959) gelingt es als erstem, „die Gesellschaft zur Matrix des Charakters“ zu machen, „ohne den dynamischen Gesichtspunkt der Psychoanalyse aufzugeben…Er ist der erste, dem eine Umformung der entscheidenden Triebkonflikte in psychosozial definierte Ich-Konflikte gelingt. Diese Formeln sind bekanntgeworden. Aus dem oralen Konflikt wird die Antinomie: Urvertrauen gegen Urmißtrauen, aus dem analen: Autonomie gegen Scham und Zweifel, aus dem ödipalen: Initiative gegen Schuldgefühl.“

oben

Charakter als Folge und Weise der Auseinandersetzung des Ichs mit den sozialen Objekten

Es geht in diesem Abschnitt in erster Linie um die Arbeiten, die sich mit der „direkten Folge der Interaktion mit den Objekten, mit den Folgen der Identifizierung“ beschäftigen.
Nach Hoffmann kann man diese Arbeiten noch einmal unterscheiden „unter drei sich stark überschneidenden Aspekten“: “

  1. Aus der Sicht der Objektbeziehungen selbst, ihrer Störungen und möglichen Niederschläge,
  2. Aus der Sicht der Objektrepräsentanzen, der internalisierten Objektbeziehungen, der Introjekte und
  3. Schließlich aus der Sicht der strukturellen Folgen, der Niederschläge der internalisierten Objektbeziehungen im Ich, Ich-Ideal und Über-Ich.“

zu 1)
Mit diesem Aspekt verbinden sich die Namen Balint, Bowlby, J. u. J. Robertson, Winnicott, Mahler, A. Freud, Stierlin, Richter und andere.
Im Zentrum der Betrachtungen steht bei fast allen Autoren die frühe Mutter-Kind-Beziehung, die entscheidenden Beitrag zum Identitätsgefühl und Urvertrauen leistet. Aber, so stellt Hoffmann fest: „Alle diese klassischen Untersuchungen leiden unter dem Aspekt meiner Fragestellung daran, daß sie die frühen Objektbeziehungen mit Verhaltenskonsequenzen beim Kind korrelieren. Die bleibenden Folgen in der Persönlichkeit des Erwachsenen werden meist (wenn überhaupt) nur hypostasiert.“

Erst Balint (1959) hat in einem Ansatz den typologischen Niederschlag der Objektbeziehungen ausgearbeitet. Das Resultat sind zwei Typen: der „Philobat“, risikofreudig, lebensbejahend und unabhängig und der „Oknophile“, anklammernd und unsicher.

Hoffmann ordnet diesem Bereich noch die Arbeiten H.Stierlins (1971, 1973 u. 1975) H.E.Richters (1963, 1970) und J.Willis (1970, 1972) zu.

Stierlin (…) untersuchte die Bedingungen der sozialen Interaktion, unter denen es zu bestimmten Arten der Internalisierung der Objektbeziehungen kommt. Er geht aus von transaktionellen Modi, die das Familienleben während bestimmter Perioden beherrschen. Damit werden gleichermaßen elterliche Haltungen und kindliche Reaktionen erfaßt. Stierlin bestimmt die Modi als Binden, Vertreiben und Delegieren. Binden kann durch überstarke Triebbefriedigung, als kognitive Bindung (double-bind) und moralisch als Gewissensbindung erfolgen. Vertreibung meint hauptsächlich die emotionale Vernachlässigung des Kindes; Delegieren steht zwischen beiden Extremen, das Kind wird sozusagen an der langen Leine geführt, seine Existenzberechtigung ist die Durchführung der Wünsche anderer.“ (Hoffmann, 1979)

Richter

„hat zur Strukturierung des charakter- und neurosebildenden sozialen Umfeldes beigetragen“, indem er gezeigt hat, „wie das Kind von den Eltern, meist der Mutter, als Substitut für einen anderen Partner (eigene Elternfigur, Gattenersatz) oder als Substitut für eigene Selbstaspekte (das eigene Abbild, das ideale Selbst) von vornherein in Rollen gezwungen wird, die jene Ich-Verzerrungen, von denen Freud sprach, zwangsläufig nach sich ziehen. Später sah Richter (1970) die Familie mehr als dynamische Einheit und trug auch hier zur Klassifikation des spezifischen Milieus bei, aus dem wieder Typen erwachsen, die wir geläufig als paranoide, hysterische und andere Persönlichkeiten bezeichnen.“ (Hoffmann, 1979)

Einen wichtigen Ansatz einer „auf Interaktion basierenden Typologie“ liefert J. Willi mit seinem Kollusionskonzept in Partnerschaften. Als Beispiel sei die „hysterische Ehe“ genannt, die neben einer „hysterischen“ Frau einen „hysterophilen“ Mann voraussetzt. Insgesamt finden sich bei Willi fünf Kollusionsmodelle: das narzißtische, das orale, das anal-sadistische, die Eifersuchts-Untreue-Kollusion und die phallische Kollusion. „Wiili belegt, wie infantile Konflikte zu einer stabilen progressiven oder regressiven Lösung in einer bestimmten Interaktionsform sich niederschlagen.

zu 2)

