Magersucht, Bulimie und andere Essstörungen | Ursachen (Ätiololgie)

Ursachen (Ätiologie) und Entstehung (Pathogenese)

„Essstörung“ ist ein Überbegriff, unter dem verschiedene Störungsbilder zusammengefasst werden. Wie bei den meisten psychischen Störungen gib es auch bei den Essstörungen nicht die eine und einzige Ursache. Es gibt dagegen mehrere Erklärungsmodelle, die jeweils mögliche wichtige Aspekte bei der Entstehung der verschiedenen Essstörungen hervorheben und die jeweils in dem einen oder anderen „Fall“ mehr oder weniger das eigentliche Problem erfassen.

Ursache und Entstehung der Magersucht (Anorexia, anorexia nervosa)

Bei der Magersucht (Anorexie) werden im wesentlichen folgende Ursachen bzw. Entstehungswege vermutet:

  • Magersucht als Folge einer Schädigung umschriebener, für die Regulation der Ernährung und der Sexualität zuständigen Hirnregionen
  • Magersucht als Folge einer anhaltenden Diät mit nachfolgendem Verlust der kognitiven Kontrolle über das eigene Nahrungsbedürfnis: Aufgrund fastenbedingter Veränderungen im Stoffwechsel, im Wasser-, Elektrolyt- und Hormonhaushalt sowie im psychischen Befinden verselbständigt sich die Diät und treibt den Körper dadurch immer weiter in den Hungerzustand, während der oder dem Betroffenen gleichzeitig die Wahrnehmung für ihren tatsächlichen und Ernährungs- und Allgemeinzustand und die möglichen lebensbedrohlichen Konsequenzen abhanden kommtMagersucht als unbewusste Abwehr
    • von sexuellen Triebwünschen, wobei die Verweigerung der Nahrungsaufnahme symbolisch für die Weigerung gegen ein „Geschwängert-Werden“ stehen könnte, die Vermeidung einer jeglichen Gewichtszunahme als „Beweis“ für das Nichtbestehen einer Schwangerschaft und die negativen Folgen der Diät auf die sekundären Geschlechtsmerkmale sowie das Ausbleiben der Regelblutung für die Leugnung oder Negation der geschlechtlichen Rolle.
    • eines tiefsitzenden Ohnmachtsgefühls durch die Installierung einer vollständigen Kontrolle über das eigene Essverhalten, messbar durch das Körpergewicht
  • Magersucht als kompromisshafte unbewusste Abwehr ungelöster familiärer Konflikte, indem versucht wird, durch die Beherrschung der Triebe im innerfamiliären Gefüge eine Sonderstellung zu erlangen und sich selber damit über die Konfliktebene zu erheben

Ursache und Entstehung der Bulimie

Bei der klinisch anders erscheinenden Bulimie werden ähnliche Ursachen (eingeschränkte kognitive Kontrolle der Nahrungsaufnahme aufgrund einer komplex veränderten Stoffwechsel- und hormonellen Situation durch ausgeprägtes Fasten, Persönlichkeitsfaktoren und Mängel im Konfliktlöseverhalten) diskutiert, wobei der Suchtcharakter der Störung ausgeprägter zu sein scheint und auch eine besonders häufige Ko – Morbidität mit Suchterkrankungen besteht. Möglicherweise spielen bei der Entstehung der Bulimie äussere gesellschaftliche Faktoren, z. B. das herrschende Schlankheitsideal, eine noch höhere Bedeutung als bei der Magersucht, die dagegen vermutlich eine stärkere konstitutionelle Verursachung hat. Im Grunde weisen Bulimie und Anorexie hinsichtlich Ursachen und Entstehungsbedingungen grosse Ähnlichkeiten auf. Die Unterschiede lassen sich in grober Unterteilung folgendermassen zusammenfassen: Die Bulimie tritt in der Regel etwas später auf als die Anorexie, nicht selten geht der bulimischen Erkrankung eine Anorexie voraus. Für beide Erkrankungen gibt es Hinweise auf Erbfaktoren, dies allerdings deutlicher für die Anorexie. Das Identifizierungssymptom der Bulimie ist die Fressattacke, das der Anorexie die Untergewichtigkeit.

