Mobbing und Mobbing-Folgen | Therapie

Mobbing selber ist keine psychiatrische Erkrankung.

Eine Therapie wird erst dann nötig, wenn jemand im Verlauf eines Mobbing-Prozesses seelische Schäden erlitten bzw. psychische Störungen entwickelt hat. Dies allerdings wird, je länger der Mobbing-Prozess andauert, immer wahrscheinlicher, denn Mobbing ist gesundheitsschädlich! Ist jemand an den Folgen von Mobbing erkrankt, behandelt man schwerpunktmässig diese Folge-Schäden, also z. B. eine reaktive Depression oder ein Burnout-Syndrom. Gelegentlich findet man bei Mobbing-Opfern während der therapeutischen Arbeit aber auch Persönlichkeitszüge, die den Mobbing-Prozess begünstigt haben können. In seltenen Fällen entstehen im Verlauf der Therapie Zweifel, ob es sich überhaupt um „Mobbing“ gehandelt hat oder ob der Betroffene sich nicht nur als Mobbing-Opfer wähnt und stattdessen eine ganz andere Störung hat. Denkbar wäre z. B. eine Anpassungsstörungoder eine Persönlichkeitsstörung. In diesen Fällen muß gemeinsam mit dem Patienten das Behandlungsziel neu definiert werden. In den allermeisten Fällen finden sich nach meiner Erfahrung Mischformen der oben genannten, sodass die sich daraus ergebende Therapie sehr individuell auf den einzelnen Betroffenen ausgerichtet werden muß und nicht selten längerfristig angelegt werden muß.