„Zu einer ausgearbeiteten Theorie internalisierter Objektrepräsentanzen kommt es erst in der englischen Schule der Objektbeziehungs-Theorie des Ichs, die auf W.R.D. Fairbairn zurückgeht (…). Fairbairn (1963, Wisdom 1963) geht ausschließlich von einer Theorie des Ich aus. Die libidinösen Impulse kommen direkt aus dem Ich, das Es kann somit entfallen. Auch das Über-Ich ist eine komplexe Ich-Struktur und braucht in der Theorie nicht als Separatum konzipiert zu werden. Die Internalisierung ist ein distinkter psychologischer Mechanismus und keine Phantasie über orale Einverleibung. Zwei Aspekte des internalisierten Objektes (der erregende oder libidinöse und der frustrierende oder antilibidinöse) werden verdrängt, das Ideal-Objekt wird zum Kern des Ich. Das aus den Introjekten aufgebaute Ich zeigt damit drei wesentliche Bereiche. Ich will auf diese Theorie nicht weiter eingehen, sie ist ausgebaut und verändert worden. Ihr Hauptvorteil scheint mir aber, daß sie eine ausgesprochen anregende Wirkung auf Autoren wie etwa Kernberg hatte, die ihrerseits versuchten, schwere Störungen der Persönlichkeit unter dem Aspekt der Objektbeziehungsniederschläge zu erfassen, dabei aber den Boden der klassischen Theorie nicht wesentlich verlassen wollten.“ (Hoffmann, 1979)

O. Wisdom versucht, von Fairnbairn beeinflußt,

„das hysterische (1962) und das depressive (1967) Neurosenbild umzuformulieren. Dabei legt er penibel Wert darauf, daß die Umformulierung die klassischen (…) Ansätze voll enthält. Seine wohl interessanteste Einführung ist die Annahme von „randständigen“ und „kernständigen“ Introjekten. Randständige Introjekte sind Objektrepräsentanzen, bei denen die Fremdqualität des Objektes noch voll erhalten ist, kernständige hingegen sind solche, bei denen im Ich eine Assimilation erfolgt ist – sie sind in die Identität übergegangen, sind Ergebnisse einer Identifizierung im originalen Wortsinn.“ (Hoffmann, 1979)

„Der gegenwärtig ausgearbeitetste Vorstoß in charakterologischer Richtung, der sich im wesentlichen über das Verständnis internalisierter Objektbeziehungen definiert, ist das Konzept vom „psychotischen Charakter“ (Glover 1925b; Frosch 1959, 1964), das sogenannte Borderline-Syndrom. Insbesondere Kernberg (zusammenfassend 1975) und Masterson (1977) haben den wesentlichen Gehalt des Borderline-Syndroms, das sich ihres Erachtens dynamisch eindeutig abgrenzen läßt, über einen bestimmten Typ internalisierter Objektbeziehungs-Pathologie bestimmt.“ (Hoffmann, 1979)

zu 3)
„Die charakterologischen Differenzen als Folge einer differenten Struktur von Ich, Ich-Ideal und Über-Ich sind wohl die naheliegendsten. Im angesprochenen Zusammenhang geht es darum, diese Unterschiede als Folge von Identifizierungen differenter Individuen mit differenten Objekten zu begreifen.“ (Hoffmann, 1979)
Versuche einer derartigen Darstellung stammen von Freud (1917, 1923), ferner von Rado (1927), Jones (1937), Sandler (1960), Loewald (1962), Lampl-de-Groot (1963), Rapaport (1967) und anderen.
Die überwiegende Mehrzahl der Arbeiten, die sich mit dem Über-Ich beschäftigen, berücksichtigen die Identifizierung zur Erklärung der individuellen Differenzen.

oben

Charakter als Folge und Weise des Erlebens und der Darstellung des Selbst

„Von allen Konstrukten der älteren und neueren Theorie der Psychoanalyse erscheint das Konzept des Selbst zur Erfassung dessen, was man Charakter nennen könnte, auf den ersten Blick besonders geeignet. Demgegenüber überrascht eigentlich, daß nur wenige Autoren diesem Ansatz gefolgt sind.“

„Hartmann definierte 1950 (…) das Selbst als Struktur, die aber keine Instanz sei wie Ich, Über-Ich und Es, sondern sich über die Instanzen erstrecke. Er stellt das Selbst (die eigene Person) dem Objekt gegenüber, während das Ich als Funktion von den anderen Instanzen abgrenzbar ist.“ (Hoffmann, 1979)

Die bekannteste Bearbeitung erfolgt durch E. Jacobson (1954, 1964) . Jacobson untersucht eigentlich die Entstehung von Ich und Über-Ich unter dem Zwillungsprinzip von Triebkonflikt und Identifizierung. Diese Objektniederschläge im Ich und Über-Ich schließen inhaltlich an das früher bereits Ausgeführte an. Jacobson verfolgt nun das Selbst konsequent auf der phänomenologischen Spur des Identitätsgefühls. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß nicht nur die Herstellung stabiler libidinöser Objektbeziehungen, fester, wohlorganisierter Ich-Identifizierungen, reifer Ich-Ziele und Ich-Autonomie Voraussetzungen einer stabilen Identitätsbildung sind, sondern auch die „Bildung und Existenz eines intakten, autonomen, wohlfunktionierenden Über-Ichs“ (1964)

Charakter und Charakterstörungen werden hier über Funktion und Dysfunktion des Selbst beschrieben.

So faßte später Kohut (1971, 1977) narzißtische Persönlichkeiten als „spezifische Störungen im Bereich des Selbst und der archaischen Selbst-Objekte, die noch nichzt getrennt und unabhängig vom Selbst erlebt werden“ auf.