Allgemeine Ursachen von Essstörungen

Die Ursachen von Essstörungen lassen sich nach den Angaben der hier verwendeten Literatur (v. a. Fichter 2000, ggl. ergänzt nach Händel 1995) feiner differenziert in folgender Weise darstellen:

  • gesellschaftliche (soziokulturelle) Ursachen
    • Schlankheitsideal moderner Gesellschaften
  • konstitutionell-biologische Ursachen
    • Genetische Faktoren: sowohl die Bulimie als auch die Anorexie treten familiär gehäuft auf bzw. in Verbindung mit anderen psychischen Störungen in der Familie. Die Anorexie scheint etwas stärker genetisch mitbedingt zu sein als die Bulimie.es gibt offenbar biologisch verankerte, auf lange Sicht sehr präzise arbeitende Steuerung der Nahrungsaufnahme für
      • „1. langzeitige Signale, die sich an der Grösse der Fettdepots orientieren und
      • 2. kurzzeitige Signale, die mehr situations- und mahlzeitbezogen sind.“ (S. 1407)
    • Störungen/Läsionen im „Esszentrum“ (lateraler Hypothalamus) und/oder im „Sättigungszentrum“ (medialer Hypothalamus) mit nachfolgend entsprechenden Entgleisungen des Essverhaltens, Reduktion oder Steigerung der Nahrungszufuhr durch die Wirkung körpereigener Substanzen auf das Hungergefühl
      • Reduktion des Hungergefühls/der Nahrungszufuhr
        • Kortikotropin-Releasing-Hormon (CRH), ausgeschüttet im Hypothalamus, die Peptide Cholezystokinin, Glukagon, Bombesin, Gastrin-Releasingpeptid, Somatostatin, Calcitonin-gene-related-Peptid, Neurotensin, Leptin
        • Serotonin
      • Steigerung des Hungergefühls/der Nahrungszufuhr
        • Neuropeptid Y, Peptid YY (beide in der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet) Galaninß-Endorphin, Dynorphin, Growth-hormone-Releasing-hormone, Noradrenalin, Zusammensetzung der Nahrung, Geschmacksfaktoren
        • Stresssituationen
    • Endokrin-metabolisches Syndrom bei Essstörungen, vermutlich eher Folge als Ursache von Essstörungen. Man spricht auch vom „Starvationsmodell

Das „Starvationsmodell“ – Endokrin-metabolisches Syndrom als Folge von länger dauernden Essstörungen:

Beim endokrin-metabolischen Syndrom als Folge länger dauernder Essstörungen kommt es zu einer Reihe von Störungen, die im sogenannten „Starvationsmodell“ zusammengefasst werden:

  • Störung im Bereich der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse
  • bei untergewichtigen Magersüchtigen oder Bulimie-PatientInnen:
    • erhöhte Kortisolsekretion über 24 Stunden, dadurch auch regulatorisch verminderte CRH-Sekretion mit Auswirkungen auf Psychomotorik, Schlaf, Sexualität, Essverhalten, verminderte Sekretion von Kortisol auf Provokation mit Dexamethason
    • verminderte ACTH- und Kortisolausschüttung nach Gabe von CRH
  • Störung im Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-System
    • bei der weiblichen Anorexie: Erniedrigung von Östradiol und Progesteron sowie der LH (Luteinisierungshormon)- und FSH (Follikel-stimulierendes-Hormon)-Plasmaspiegel und Verkleinerung der Ovarien (Eierstöcke) mit nachfolgend Zyklusstörung, Amenorrhoe (Ausbleiben der Regelblutung, notwendiges Kriterium für die Diagnose einer Magersucht)
    • bei Bulimie: geringgradigere Störung, aber dennoch in 50% d. F. anovulatorische Zyklen und in 40% d. F. Störungen der Lutealphase, bei Übergewicht häufig polyzystische Ovarien und Hyperandrogenismus
  • Herabgesetzte Aktivität des Wachstumshormons trotz vermehrter Sektretion bei PatientInnen mit Magersucht
  • Verminderung der T3- und TSH-Ausschüttung nach Provokation mit TRH (Thyreotropin-Releasing-Hormon)
  • Störungen des Insulinstofwechsels bei untergewichtigen PatientInnen mit
    • Störungen der Glukosetoleranz
    • erhöhter Insulin- und Glucosekonzentration nach Nahrungsaufnahme
    • gesteigertem Fettabbau mit „Überschwemmung“ des Körpers mit Ketonkörpern und freien Fettsäuren
  • Verminderung der Aktivität des „sympathischen Systems“ (Adrenalin und Noradrenalin) bei Magersucht mit entsprechend erniedrigter Herzfrequenz, erniedrigtem Blutdruck und Störung der Körpertemperaturregelung
  • Verminderung der Serotonin-Aktivität bei untergewichtigen PatientInnen
  • Folgen des Erbrechens:
    • Elektrolytverluste (Hypokaliämie, Hypochlorämie) durch das häufige Erbrechen (und den selbsterzeugten Durchfall) mit Ausbildung einer hypokaliämischen Alkalose und nachfolgend
      • Gefahr lebensbedrohlicher Herzrhythmusstörungen
      • nicht rückbildungsfähiger Niereninsuffizienz
    • schädliche Folgen von erbrochenem Magensaft, z.B. Speiseröhrenverätzungen, Karies, Bildung von Speicheldrüsensteinen (Sialadenose)
    • Mechanische Probleme durch ständiges Erbrechen, z. B. Refluxösophagitis
  • Häufige Folgen des Übergewichts
    • Herz-/Kreislauferkrankungen, BluthochdruckDiabetes
    • gehäuft Bildung von Karzinomen an Ovarien, Gebärmutter, Brust und Gallenblase bei Frauen, an Kolon, Rektum oder Prostata bei Mängel

Weitere äussere und innere Ursachen und Faktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen

  • Spezifische adoleszente Konflikte (Rollenakzeptanz, Übernahme der Eigenverantwortung, Unsicherheiten in der Beziehung zum anderen Geschlecht), die nicht bewältigt, sondern phobisch gemieden und/ode abgespalten werden und durch Fokussierung auf die Nahrungskontrolle (unbewusst) kompensiert werden sollen.
  • Ausgeprägter Mangel an innerer Sicherheit und Selbstwertgefühl sowie defizitäre Prolemlöse- und Konfliktbewältigungsstrategien machen anfällig (vulnerabel) für Probleme in Verbindung mit gesellschaftlichen Erwartungen und Bewertungen von aussen (z. B. Schönheits-/Schlankheitsideal)
  • Spezifische Familieninteraktionsmuster oder frühe Mutter-Kind-Konstellationen als Ursache von Ess-Störungen konnten bislang nicht sicher empirisch bestätigt werden.
  • Häufige Diäten können die Entwicklung einer Ess-Störung mitbedingen, da die „Rebound-Phänomene“ (Jojo-Effekt, „Weight cycling“) nach kurzzeitigem Fastenerfolg durch die immer bessere „Futterverwertung“ zu immer weiteren und drastischeren Diäten „zwingen“.
  • PatientInnen mit einer Ess-Störung weisen überzufällig häufig auch affektive Störungen (z. B. depressive Episoden) auf, wobei nicht klar ist, ob es sich um eine Ursache oder eine Folge der Essstörung handelt. V. a. bulimische PatientInnen zeigen auch gehäuft einen erhöhten Alkoholkonsum und -missbrauch.

Ursache und Entstehung der Binge Eating Disorder

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Ursache und Entstehung der Orthorexie

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