Therapeutische Beziehung und Therapie-Inhalte

Noch viel bedeutsamer als bei vielen anderen seelischen Störungen ist bei der Behandlung von Mobbing-Opfern die Entstehung einer verlässlichen und vertrauensvollen therapeutischen Beziehung. Der durch den Mobbing-Prozess verwundete und geschwächte Patient steht dem aufrichtigen Hilfsangebot eines Therapeuten meist besonders dankbar und offen gegenüber, ist aber gleichzeitig extrem sensibel gegenüber Kritik und Zurückweisung. Er kann oft seine Wut und Empörung etwas besser äussern als rein depressive Patienten und wirkt deshalb im ersten Eindruck oft kompetenter und handlungsfähiger als ein schwer depressiver Patient. Wer daraus aber ableitet, dass ein solcher Patient geringerer Schonung und einer kürzeren psychotherapeutischen Begleitung bedarf, irrt m. E.. Anders als beim depressiven Patienten gibt es im Leben eines Mobbing-Patienten eine reale Niederlage zu verarbeiten. Er fühlt sich nicht nur klein und als Versager, sondern er hat eine soziale Auseinandersetzung verloren und identifizierte sich mit dieser Niederlage. Für den Arzt ergibt sich in dieser therapeutischen Beziehung oft die Schwierigkeit, vom Patienten in der Rolle des „Verbündeten“ fixiert zu werden und wenig Raum für eine sachliche und kritische Situationsanalyse zugestanden zu bekommen. Klärungsversuche, Relativierungen oder Versuche, einen anderen Standpunkt einzunehmen, manchmal schon alleine die übliche ausführliche Erhebung der Anamnese empfinden viele Patienten als Zurückweisung und haben das Gefühl, auch der Therapeut glaube ihnen nicht. Wenn Menschen über eine längere Zeit Mobbing-Prozessen schutzlos ausgesetzt werden, entwickeln sie tatsächlich Verzerrungen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung, die die ursprünglich falschen Unterstellungen der Mobber je länger je mehr zu selbsterfüllenden Prophezeihungen machen. Das ist ein besonders perfider Mechanismus des Mobbing. In der sensiblen Anfangsphase des therapeutischen Prozesses ist es deshalb eine oft heikle Aufgabe zu klären, ob der aktuelle Zustand des Patienten tatsächlich Folge von Mobbing ist oder bereits prämorbid bestanden und wesentlich zum „Mobbing“ beigetragen hat. Oft sind solche wichtigen Klärungen erst in späteren Therapiephasen möglich, wenn die Beziehung sich etabliert hat und Konfrontationen ertragen werden. (s.u.) Ein ganz wesentliches therapeutisches Ziel ist, den sich meist völlig hilflos und/oder gedemütigten Patienten wieder handlungsfähig zu machen. Natürlich sind Positionierungen und Interventionen, die den Erhalt des Arbeitsplatzes ermöglichen, immer primär anzustreben, sofern noch eine Resthandlungsfähigkeit und zumindest kleine innere Freiräume bestehen. Es kann aber auch bei einem Mobbing-Patienten die eigenhändige Kündigung des Arbeitsverhältnisses die erste selbstbestimmte Handlung in eigener Sache nach langer Zeit sein, aus der dann weitere regenerative Energien freigesetzt werden können. Zumindest muß ganz offen darüber gesprochen werden, dass die Wiederherstellung des Wohlbefindens das oberste Ziel und der sofortige Wechsel des krankmachenden Umfeldes eine jederzeitige Option ist!Ein späteres ganz wesentliches Therapiezielist, gemeinsam mit dem Patienten verstehen zu lernen, welches die Eigenanteile am Geschehen sind, insbesondere, weshalb es dem Patienten nicht gelungen ist, sich vor dem destruktiven Prozess besser zu schützen. Dieser Therapieschritt ist besonders entscheidend, hierzu gehört auch das Ziel, ausufernde Vermeidungsstrategien des Patienten mit gezielten Übungen einzugrenzen und zu neutralisieren. Der verloren geglaubte Raum muß wieder zurückerobert werden! Für die therapeutische Arbeit ist die Klärung, ob tatsächlich Mobbing stattgefunden hat bzw. um was genau es eigentlich ging, selbstverständlich auch wichtig. Noch wichtiger aber ist zu verstehen, daß sich der Patient als Mobbing-Opfer fühlt, was dies für ihn bedeutet und was er dagegen tun kann. In der Behandlung ist derArzt der Verbündete des Patientengemeinsam wird nach Lösungen gesucht! Wenn dann im Laufe der Behandlung der Patient sein Selbstvertrauen und seine Souveränität zurückgewinnt, kann sich der Blick zwanglos auf andere Aspekte des Mobbingprozesses weiten. In dieser Phase werden dann auch kritische Selbstbetrachtungen besser vertragen. Ungeduld im therapeutischen Prozeß und Drängen auf rasche Therapieerfolge, rasche Wiederaufnahme der Arbeit bei Krankschreibung etc.. vertragen sich nicht mit diesem Störungsbild!Der therapeutische Prozess muss wesentlich auf die Stärkung des Selbstwertgefühls fokussieren. Dazu helfen neben gesprächspsychotherapeutischen Interventionen v.a. auch kognitive Strategien wie im Kapitel Depressionen beschrieben. Wie bei depressiven Menschen ist auch hier der Zeitfaktor ein ganz entscheidender sowie die Entlastung von aufrechterhaltenden Störungsbedingungen (d.h. Abstinenz vom Ort des Geschehens!). Die Massnahmen müssen sich aber natürlich v.a. auch am Ausmass der bereits eingetretenen Schädigung orientieren. Spezifische Medikamente für Mobbing-Opfer existieren nicht. Die „Identitätskrise“ ist in der Regel inhaltlich zu lösen. Es geht um die leidvolle Verarbeitung von Desillusionierungen, auch um Trauerarbeit sowie darum, sich neu aufzustellen und aus dieser Position heraus das Vergangene neu zu bewerten und dadurch „aufzuarbeiten“. Viele Patienten erleben die Einnahme eines Antidepressivums als zusätzliche Schmach, nicht als Hilfe. Sie reagieren entsprechend besonders sensibel auf Nebenwirkungen und setzen die Substanzen besonders oft eigenmächtig ab. Stattdessen besteht ein erhöhtes Misbrauschspotential gegenüber Tranquilizern und „Schlafmitteln“, welches früh besprochen werden und welchem gegengesteuert werden muß! Je weniger Kränkungsaffekte und je mehr typische depressive Affekte und Ängste vorherrschen, umso aussichtsreicher ist eine Begleitbehandlung mit Antidepressiva.

Manche Mobbing-Opfer weisen erhebliche Zeichen von Traumatisierungen auf, sodass auch trauma-spezifische Verfahren (z. B. autosuggestive Verfahren, Imaginieren etc..) zur Anwendung kommen können. Bei Patienten mit schweren Kränkungsgefühlen stellt die Stärkung des Selbstwertgefühls und die behutsame korrigierende kognitive Aufarbeitung einen Therapieschwerpunkt dar. Nicht selten dauert es in solchen Fällen sehr lange, bis überhaupt konkret über das Vorgefallene gesprochen werden kann, weil die Patienten wie bereits beschrieben die Konfrontation gar nicht aushalten. Trotzdem muß sie irgendwann erfolgen, damit eine Ausheilung erfolgen kann.