Rapaport schreibt über den Unterschied zwischen Ich und Selbst:

„Das Selbst in der subjektiven Erfahrung ist etwas, das sich selbst beobachten kann. Das Ich kann das nicht. Das Ich ist etwas, das funktioniert. Es beobachtet sich nicht selbst…Man wird das Selbst innerhalb des psychischen Apparates so definieren müssen, daß es durch eine Ich-Funktion beobachtbar ist, die gleichzeitig als Hilfsorganisation innerhalb des Selbst definiert ist.“

F. Wyatt (1957) hat sich folgendermaßen geäußert:

„Die Eigenart des Charakters wird vermutlich zuerst durch ein subtiles Verhältnis von Triebregungen bestimmt; anders ausgedrückt, von einer subtilen Balance in den Ereignissen der individuellen Entwicklung, einer Balance von Anspruch und Befriedigung, Freiheit und Beschränkung, Aktivität und Passivität. In der Mitte steht die Selbstachtung, das diffizile Produkt eines gesunden Narzißmus. Sie garantiert vor allem anderen Unabhängigkeit. Die Gewohnheit der Unabhängigkeit bringt das Lebensgefühl der Autonomie mit sich.“

„Für Bollas (1974) liegt der ganze Akzent auf dem expressiven Moment. Charakter ist die „Sprache des Selbst“. Bollas verfolgt (recht oberflächlich) die Literatur unter dem Aspekt der Selbstdarstellung des Ausdrucksverhaltens. „Die Muster des Selbst werden wiederholt und konstituieren das, was wir den Charakter einer Person genannt haben“ (S. 410). „Charakter“, so folgert Bollas, „ist die dialektische Synthese unbewußter Interpretationen des Selbst und der signifikanten anderen. Sie bildet sich in den kritischen Entwicklungsstadien ensprechend dem strukturellen (Ich, Es, Über-Ich) Wechselspiel, innerhalb des Bezugsrahmens eines interpersonalen Prozesses, der dem Subjekt gestattet, Internalisierungen vorzunehmen und sich mit äußeren Objekten zu identifizieren“ (S. 411). Das Hauptziel des Charakters ist es, sich sozial darzustellen; dies als individuelle „parole“ und nicht als kollektive „language“…Bollas Formulierungen sind…originell in mehrfacher Hinsicht. Charakter wird bei ihm zum Träger der Erinnerung des Individuums an seine intra- und extrapsychischen Erfahrungen und Beziehungen mit einer Tendenz zum unbewußten Ausdruck derselben. Der Wiederholungszwang und andere Konzepte erfahren ungewohnte neue Interpretationen.“ (Hoffmann, 1979)

Auch B.A.Green (1967) plädiert für eine Erweiterung des Charakterkonzeptes mit Hilfe des Selbst-Konzeptes. Hoffmann:

„Die Entwicklung des Charakters kann so nicht nur als Ausdruck von Triebimpulsen oder als Abwehr von infantilen Ängsten gesehen werden, „sondern auch als Abwehr des Ichs gegen die Wahrnehmung seiner eigenen Schwäche – in sich selbst und in seiner Möglichkeit, mit der Umwelt fertig zu werden“ (S. 349). Charakter-Struktur wird zum Niederschlag der kontinuierlichen Versuche des Ichs, ein akzeptables Selbstbild zu erhalten. Die Wahrung des integralen Selbstbildes grenzt Green auf der einen Seite gegenüber dem Narzißmus ab, auf der anderen Seite schließt er dieses Motiv an Eriksons Entwicklungsstadien an.“

Es bleibt anzumerken, daß Grundzüge dieser Gedanken schon von Fenichel geäußert wurden (s.o.)

oben

Charakter als Folge und Weise der allgemeinen (nicht konflikthaften) Funktion des Ichs

Zu dieser Auffassungsweise zählen nach Hoffmann zwei wichtige Konzepte der allgemeinen Ich-Funktionen:

  1. Das Konzept der „kognitiven Stile“
  2. Das Konzept der „Ich-Grenzen“.

zu 1)
Um diesen Bereich hat sich, fernab der psychoanalytischen Öffentlichkeit, in den 50er und 60er Jahren v.a. Schüler D. Rapaports sich dabei mit psychoanalytischer Orientierung auf ein Gebiet gewagt, das bis zu diesem Zeitpunkt eine „Domäne der akademischen Psychologie“ und mit dem Namen G.S.Klein verbunden war. Die Ziele waren

  • systematischer Ausbau der Ich-Psychologie und
  • Erweiterung der Psychoanalyse zu einer Allgemeinen Psychologie.

Aus Sicht der Ich-Psychologie geht es hier um die Bereiche, die Hartmann (1939) „konfliktfreie Sphären“ des Ichs genannt hatte und die mit Kognition zu tun haben.

Speziell geht es um den individuellen, konfliktunabhängigen Kontakt eines Menschen mit seiner Umwelt, um seinen persönlichen, konstitutionellen Umgang mit seiner umgebenden Realität.

Rapaports Auffassung läßt sich nach Holt (1975) wie folgt beschreiben:

„Rapaport lehrte, das Verhalten eines Individuums sei weitreichend determiniert durch relativ feste, nur langsam sich verändernde innere Konfigurationen. Diese begrenzten die Verhaltensmöglichkeiten des Menschen und gäben dem Individuum einen umrissenen, zeitlich stabilen und deshalb wiedererkennbaren persönlichen Stil.“

Nach Gardner (1959) sind kognitive Stile „Mittel der Person, um die Eigenarten, Beziehungen und Zwänge von Ereignissen und Objekten so zu gestalten, daß aus der Sicht der Anpassung eine adäquate Lösung jener Absichten erfolgt, die zur Aufnahme des Kontaktes mit der Realität geführt hatten“

Hoffmann: „Inzwischen ist eine größere Anzahl solcher Stile beschrieben worden. Die Studie von Gardner u. Mitarb. (1959) etwa geht von sechs differenten Formen aus, die untersucht werden:

  1. „Leveling-sharpening“,
  2. „Tolerance for unrealistic experiences“,
  3. „Equivalence range“,
  4. „Focusing“
  5. „Constricted-flexible“,
  6. „Field dependence-independence“.

Alle Stile werden über Leistungen im Bereich der Wahrnehmung in entsprechenden Tests ermittelt und nicht über Persönlichkeitstests mit Konfliktmodellen.

Es würde den Rahmen dieses Referates sprengen, alle genannten Formen auszuführen. Stattdessen soll exemplarisch eine Auswahl erläutert werden:

„Leveling“ und „sharpening“ (Nivellierung und Verschärfung) dient zur Beschreibung von Wahrnehmungsstilen, die auf Holzman und Klein (1951) zurückgeht.

  • “ „Leveler“ nehmen globaler wahr, neigen zur Nivellierung der Einzelinformationen und lösen Figur-Grund-Muster schlechter auf.
  • „Sharpener“ verschärfen die Informationsgehalte, ihre Wahrnehmung ist insgesamt differenzierter.
    Dem Kliniker drängen sich hier rasch die Vorstellungen eines hysterischen und eines zwanghaften Wahrnehmungsstils auf. In der Tat sind positive Korrelationen zu solchen Strukturen vorhanden, aber es erscheint wichtig zu betonen, daß dieser Ansatz sich grundsätzlich von dem klinischen unterscheidet. Einen Übergang zwischen beiden Konzepten stellen die Ausführungen von D. Shapiro (1965) über „Neurotische Stile“ dar.““Am bekanntesten wurden wahrscheinlich die Untersuchungen zum „feldabhängigen“ und „feldunabhängigen“ Stil. Dieses Konzept wurde vor allem von H.Witkin entwickelt (Witkin u. Mitarb.1954; kurzgefaßt: Witkin 1965). Im Prinzip geht es um folgende zwei Wahrnehmungstypen:
    Soll im dunklen Raum ein Leuchtstab auf seine Abweichung von der Senkrechten hin beurteilt werden, so orientieren sich die „Feldabhängigen“ mehr an dem wahrnehmbaren (und experimentell verzerrten) Umfeld und die „Feldunabhängigen“ mehr an ihrem eigenen Gleichgewichtssystem. Über TAT, Rorschach und andere Verfahren gewann Witkin dann Persönlichkeitsvariablen, die er diesen Wahrnehmungsstilen zuordnen konnte.
    Feldabhängige zeigen demnach eine allgemeine Passivität gegenüber der Umwelt, geringe Selbstwahrnehmung, geringe Impulskontrolle, höhere Angst und ein schlechtes Selbstwertgefühl.
    Feldunabhängige zeigen die gegenteiligen Tendenzen.
    Wieder drängt sich dem Kliniker die Beziehung zu dem auf, was er als hysterisch und zwanghaft zu beschreiben gewohnt ist. Diese Beziehung wurde in der Nachfolge-Literatur, die inzwischen sehr umfangreich ist, auch belegt.“ (Hoffmann, 1979)

Ohne hier auf die damit verbundenen Namen einzugehen (,die sich im übrigen sämtlich bei Hoffmann finden), sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß es inzwischen auch eine Zuordnung von bevorzugten Abwehrmechanismen zu kognitiven Wahrnehmungsstilen gibt, die stichwortartig wiedergegeben werden soll:
„Leveler“ —> Verdrängung (vermutlich aufgrund der stärkeren Anfälligkeit
gegenüber emotionaler Beunruhigung)
„Scanning“ —> Isolierung und Projektion

Auch zwischen Gedächtnisleistungen und kognitivem Stil bestehen Beziehungen: hier sind „Sharpener“ besser Als „Leveler“.

Bendefeldt und Mitarbeiter (1976) fanden bei Konversionshysterikern eine stärkere Feldabhängigkeit und schlechtere Gedächtnisleistungen als in einer Kontrollgruppe.
zu 2)
Eine erste Bescheibung der „Ich-Grenzen“ geht laut Hoffmann auch eine Arbeit von V. Tausk (1919) zurück, damals, bezugnehmend auf ein bekanntes schizophrenes Symptom, als „Verlust der Ichgrenzen“.

Freud schreibt erst 1930 in „Das Unbehagen in der Kultur“ von „klaren und scharfen Grenzlinien“ des Ichs gegen die Außenwelt.

Nach Hoffmann war es P. Federn (1927) , der diesem Begriff dann innerhalb der Psychoanalyse zu größerer Beachtung verholfen hat:

„Bei Federn wird die Ichgrenze zur Ursache eines „dauernden Evidenzgefühls der Außenwelt, welches dadurch entsteht, daß die Eindrücke aus der Außenwelt eine mit einer besonderen Qualität an Sensation und Körper-Ich-Gefühl besetzte Körperich-Grenze passieren.“ Bereits zu diesem Zeitpunkt konzipierte Federn eine der Körperich-Grenze analoge, die das Ich nach innen abgrenzt (hier speziell die Ich-Überich-Grenze). Dieser Gedanke setzt sich in der Psychoanalyse ebenfalls durch.“ (Hoffmann, 1979)

Freud spricht erst in seiner Nachlaßschrift „Abriß der Psychoanalyse“ (1940) von den „Grenzen des Ichs gegen das Es“.

Eine zweite Konzeptualisierung, die mit der beschriebenen Ähnlichkeit hat, sich teilweise mit ihr vermischt hat und dennoch nicht mit ihr identisch ist, stammt aus dem Fachbereich der Neurologie:
Es handelt sich um den Begriff „Körper-Schema“, der 1911 erstmals von Head und Holmes verwendet wurde, und ursprünglich die Projektion der sensiblen Körper-Oberfläche in die Großhirnrinde bezeichnete.

B. Landis, der sich mit dem Problem der Ich-Grenzen beschäftigte, gibt 1970 eine Arbeit heraus, in der sich mit der Untersuchung der Ich-Grenzen befaßt.

Um „Ich-Grenze“ und „Körper-Bild (-Schema)“ begrifflich voneinander zu trennen, schreibt er:

„Als Faustregel kann man sagen, daß die Grenzen des Körper-Bildes ein engeres begriffliches Gebiet einschließen als die Ichgrenzen“

Zur Erklärung führt Hoffmann interpretierend aus:

„So könnten etwa die Ichgrenzen eine andere Person einschließen, während dies für das Körperbild nicht möglich sei.“

Für seine Untersuchung der Ichgrenzen geht Landis (1970) von einer einzigen Dimension aus, die zwei Pole besitzt, die er „Permeability“ (Permeabilität) und „Impermeability“ (Undurchlässigkeit) nennt.
Permeabilität (P) bezeichnet dabei eine „relative Offenheit der Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich. Sie drückt das Ausmaß aus, in dem das Ich einer Person der Welt zugänglich ist“.
Impermeabilität (I) bezeichnet „eine relativ feste, undurchdringbare >Mauer< zwischen Ich und Nicht-Ich“ (Landis 1970)
P- und I-Scores werden gewonnen über Rorschach-Auswertungen. Sieht beispielsweise ein Probant überwiegend „undurchlässige“ Dinge in den Tintenklecksen, wie etwa Koffer, Geldbörsen etc, spricht dies für eine P-Dominanz (P-Dominant).
Sieht er überwiegend „durchlässige“ Dinge in den Klecksen, wie etwa Wolken, Geister etc. spricht dies für eine I-Dominanz (I-Dominant).
Bei der Interpretation der Ergebnisse gibt sich Landis dann vorsichtig:
Feste Ich-Grenzen können einerseits Zeichen von Stabilität, andererseits aber auch Hinweis für Abgrenzung bis zur Abgeschlossenheit bedeuten. Offene Ich-Grenzen dagegen können sowohl für mangelnde Stabilität, als auch für Flexibilität und Kreativität stehen.

„In einem weiteren Schritt seines Vorgehens läßt Landis die Rorschach-Protokolle mit extremen I- und P-Werten von einem anderen Beurteiler in der üblichen charakterologischen Form auswerten. So erhält er Persönlichkeitsmerkmale, die den P-Dominanten und I-Dominanten zugeordnet werden.“

Die Ergebnisse faßt Hoffmann wie folgt zusammen :

  1. Gewisse Persönlichkeitsunterschiede der zwei Gruppen lassen sich festhalten (…).
    Für die P-Dominanten fallen unter anderem auf:
    Geringe Impulskontrolle; Eingehen auf jeden Reiz; abgewehrte aggressive Konfliktneigung; Ambivalenz und Überempfindlichkeit in den Beziehungen zur Umwelt; emotionales Überengangement; Überwiegen von plötzlichen Attraktionen in den persönlichen Beziehungen.
    Beispiele für Charakterzüge von I-Dominanten sind:
    Bereitschaft zum Eingehen auf emotionale Reize; höheres Bewußtsein passiv-aggressiver Konflikte; Anpassung an soziale Forderungen; Furcht vor zu großer Nähe in menschlichen Beziehungen; Tendenz zu manipulativem Kontrollieren der Umwelt.
  2. Eine dichotome Typologie ist nicht zu erstellen. Die Unterschiede scheinen mehr eine Frage des Ausmaßes als des Prinzips. Eine Reihe von gemeinsamen Zügen in beiden Gruppen fällt auf.
  3. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gruppen liegt auf der Ebene des Strebens nach innerer und äußerer Kontrolle. Hier kommen die I-Dominanten auf viel höhere Werte als die P-Dominanten….
  4. Problemlöse-Aufgaben erbrachten folgende Unterschiede:
    Die I-Dominanten zeigten mehr psychische Distanz und Zurückhaltung in ihrem Umwelt und zwischenmenschliche Beziehung betreffenden Vorgehen.
    P-Dominante waren sozial beweglicher und boten in allen Bereichen größere Nähe.

„Von besonderer Bedeutung erscheint die Frage der Beziehung von P-Dominanz und I-Dominanz zu klinischen Typologien. Nur Ansätze liegen bisher vor. Immerhin sind Untersuchungen über P-und I-Dominanz an zwei Gruppen von Neurotikern durchgeführt. Die Ergebnisse:
Hysteriker zeigen (wie zu erwarten) eine etwas größere Permeabilität als „normale“ P-dominante Versuchspersonen. Vielleicht heißt das, daß die Ichgrenze beim hysterischen Neurotiker tatsächlich durchlässiger ist, wie die psychoanalytische Theorie das auch annimmt.
Erstaunlich ist das Ergebnis dagegen bei den Zwangsneurosen. Sie, deren „Charakterpanzerung“ in der Literatur so oft beschrieben wurde, zeigen eine geringere Impermeabilität als I-dominante „normale“ Versuchspersonen. Dieser Befund ließe die Interpretation zu, daß die neurotische Störung wirklich feste Ichgrenzen ausschließt und das, was beim Zwangsneurotiker nach außen hin so auffällt, etwa Isolierung und Intellektualisierung, mehr Versuche sind, Defekte der Ichgrenzen abzusichern und nicht gelungene Ich-Rekonstruktionen. Dieses Verständnis entspräche der psychoanalytischen Abwehrtheorie, die Abwehr weitgehend als Überbrückungsversuche von Ich-Schwäche versteht.“ (Hoffmann, 1979)

oben

Typologisierungsversuche

Aus heutiger Perspektive lassen sich nach Hoffmann die bisherigen Typologisierungsversuche in folgende Kategorien einteilen:

  1. allgemeine Typologisierungsversuche
  2. „Spezielle“ Klassifikationsansätze, unter denen sich folgende Untergruppierungen abgrenzen lassen:
    1. die „triebgenetische Charaktertypologie“, „die ihre einzelnen Unterformen nach der Art der libidinösen Fixierung bezeichnet. Also: oraler, analer, urethraler, phallischer und genitaler Charakter“, von denen „nur noch die Formen des oralen, des analen und des phallischen (-narzißtischen) Charakters“ in Gebrauch sind,
    2. die ursprünglich aus der Psychiatrie stammende und gegenwärtig – auch in der Psychoanalyse – wohl am meisten verwendete „klinische Charaktertypologie“.
      Hierunter fallen nach Hoffmann „Persönlichkeitsbilder, deren Bezeichnung sich von weitergehenden Störungen (Neurosen und Psychosen) ableitet. Also: zwanghafter, hysterischer, schizoider, depressiver, masochistischer, phobischer und andere Charaktere.

      • Die „erste psychoanalytische Zusammenstellung einiger Charakterbilder“, die „sicher ohne großen systematischen Entwurf erfolgt“ ist, stammt laut Hoffmann von Feigenbaum (1930) und ist leider über den deutschen Bibliotheksverkehr im Original nicht erhältlich. „Hierbei wurden folgende Typen herausgestellt:
        • Der Neurasthenisch-hypochondrische Charakter (P. Schilder)
        • Der Angstcharakter (E. Jones
        • Der Hysterische Charakter (F. Wittels)
        • Der Zwangscharakter (B. D. Lewin)
        • Der Reaktive Charakter (A. S. Lorand)
          Mit Reaktiver Charakter ist hier nicht der Oberbegriff, sondern eine besondere Form gemeint. Insgesamt wurden diesen offensichtlich als Charakterneurosen (in meiner Interpretation) verstandenen Bildern noch drei Aufsätze zum
        • Neurotischen Charakter „als Kriminellem“ angefügt.“ (Hoffmann, 1979)
      • W. Reich gab 1931 in systematischer Weise unter den triebgehemmten Charakteren drei Bilder, nämlich den hysterischen, den zwanghaften und den despressiven Charakter, an. Doch schon „1933 ist diese Systematik wieder gelockert (Überschrift: „Einige umschriebene Charakterformen“).“
      • Otto Fenichel faßt seine „reaktiven Charaktere“ zu vier Gruppen zusammen:
        • Phobische und hysterische Charaktere
        • zwanghafte Charaktere
        • zyklische Charaktere
        • schizoide Charaktere
        • Die vielfältigen namentlich abweichenden Formen werden diesen Grundtypen untergeordnet.
      • Nach mehreren Ansätzen kommt auch Schultz-Hencke, der Begründer der Neopsychoanalyse, 1951 auf vier Grundtypen: hysterischer, zwanghafter, schizoider und depressiver Charakter. Als „Reserve“ fügt er den neurasthenischen Charakter hinzu. Diese Einteilung ist inhaltlich sehr ähnlich der von Fenichel, ein wichtiger Unterschied zu Fenichel besteht jedoch in der strikten Beschränkung auf die genannten vier Grundneurosetypen und deren Kombinationen untereinander.
    3. die psychosozial orientierten Typologien, als deren Hauptvertreter Erikson (1959), Fromm (1947), Horney (1945), Rank (1929) , und Jung (1921) genannt werden.
      • Auch wenn Erikson keinen typologischen Ansatz im eigentlichen präsentiert, so ist seine Ausarbeitung dennoch der am weitestgehenden systematisierte Ansatz der psychoanalytischen Charakterologie aus psychosozialer Sicht geworden. Aber – und das verdient besondere Betonung – wenngleich dieser Ansatz systematisiert ist, so ist er doch gleichzeitig dynamisch und entwicklungsbezogen. Die Grundannahme Eriksons ist, daß gerade kein einfach bleibend nachweisbarer Charakterzug entsteht, sondern daß in jedem Lebensalter eine besondere Form des Niederschlags phasenspezifischer Krisen sich nachweisen läßt. So entspricht am Beispiel der Identität, die sich als solche erst in der Pubertät manifestiert, dieser im Säuglingsalter (triebgenetisch: orale Phase) die „Unipolarität“, im Kleinkindesalter (anale Phase) die „Bipolarität“, im Spielalter (phallische Phase) die „Spiel-Identifikation“, im Schulalter (Latenz) die „Arbeits-Identifikation“. Man könnte diese Manifestationen in früheren Stadien als Vorläufer der Identität ansehen. Im frühen Erwachsenenalter kommt es zum Niederschlag der Identität als „Solidarität“. Die weitere Ausführung fehlt.
        Karen Horneys Klassifikation ist explizit keine triebdefinierte, sondern sie basiert auf drei möglichen Grundbezügen eines Individuums zu seinem Gegenüber. Der Gefügige (compliant) Typ geht auf den anderen zu und zeichnet sich in seinen sozialen Beziehungen durch Wünsche nach Abhängigkeit und Intimität aus. Er ist aggressionsgehemmt und im Selbstwerterleben stark von der Meinung anderer abhängig. Der Abgelöste (detached) Typ distanziert sich emotional von anderen und scheut zu große Nähe. Überhaupt neigt er dazu, seine Gefühle zu unterdrücken. Der Aggressive Typ strebt nach Kontrolle über seine Umgebung, da diese eine potentielle Bedrohung für ihn darstellt. Er unterdrückt insbesondere alle weicheren Gefühlsregungen, in günstigen Fällen reagiert er höflich, aber kühl-distanziert, sonst häufig direkt aggressiv.
        C. G. Jung beschreibt zwei Grundtypen, den Extravertierten und den Introvertierten, wobei er die Gesichtpunkte des Denkens, Empfindens, Fühlens und der Intuition zugrundelegt, die eigentliche Definition eber über die besondere Subjekt-Objekt-Beziehung dieser Typen, also nach psychosozialem Gesichtspunkt vornimmt.Also gilt für den Extravertierten: „Interesse und Aufmerksamkeit folgen den objektiven Vorkommnissen, in erster Linie denen der nächsten Umgebung…. Dementsprechend richtet sich auch das Handeln nach den Einflüssen von Personen und Dingen.“ Für den Introvertierten dagegen gilt, „daß er sich nicht…vorwiegend am Objekt und am objektiv Gegebenen orientiert, sondern an subjektiven Faktoren“ Auf die weitergehende , auf Mann und Frau sowie auf die vier „psychologischen Grundfunktionen“ bezogene Differenzierung dieser Typologie kann hier nicht näher eingegangen werden.
        Zuletzt noch ein paar Worte zur Klassifikation Erich Fromms in fünf Charaktertypen, die, wie Hoffmann nachvollziehbar anmerkt, trotz Fromms Kritik an der Libido-Theorie, eine Zuordnung zu den jeweiligen triebgenetischen Definitionen erlaubt. Mit einer kurzen Aufzählung der Charaktertypen nach Fromm und der in Klammern angefügten triebgenetischen Definition möchte ich die Ausführungen zur psychosozial definierten Typologie beenden :

        1. Die rezeptive Orientierung (triebgenetisch: oral-passiv)
        2. Die ausbeutende Orientierung (triebgenetisch: oral-sadistisch)
        3. Die hortende Orientierung (triebgenetisch: anal)
        4. Die schachernde (marketing) Orientierung (triebgenetisch: „passiv-feminin“)
        5. Die produktive Orientierung (triebgenetisch: genital)
    4. die eklektischen Typologien. Hierunter zählt Hoffmann u.a.
      • „die Ausnahmen“, „die am Erfolg scheitern“ und die „Verbrecher aus Schuldbewußtsein“ (Freud 1916)
      • den „ambivalenten Charakter“ (Nunberg)
      • den „Als-ob“-Charakter (H. Deutsch)
      • den „unharmonischen, zerrissenen Charakter“ (Fenichel)
      • den „acting out character“ (Fenichel)
      • die „Don-Juans of achievement“ (Fenichel)
      • die „dienende Magd“ (Heigl-Evers 1965)
        Diese Typen erheben keinen Anspruch auf eine Systematik, sondern sind schlicht prägnante Persönlichkeitsstudien.
        Hoffmann: „Wenn überhaupt jemals eine Systematik solcher eklektischer Bilder angestrebt wurde, dann ist das noch am ehesten der Fall bei den Typen, die Schultz-Hencke (1940) beschreibt.“ Die plastischen 13 (+3) Typen sind folgende:

        1. das stille Kind
        2. das überlaute Kind
        3. der gehemmte Jungendliche
        4. der Duckmäuser, der Streber
        5. der haltlose Jugendliche
        6. der Vagabund
        7. die Pubertät
        8. der Gefügige
          a) der Unterwürfige
          b) der Gesellschaftslöwe
          c) der Ultrakonservative
        9. der unschuldig Verfolgte
        10. der Lügner
        11. der Hochstabler
        12. der unberufene Prophet
        13. der ultraradikale Kritiker

Hoffmann äußert in seiner Monographie einige Bedenken gegen die klinische Klassifikation, insbesondere in der Schultz-Henckeschen Version mit Reduktion auf vier Grundneurosetypen. Seiner Ansicht nach werden durch sie nicht gut erfaßt: „Angsthafte und phobische Züge – diese müssen der hysterischen Charakterstruktur zugeschlagen werden; masochistische Züge – fallen an die depressive Struktur; paranoide Züge – fallen unter schizoid; impulshaftes Verhalten – gar nicht einzuordnen oder hysterisch; Suchtverhalten, Perversionen und andere Bilder. Auch die narzißtischen Persönlichkeiten (Selbstwertthematik) fehlen als Gruppe. Sie werden ebenfalls irgendwo anders eingeordnet. Diese erzwungene Unterordnung der nicht expliziten Bestandteile stimmt in dieser Form einfach nicht. Eine phobische Struktur ist etwas anderes als eine Persönlichkeit, die schlecht Angst tolerieren kann. Angstneurose und Phobie haben eine grundlegend verschiedene Dynamik…Die häufigen masochistischen Charaktere schaden sich unablässig durch ihre ständige Autoaggression, aber sie sind keineswegs alle depressiv. Die paranoiden Charaktere (Kretschmer: Sensitive Persönlichkeiten), ebenfalls regelmäßig anzutreffen, sind genausowenig immer schizoide Persönlichkeiten. Geradezu das Gegenteil ist für die Mehrzahl zutreffend.“
Als Lösungsmöglichkeit gegen die Gefahr einer allzu großen Kompression der beschreibbaren Dynamik durch eine solche Klassifikation stellt Hoffmann einen zusammen mit W. Hoffmeister erarbeiteten eigenen Ansatz vor, bei dem sogenannte „generelle Ich-Leistungen“ (Impulskontrolle, Realitätsprüfung, Angsttoleranz, Wahrnehmung, Sublimierungsfähigkeit, Selbstwertgefühl) mit sogenannten „speziellen Ich-Leistungen“ (der hysterische (Verdrängung), der phobische (Verschiebung), der zwanghafte (Reaktionsbildung), der depressive (Wendung der Aggression gegen das Selbst), der schizoide (Isolierung vom Affekt) und der paranoide Mechanismus (Projektion)) zueinander in Beziehung gesetzt werden.Hoffmann zu diesem Ansatz: „Eine einfache Typologie entfällt auf diese Weise, aber eine ausreichend reduzierte Beschreibung von Charakterstrukturen ist möglich, wobei die Dimension der Ich-Stärke/Schwäche noch besser sichtbar wird. Denn die Insuffizienz in den allgemeinen Funktionen des Ichs ist der traditionelle Indikator für jene Zustände, die wir Ich-Schwäche nennen.“ Wenn man die beiden Dimensionen mit jeweils sechs speziellen und generellen Funktionen in ein Koordinatensystem einträgt, „dann wird der wechselseitige Bezug rasch sichtbar. Dabei liegt die Aussage über das Ausmaß der Charakterpathologie deutlich mehr auf seiten der generellen Ich-Funktionen als auf seiten der speziellen Ich-Funktionen, die eher Ausdruck der individuellen Struktur sind….Typologisierung aus dieser Sicht erfordert mehrere beschreibende Sätze, wahrt aber noch die Möglichkeiten einer Kurzmitteilung.

Dem französischen Psychoanalytiker J. Bergeret und seiner Monographie 1974 kommen nach Hoffmann bezüglich eines speziellen Klassifikationsansatzes eine besondere Bedeutung zu: „Durch die etwas verwirrende und mit Problemen behaftete Dreiteilung des Charakterbegriffs in Charakterstruktur (Grundstruktur), Charakter und Charakterzüge schafft es Bergeret, eine in sich geschlossene und – wenn man die Schwierigkeiten berücksichtigt – auch überzeugende Klassifikation vorzulegen, die in gleicher Weise (trieb-) genetische und klinische Aspekte wahrt. Die Definition der einzelnen Untergruppen kann in diesem Rahmen nicht ausgeführt werden. Si erfolgt im Sinne Bergerets dezidiert strukturell nach der Art der Ängste, des Ausmaßes der Libido-Regression im Ich, der Art der Objektbeziehungen, der Art des Konfliktes, der Hauptabwehr und nach weiteren Gesichtspunkten. Hier wird eine ausgesprochene Ähnlichkeit zur Betrachtungsweise von Kernbergs gradueller Einteilung der Charakterstörungen sichtbar.“

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Literatur

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Fenichel, Otto (1945)
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ins Deutsche übersetzt von Klaus Laermann:
„Psychoanalytische Neurosenlehre“
Psychosozial-Verlag 1997, 3 Bde.

Freud, Sigmund (1900)
„Die Traumdeutung“
Psychologie, Fischer-Verlag

Freud, Sigmund (1905)
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“
Psychologie, Fischer-Verlag

Freud, Sigmund (1908)
„Charakter und Analerotik“
in: Schriften zur Krankheitslehre der Psychoanalyse
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Freud, Sigmund (1913a)
„Die Disposition zur Zwangsneurose“
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Freud, Sigmund (1915)
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Freud, Sigmund (1917)
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Freud, Sigmund (1920)
„Jenseits des Lustprinzips“
in: Das Ich und das Es
Psychologie, Fischer-Verlag

Freud, Sigmund (1923)
„Die infantile Genitalorganisation“
Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, IX, 1923

Freud, Sigmund (1939)
„Der Mann Moses und die monotheistische Religion“
G.W. XVI, (1934-1938), S. 101

Hoffmann, S. O. (1979)
„Charakter und Neurose. Ansätze zu einer psychoanalytischen
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Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2. Auflage 1996

Jung, C. G. (1921)
„Psychologische Typen“
GW Bd. 6, Walter, Olten, Freiburg i.Br. 1971

Reich, Wilhelm (1933)
„Charakteranalyse“
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1989